Digitalisierung im Kontext – Teil 2: Die Neuerfindung der Unternehmensorganisation

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gehen die heute üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen auf die Zeit der Industrialisierung zurück – die Aufgaben waren zwar kompliziert, aber mit genügend Planung und Koordination konnte man Produkte mit hoher Automatisierung effizient herstellen. Diese Welt kennen wir alle – sie ist Kosten, Prozess und Effizienz-getrieben. Einige wenige im Vorstand geben die strategische Richtung vor nach ausgiebiger Evaluierung der Fakten durch Mitarbeiter. Da diese strategischen Planungen sehr weitreichend sind und oft mehrere Jahre umspannen, dürfen Fehler nicht passieren. Deshalb ja auch die intensiven Analysen – sie sollen der Absicherung dienen.

In einer komplexen Welt überblickt kein Einzelner mehr die Geschäftsmodelle

So weit, so bekannt. Immer mehr Unternehmen stellen genau diese Paradigmen nun in Zweifel. Es wird nämlich in der digitalen Welt immer deutlicher, dass diese zu komplex geworden ist, um noch planbar zu sein. Schauen wir uns nur alleine das Autonome Fahren an: Es gibt heute keine einzelne Person mehr, die alle Facetten durchdringen kann. Alleine die Vielzahl von Technologien, die hier mitspielen: Künstliche Intelligenz, vernetzte Dinge, die selbständig Entscheidungen treffen können, neue Transparenz und Sicherheit durch Blockchain – um nur einige zu nennen.

Und mit der Technologie alleine ist es ja nicht getan: Diese ist ja nicht isoliert, sondern bedingt eine komplette Hinterfragung der Geschäftsmodelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten von uns in Zukunft sehr viel weniger besitzen, dafür aber umso mehr Services in Anspruch nehmen werden. Um beim Auto zu bleiben: Warum noch ein Auto kaufen, wenn ich mit einem Fingertipp eines vor meine Haustür bestellen kann. Eine dramatische Änderung – die Automobilhersteller verkaufen keine Autos mehr, sondern bieten bestenfalls Mobilitätsservices an und müssen sich auch sonst viel einfallen lassen, um ihren heutigen Umsatz halten zu können. Das Gleiche gilt im übrigen natürlich auch für Hersteller von Rasenmähern, Haushaltsgeräten und (hoffentlich) auch großen Teilen unserer Kleidung. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Was ich damit sagen möchte: Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe von Vorstandsmitgliedern ist heute gar nicht mehr in der Lage, langfristige Strategieplanungen zu machen. Und das mit der Null-Fehler Toleranz kann man genauso vergessen. In zukünftigen “agilen” Unternehmen wird viel mehr ausprobiert werden – eine “Kultur des Tüftels”, die ein Scheitern mit einschließt. Gerade in Deutschland sicher ein großer Schritt. Dabei haftet dem Scheitern erstmal nichts Negatives an, wenn man daraus lernt. Nicht umsonst hält Jeff Bezos die Kultur des Scheiterns so hoch: “Failure and invention are inseparable twins. If you know in advance, that it’s going to work, than it is not an experiment.” Diese Sätze sind in seinem Shareholder Letter von 2016 zu finden.

Agile Unternehmen agieren wie Fussballspieler

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn die Organisationsform der Industrialisierung der einer Maschine glich, dann sind agile Unternehmen vergleichbar mit einem Fussballmannschaft. Im Gegensatz zur Maschinenwelt gibt es keine direkte Ursache-Wirkung mehr. In einer Produktionsanlage können Ingenieure nämlich noch genau vorhersehen, was passieren wird, wenn man an einer Stellschraube dreht. In der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr – Das Ursache-Wirkung Prinzip ist Vergangenheit. Die Welt heute kann man vergleichen mit der Erziehung eines Kindes oder eben mit einem Fussballspiel. Was einmal funktoniert hat, kann beim nächsten Mal daneben gehen. Planungen sind nur noch in begrenztem Maße wirkungsvoll. Unternehmen müssen sich darauf verlassen, dass die MItarbeiter aus der Situation heraus schnell im Team das Richtige tun – weil sie Experten sind und die richtigen Instinkte haben. Was ist dann noch die Aufgabe des Managements? Vereinfacht gesagt: Sie machen das, was ein guter Trainer macht: Den Teamgeist stärken, Selbstvertrauen geben, die richtigen Leute zusammenbringen – damit die Spieler im entscheidenden Moment das Tor schießen.

Digitalisierung im historischen Kontext – Teil 1: Wie hierarchische Organisationen entstanden

Fortschritt vollzieht sich nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Als letzter großer Schub wird die Industrialisierung gesehen – mit Erfindungen, die eine technologische Lawine und große gesellschaftliche Umwälzungen mit sich brachte.

Am Anfang stand die Dampfmaschine, sie war die Voraussetzung dafür, dass das industrielle Zeitalter seinen Lauf nahm. Es wurde nun möglich, Kohle aus größeren Tiefen zu fordern, denn das Grundwasser konnte nun abgepumpt werden.

Energie war also plötzlich in großen Mengen verfügbar.

Und nicht nur das – es wurde zentralisiert über Kraftwerke bereitgestellt. 1882 nahm in Manhattan in der Pearl Street das erste Kraftwerk seinen Betrieb auf. Unternehmen brauchten nun also nicht eigene Kraftwerke bauen, sondern konnten Energie in der gebrauchten Menge sehr einfach beziehen – das galt nicht nur für Fabriken, sondern bald auch für Individualhaushalte.

Das heißt, die Fabriken hatten, was sie brauchten, um komplizierte Dinge wie Autos zu einem Preis herzustellen, den sich viele Menschen leisten konnten. Neue Geschäftsmodelle und ganze Zulieferindustrien wurden geschaffen – wer in Baden-Württemberg lebt, weiß, was ich meine.

Es fehlt noch die Infrastruktur, deren Aufbau wiederum ohne Dampfmaschine nicht möglich gewesen wäre – die Eisenbahn. Waren konnten also schnell von der Fabrik in die Geschäfte zum Endverbraucher gebracht werden.

Eine bahnbrechende Erfindung hat also eine Kettenreaktion ausgelöst – die weit über die eigentliche Technologie hinausging.

Denn zu dieser Zeit entstanden die heutigen hierarchischen Organisationsstrukturen: Um so etwas kompliziertes wie ein Auto herzustellen, wurde der Herstellungsprozess in viele kleine Teile unterteilt, die Arbeiter hatten in immer wiederkehrenden monotonen Abläufen genau vorgegebene Arbeitsschritte zu verrichten. Die Aufgabe des Managements bestand darin, die einzelnen Abläufe möglichst gut zu koordinieren. Alles war effizienzgesteuert und alle Entscheidungen unterlagen Kosten/Nutzenüberlegungen. Dem oberen Management obliegt die Verantwortung für die vorausschauende Planung und Umsetzung der Geschäftsziele, das mittlere Management wacht über die korrekte Umsetzung der Planung. Für die Menschen in der Produktion wurde der Lohn als ausreichene Motivation angesehen. Spass und Selbstverwirklichung hatten in der Arbeitswelt wenig bis nichts zu suchen.

Ein Unternehmen funktioniert wie eine Maschine

So funktionieren die allermeisten Unternehmen bis heute. In dieser Welt herrscht das Ursache _ Wirkung Prinzip. Ein einmal erfolgreiches Vorgehen wird bei erneutem Einsatz zum selben Ergebnis führen. Konsequenterweise sind detaillierte Planungen, geringe Fehlertoleranz und eine ausgeprägte command-control Kultur Attribute dieser Organisationen.

Ihr Ursprung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Was davon in der digitalen Welt überleben wird – darum wird es im nächsten Beitrag gehen.

 

Digitalisierung = mit weniger Aufwand viel mehr erreichen

Das ist ja nicht neu für die Menschheit, denken wir an das Zeitalter der Industrialisierung – das liegt gerade einmal gut 100 Jahre zurück. Aber was in den kommenden Jahren auf uns zukommen wird, übersteigt alles bisher dagewesene. Und das ist auch dringend nötig, denn der Menschheit geht beim jetzigen Resourcenverbrauch der Planet aus. Schon heute verbrauchen 20% der Menschheit 80% der Energie. (http://www.iea.org/) Wir sind also gezwungen, etwas zu ändern. Wie soll das funktionieren? Durch Vernetzung – von Dingen und Menschen verbunden mit künstlicher Intelligenz.

Vernetzung von Dingen und Menschen gepaart mit künstlicher Intelligenz

Ein paar Beispiele gefällig?

Da ist zum einen das autonome Fahren. Der teuerste Gegenstand in einem normalen Haushalt ist (nach einer Immobilie natürlich) das Auto. Wenn ein Fahrservice per Fingertipp auf einem Smartphone bereitsteht, wie wahrscheinlich ist es dann noch, dass man ein eigenes teures Auto besitzt, das mindestnes 95% der Zeit nur herumsteht und Geld kostet? Experten sind sich ja schon lange einig, dass die Anzahl der Fahrzeuge drastisch reduziert werden wird, wenn das autonome Fahren sich etabliert hat.

Zusammen mit dem Durchbruch des Elektroantriebs wird der heutige Dieselskandal vielleicht bald wie eine Geschichte aus einer anderen Ära betrachtet werden. Und ja – ich bin überzeugt, dass sich Elektroantriebe sehr schnell durchsetzen werden. Alleine die Tatsache, dass China voll auf diese Technologie setzt, macht es auch für deutsche Autobauer interessanter. Die müssen sowieso schauen, dass sie dem Thema nicht hinterherlaufen, denn China strebt bei Elektromobilität die Marktführerschaft an und unterstützt dies mit jeder Menge staatlicher Anreize. Bei der extrem hohen Luftverschmutzung chinesischer Großstädte auch kein Wunder.

Dinge entscheiden selber und tätigen Geschäfte

Die wirkliche Revolution liegt aber darin, dass ein Auto mittels künstlicher Intelligenz selber Entscheidungen treffen und Geschäfte abwickeln werden. Es gehört keinem Individuum mehr, es bestimmt, wo es wann die Batterien auflädt – vielleicht bei einem Privathaushalt, der die in einer Batterie gespeicherte Sonnenergie als Ladestation für E-Autos verkauft, vielleicht auf einem Supermarkt, der die großen Parkflächen aus der Zeit des Individualverkehrs nicht mehr braucht und daraus große Sonnenkollektoren gemacht hat. Wenn ein Auto also einen Passagier zum Einkaufen fährt, vielleicht ist es dann am günstigsten, direkt vor Ort zu warten und in der Zeit aufzuladen, denn der Supermarkt bietet besonders günstige Konditionen. Das Auto steht im ständigen Kontakt mit der Umwelt – muss es ja sowieso, sonst wäre autonomes Fahren ja gar nicht möglich – und kennt die Standorte und Preise aller verfügbaren Lademöglichkeiten und kann mittels künstlicher Intelligenz die wirtschaftlichste Option bestimmen. Denn: Alles ist vernetzt.

Es geht also weg vom Individualbesitz hin zum Teilen – die Anfänge sehen wir ja heute schon mit AirBnb und Uber, gerne missverstanden als idealistische Abkehr vom Besitzdenken. Das habe ich nie nachvollziehen können, natürlich steht dahinter knallhartes Gewinnstreben. Aber es zeigt einen Trend der Zeit: Weniger Besitz, mehr Abwechslung

Weniger Besitz, mehr Abwechslung – warum nicht auch für Kleidung

Wenn es sich heute bald kein eigenes Auto mehr haben möchte, warum sollte ich dann noch Kleidung selber kaufen wollen? Darüber lohnt sich tatsächlich nachzudenken, denn wie oft wird Kleidung nur für wenige Anlässe getragen – sei es ein Theaterbesuch, eine Einladung zu einer Hochzeit, für einen Festivalbesuch oder zum monatlichen Stammtisch. Gerade als Frau möchte man nicht zweimal mit den selben Klamotten auftauchen – warum also nicht leihen? Der Vorteil wäre: Kleidung würde nicht mehr billig, sondern nachhaltig und langlebig produziert, damit es möglichst oft gewinnbringend “vermietet” werden kann. Erste Ansätze dazu gibt es ja schon. Und natürlich kann auch hier wieder künstliche Intelligenz in der vernetzten Welt auf besonders ausgefallene Stücke aufmerksam machen, die mir persönlich besonders gut stehen. Gerade bei der Textilindustrie wäre das enorm wichtig, denn sie verschlingt unglaubliche Mengen an Ressourcen. Sehr eindrucksvoll dazu dieser TED-Talk.

Alles wird ein Service – Kochen, Rasenmähen, Büro

Was für Autos und Kleidung gilt, kann natürlich auch für alle möglichen anderen Gegenstände gelten, die ich selber besitze. Ich würde vielleicht nicht mein Haus komplett vermieten, wenn ich im Urlaub bin, aber warum sollte ich mein Büro nicht anderen zur Verfügung stellen und damit Einnahmen erzielen? Mittels Blockchain Technologie wäre das sicher möglich – ich WEISS dann ja, wer in meine Wohnung kommt. Auch ohne Blockchain sind auch hier die Anfänge heute schon sichtbar in den vielen OpenSpace Arbeitswelten. Das gleiche könnte auch für mein Fahrrad, meinen Rasenmäher, meinen Thermomix gelten. Warum eigentlich nicht? Es würde Sinn machen, einen “Rasenmäher as a Service” von meinem Nachbarn zu mieten – und vielleicht noch einen “Studenten as a Service”der den Rasen mäht – oder selber “Rasenmähen as a Service” anbieten. Die Welt ist ja vernetzt und wird dadurch unglaublich effizient.

 

 

 

Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten der Unternehmen: Hierarchie und Prozesse

Quelle: HR Performance 3/2017, www.hrperformance-online.de., Sonderheft “Digitalisierung”

Gemeinsam mit Ralph Siepmann durfte ich im aktuellen Sonderheft “Digitalisierung”  der Zeitschrift HR-Performance darüber schreiben, warum die Digitalisierung an den Grundfesten von Unternehmen rüttelt und wie sich Organisationen der Herausforderung stellen können.

Hier können Sie den vollständigen Artikel lesen.

Digitalisierung ist Teil der Evolution – mit allen Konsequenzen

Diese Woche habe ich einige neue Denkanstöße zur Digitalisierung bekommen – auf der re:publica (neben eigenem Vortrag durfte ich unglaublich inspierierenden Menschen zuhören) und durch dieses Video:

Wir stehen ganz am Anfang

Es stammt vom Next Nature Network, das vom niederländischen Philosophen, Künstler und Informatiker Koert Van Mensvoort begründet wurde. Dort wird die These aufgestellt, dass mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde die Entwicklung der “Technosphäre” als weitere Schicht zu Atmosphäre und Biosphäre begonnen hat, die unsere Erde mitgestaltet. Besonders elektrisiert hat mich dabei der Ansatz, dass die Entstehung der Technosphäre nicht willentlich von der Menschheit entwickelt wurde, sondern sozusagen “passierte” – “it just happend to us”. Und sie verhält sich wie alles in der Natur – sie verbindet und wächst wie ein Organismus und entwickelt sich weiter – als Teil der Evolution. Mit anderen Worten: die Technologie, die der Mensch entwickelt, ist integraler Bestandteil des Ökosystems der Erde.

Zurück zur re:publica – Die Vorträge von Thomas Wagenknecht und Shermin Voshmgir zu Blockchain waren für mich Puzzlestücke, die den Ansatz Ansatz von Koert Van Mensvoort vervollständigen. Denn in beiden Vorträgen ging es nicht (nur) um Technologie, sondern was Blockchain möglich machen kann – nämlich nichts weniger als Werkzeuge zur Umgestaltung der Gesellschaft – mit SmartContracts und selbstorganisierenden Organisationen wurden ja schon erste Versuche gestartet. Blockchain steht noch ganz am Anfang, aber man ahnt, was sich daraus entwickeln kann. Und damit sind wir beim Punkt, auf den ich hinauswill: Wir müssen uns von der Illusion befreien, dass die Menschheit die technologische Entwicklung wirklich beherrschen kann.

Haben wir das jemals? Nein – natürlich nicht. Mit den Konsequenzen der technologischen Entwicklung werden wir in steigendem Ausmaß konfrontiert: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artensterben – die Liste ist lang. Und zeigt, wie die “Technosphäre” Auswirkungen hat auf den Planeten insgesamt – also auf Bio- und Atmosphäre. Beherrscht haben wir unser Tun also noch nie. Das hätte uns eigentlich Angst machen können, aber die Versuchung war größer: Technologischer Fortschritt bedeutet zunächst und mittelbar höhere Lebensqualität und Bequemlichkeit: Behandlung von Infektionskrankheiten durch Antibiotika, höhere Hygienestandards durch zentrale Wasser- und Energieversorgung,  immer angenehm temperierte Wohnungen, die mühelose Erreichbarkeit entfernter Länder durch Auto und Flugzeug – auch hier ließe sich die Liste lang fortsetzen.

Was ändert sich dann mit der Digitalisierung? Wir erreichen eine neue Stufe der Komplexität und damit Unbeherrschbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Ich möchte das am Beispiel des Autos verdeutlichen:

Das Auto in der analogen Welt

Vor der Digitalisierung bedeutete Autofahren für den Einzelnen mehr Mobilität und damit mehr persönliche Freiheit. Wir mussten nun nicht mehr zwingend zum Tante Emma Laden im Dorf, sondern hatten die Auswahl zwischen vielen Geschäften, die mit dem Auto in vertretbarem Aufwand zu erreichen waren. Die Supermärkte und Einkaufszentren vor der Stadt mit riesigen Parkflächen boten das moderne Einkaufserlebnis als Konsequenz daraus und veränderten das städtische Gefüge. Mit den Jahren und dem steigenden Wohlstand stieg die Zahl der Autos an, mit Folgen weit über den individuellen Autofahrer hinaus: Staus sind mittlerweile Alltag in allen dicht besiedelten Gegenden der Welt, die Innenstädte queren große Straßentrassen, Parkflächen machen ein Großteil des wertvollen urbanen Raums ein, vom CO2 Ausstoß durch Autos ganz zu schweigen.

Das vernetzte denkende Auto in der digitalen Welt

Betrachten wir nun den Quantensprung, der mit dem autonomen Fahren einhergehen wird.  Ich überspringe hier bewusst die Phase des digitalen Autos von heute – denn es beherrscht zwar schon tolle Dinge wie Fahrspurassistenz, Distanzregler und Regensensoren, die Aktionen triggern. Dies alles passiert aber INNERHALB des Fahrzeuges, die Kommunikation nach außen ist sehr limitiert. Und genau das ist der springende Punkt beim autonomen Fahren: Das Auto vernetzt sich mit der Welt außerhalb und interagiert aktiv damit – wird also selbstständig und ja auch selbstDENKEND.  (Wenn sie die nächsten Zeilen lesen, denken Sie daran, dass die Technologie im Prinzip schon da ist und nur noch nicht die komplette Marktreife erreicht hat.)

Nehmen wir an, Sie möchten in ein paar Jahren mit Ihrer Familie über das Wochenende ans Meer fahren. Per Fingertip auf dem Smartphone steht das autonome Fahrzeug vor Ihrer Haustür. Sobald Sie sitzen, weiß das Auto, dass zwei Erwachsene und zwei Kinder eingestiegen sind – die Sensoren in den Sitzen haben das Gewicht gemessen. Da ja keiner mehr am Steuer sitzt, ist Zeit für Ablenkung: Anhand ihres Bewegungsprofiles vom Smartphone kennt das Auto ihre bevorzugten Restaurants: Italiener der gehobenen Mittelklasse. Genauso eines bietet ihnen über den Screen im Fahrzeug einen Rabatt von 10% auf das Abendessen, wenn Sie sofort buchen. Das Restaurant liegt auf ihrer Route Richtung Meer, sie werden um die Abendessenszeit vor Ort sein und der Tisch wird gedeckt sein. Schließlich kommunizieren Gaststätte und Fahrzeug miteinander. Sie sehen also – Digitalisierung ist Vernetzung von allem mit jedem – weit über das Ökosystem Automobil hinaus. Und daraus entwickeln sich komplett neue Geschäftsmodelle. Autos werden nicht mehr gekauft, sondern als Service gebucht bei Bedarf. Und zusätzliche maßgeschneiderte Erlebnisse werden angeboten – das ist Teil des Geschäftsmodells und auch hier wieder – Rundumsicht auf die Welt: Präferenzen der Passagiere, Wetterdaten (bei Sonnenschein vielleicht ein Biergarten) und natürlich sonstiges Konsumverhalten: Sie sammeln alte Uhren – auf dem Weg liegt ein altes Traditionsgeschäft, das immer wieder Besonderheiten im Sortiment führt. Vielleicht ist der Regulator aus dem 19 Jahrhundert ja dabei, den sie schon so lange suchen. Sie erkennen, welche Marketing- und Erlebnismöglichkeiten das Autonome Fahren für Unternehmen und Nutzer bietet. Das mag nicht alles genau so kommen – aber deutlich wird, dass wir Absatzmöglichkeiten komplett neu denken müssen.

In den bisher beschriebenen Szenarien haben “Dinge” dem Menschen nur Angebote gemacht, entschieden hat der Mensch, ob er sie nutzt oder nicht. Denkbar sind allerdings auch Szenarien, in denen das autonome Fahrzeug selber entscheidet, ohne aktives Zutun des Passagiers: Ein älterer Herr mit einem intelligenten Wearable am Handgelenk steigt ein und möchte zum Kaffetrinken in die Stadtmitte gefahren werden. Unterwegs misst der Sensor am Handgelenk dramatischen Blutdruckabfall – ein Notfall. Das Fahrzeug entscheidet nun selbständig in welche Klink es den Passagier bringt: abhängig von Straßenlage, Austattung des Krankenhauses (gibt es eine Kardiologie?), Informationen über den Belegungsgrad der Notaufnahme und und und.

Wir sehen also: “Dinge” können in nicht allzu ferner Zukunft Entscheidungen treffen. Gleichzeitig gibt es (heute schon!) komplett aus Code bestehende Unternehmen (DAO)- möglich gemacht durch Blockchain. Ist es da nicht konsequent, wenn Dinge geschäftsfähig werden? Es ist doch denkbar, dass ein Auto entweder ein Asset einer DAO sein könnte oder selber als eigenes Unternehmen fungiert mit eigenem Wallet (ein Bankkonto einer Kryptowährung, die auf Blockchain Technologie basiert) für das Ausführen von Finanztransaktionen.

Eine Welt ohne Mittelsmänner und ohne Korruption?

Verstehen Sie, warum mich das Video oben so elektrisiert hat? Dinge verselbständigen sich – und wenn wir bis dato schon keine Kontrolle mehr hatten, wird sich dies noch verstärken? Oder können wir sogar auf eine bestimmte Art und Weise die Kontrolle zurückerhalten? Auch hier kommt wieder Blockchain ins Spiel. Blockchain bedeutet, Informationen sicher und dezentral zu protokollieren – und zwar Informationen jedweder Art. Damit entfällt “the man in the middle” – also Mittelsleute jedweder Art. Keine Bank mehr für Transaktionen, kein Uber für Mobilitätsservice, kein AirBnB für Wohnungen, keine Manager, um ein Unternehmen zu führen (DAO!) und —– weder Behörden noch Notare, die bei Steuerzahlungen oder Eigentumsüberschreibungen benötigt werden. Zukunftsmusik? Schweden testet Grundbucheinträge über Blockchain, in Griechenland möchte man mit Blockchain die korrupte Bürokratie in den Griff bekommen. Und natürlich sind auch nachvollziehbare und sichere Wahlen damit möglich – jede Stimme wird nachvollziehbar und transparent gezählt.

Mein Fazit: Die Mechanismen, wie technische und menschliche Interaktionen funktionieren, gleichen sich an: Musste zu Zeiten der Industrialisierung ein Unternehmen wie eine Maschine funktionieren – prozessgesteuert und effizienz-getrieben, so haben sich Menschen mit der Vernetzung von Dingen auch virtuell vernetzt: Facebook, Twitter und Konsorten wurden globale Werkzeuge. Seit kurzem gesellen sich “Dinge” zu unserer Unterhaltung hinzu, rücken uns immer näher und fühlen uns schon den Puls. Und demnächst können wir uns der Mittelsmänner entledigen – geschäftlich und gesellschaftlich. Mal schauen, wann die Politik dies entdeckt und das Thema aufgreift – ich prognostiziere, dass sie es reflexartig bekämpfen wird. Aber wie gesagt: “it is happening to us” – es wird nicht kontrollierbar sein und ist  auch deshalb so spannend.

 

ctrlV004 – Steinbeis-Institut

Shownotes

Heute im Gespräch mit uns sind Professor Heiner Lasi und Frau Dr. Marlene Gottwald vom Ferdinand-Steinbeis-Institut in Stuttgart. Das Institut beschäftigt sich mit Digitalisierung und Vernetzung und die dadurch ausgelösten Veränderungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Frau Dr. Gottwald leitet das deutsche Regionalteam des Industrial Internet Consortiums (IIC), das sich zum Ziel setzt, dem Mittelstand eine Möglichkeit zur frühen Partizipation an den Entwicklungen der Industrial Internet zu geben.

Für Professor Dr. Lasi ist die Ressource Information schon lange vor dem heutigen Schlagwort „Industrie 4.0“ ein Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Digitalisierung bedeutet für beide eine Vernetzung der virtuellen Welt, um die reale Welt zu steuern. Dafür bringen sie vor allem mittelständische Unternehmen aus ganz verschiedenen Bereichen an einen Tisch, um Ideen für neue Geschäftsmodelle zu generieren. Eine große Herausforderung dabei ist, die Kompliziertheit am Anfang zu überwinden.

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Kontributoren

Gäste
avatar Dr. Marlene Gottwald
avatar Prof. Heiner Lasi
Kontrollverlust FM
avatar Dorothee Töreki
avatar Arnd Layer

ctrlV003 – Miriam Specht

Shownotes

Miriam Specht – unsere heutige Interviewpartnerin – ist Geschäftsführerin von Yellow Frog. Yellow Frog unterstützt Einzelpersonen und Unternehmen, das volle Spektrum an Fähigkeiten von sich selbst bzw. von Mitarbeitern zu erkennen und zu nutzen. Durch die Standard- Bewerbungsunterlagen und die gängigen Auswahlverfahren wird bei den meisten Unternehmen dieses Potential nicht erfragt und somit auch nicht erkannt.

Fast jeder Mensch sieht, wie er Dinge besser machen könnte. Als Psychologin weiß Miriam Specht sehr genau, dass die größte Kraft, die dem Menschen inne wohnt, die eigene Vorstellungskraft ist. Aber viele Menschen sind noch nicht soweit dies auszudrücken – vielleicht auch, weil hierarchische Strukturen die Weiterentwicklung von Ideen verhindern.

Abbau von Hierarchien ist leichter gesagt als getan, denn niemand möchte Status, Privilegien und Einfluß verlieren. „Gerade bei Führungskräften ist es wichtig, herauszufinden, was den Menschen antreibt, um diese Kraft dann sinnvoll einzusetzen.“ Idealerweise werden die Kompetenzen jedes Einzelnen sichtbar gemacht, damit er intrinsisch motiviert den bestmöglichen Beitrag zum Unternehmen leisten kann und das mit einer hohen Zufriedenheit.

Ihre Vision ist eine globale gemeinsame Plattform, auf der Menschen Ideen teilen, sich vernetzen und gemeinsam Neues entwickeln – also die Welt verändern.

„Für mich bedeutet Digitalisierung, die Möglichkeit, Potentiale freizusetzen.“

Einige Kunden von Yellow Frog beginnen jetzt damit, genau solch eine Plattform im eigenen Unternehmen zu schaffen. Neugierig geworden? Dann hören Sie sich den heutigen Podcast an…

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Kontributoren

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avatar Miriam Specht
Kontrollverlust FM
avatar Dorothee Töreki
Interview, Artikel
avatar Arnd Layer
Aufnahme, Interview