Was Truthähne, Bienen und Löwen mit digitaler Transformation zu tun haben

Diese drei Tiere versinnbildlichen für mich das Wesen der digitalen Transformation.

Der Truthahn – die Welt, in der wir aufgewachsen sind

Viele werden sicher die Parabel kennen, die mir zum ersten Mal im Buch “Antifragilität – Anleitung für eine eine Welt, die wir nicht verstehen”  begegnet ist: Würde man den Truthahn nach den Risiken in seinem Leben fragen, würde er sagen: “ich habe keine, mein Leben ist sicher. Täglich kommt ein Mensch und kümmert sich um alles, was ich brauche.” Das trügerische Gefühl der Sicherheit wird für ihn mit jedem Tag größer –  bis zum Abend vor Thanksgiving – da tritt ein unerwartetes Ereignis ein, dass das Gefühl für Sicherheit fundamental erschüttert.

Wir befinden uns gerade in der Phase vor Thanksgiving – uns in Deutschland geht es gut, der Beschäftigungsgrad der Bevölkerung ist so hoch wie lange nicht mehr. Trotzdem ist es gerade jetzt wichtig, sich eine  Welt vorstellen zu können, die ganz anders aussieht  und sich entsprechend darauf vorzubereiten. Die Herausforderung ist also, nicht zum Truthahn zu werden. So wie damals bei Kodak – ich weiß, das Beispiel ist schon ziemlich breitgetreten. Es bringt die Aufgabe aber auf den Punkt: Es reicht nicht aus, die Digitalkamera zu erfinden und sie dann in der Schublade verschwinden zu lassen. Ich muss mir eine Welt vorstellen können, in der ich als Unternehmen keine Filmrollen mehr verkaufen werde und meine Welt entsprechend umbauen.

Das ist natürlich immer sehr leicht dahin gesagt. Geht es auch konkreter? Nehmen wir das autonome Fahren als Beispiel. Dies ist kein Produkt, das ich kaufen kann oder eine einzelne Technologie, sondern ein Zusammenspiel von ganzen vielen Faktoren und Technologien, deren Auswirkungen auf unseren Alltag noch viel zu selten thematisiert werden. (hier dazu mehr). Wir wird diese Welt genau aussehen? Wir wissen es nicht! Aus Unternehmenssicht heißt das, ich muss mit Unsicherhheit umgehen lernen – langfristige Strategiepapiere wird es nicht mehr geben. Den kaum dass sie geschrieben sind, hat die Welt sich schon wieder so verändert, dass sie überarbeitet werden müssten. Das Ziel ist es also, schnell und flexibel auf das, was da auch immer kommen möge, reagieren zu können.

Flexible Organisationen sind wie ein Bienenschwarm

Wenn der Truthahn für eine Welt steht, die sich nur langsam bis gar nicht verändert, dann ist das die klassische Hierarchie. Mitarbeiter bekommen Arbeitsanweisungen und müssen diese ausführen. Selbstdenkende Mitarbeiter sind lästig und somit nicht erwünscht. Die Führung plant die Welt, die Organisation liefert die gewünschten erwartbaren Ergebnisse – wenn es gut läuft und niemand anders die Digitalkamera erfndert.

Wie ist das bei einem Bienenschwarm? Stellen Sie sich vor, man würde einer Biene eine Arbeitsanweisung geben, wann sie wo welche Blüte anzufliegen hat. Sie lächeln? Genauso handeln heute die meisten Führungskräfte. Dabei weiß die Biene von sich aus schon recht gut, wo sie den Nektar zu sammeln hat – ohne Prozesse und Management-Kontrolle. Wichtig ist, dass das Ziel bekannt ist. Das kann nicht funktionieren? Oh doch – das Beispiel von Buurtzorg wurde hier ja schon beschrieben. Ein Unternehmen wie ein Bienenschwarm – mit zufriedenen Menschen, die auch beim Eintritt ins Rentenalter noch freiwillig ein paar Jahre länger arbeiten. Weil die Arbeit Sinn-stiftend ist, denn die Pflegekräfte werden wir Bienen behandelt – sie wissen, was zu tun ist und was gut für die Patienten ist. Weiterentwicklung erfolgt durch Einbeziehung aller – verschiedene Perspektiven und Erfahrungen helfen, Risiken bei der Transformation zu minimieren. Kann man als agiles Unternehmen Fehler vermeiden? Nein! Sie sind Teil des Spiels. In einer nicht vorhersehbaren Welt werden Fehler passieren. Die muss man aktzeptieren – ein wichtiger Baustein der Unternehmenskultur. Kein Fingerpointing, sondern die sachlichen Gründe ausarbeiten, warum etwas nicht funktioniert hat und dann transparent für alle zugänglich machen. Damit alle lernen und Fehler nicht mehrfach gemacht werden. Diese Transparenz zu erreichen, ist beim Wandel von der Hierarchie zum agilen Unternehmen besonders wichtig.

Wird das von selbst passieren? Nein! Menschen, die über Dekaden gelernt haben, dass eigenes Denken unerwünscht und Fehler den Job in Gefahr bringen, werden nicht auf einmal vor Ideen und Eingeninitiative sprühen, nur weil der  Vorstand das gerade beschlossen hat. Diesen Wandel einzuleiten, ist Aufgabe der Führung. Und da kommt der Löwe ins Spiel.

Wenn aus den Lemmingen der hierarchischen Organisation eigenständig denkene Löwen werden sollen, muss die Führung selber erst zum Löwen werden. Und das geht anders, als jetzt viele vielleicht denken. Nämlich durch Authentizität! Konkret – Fehler eingestehen, zugeben, etwas selber nicht zu wissen und für Fehlschläge geradestehen. Nicht umsonst sind die Fuck-Up Nights zu einer weltweiten Bewegung geworden.

Fuckup-Nights – We live life without filter

Menschen zuzuhören, die sich auf eine Bierkiste stellen und über ihre Fehlschläge reden, hat etwas Inspirierendes und es macht Mut. Und die auf der Bierkiste machen die Erfahrung, dass Fehler zuzugeben (Transparenz) etwas ist, das Respekt einbringt und echtes Leadership ausmacht. Das macht anderen Mut, sich mit anderen Löwen auf die Jagd zu machen! Auch wenn die Beute mal entwischt, dann klappt es halt beim nächsten Mal.

Bewusstes Eingehen von Risiken ist der beste Weg um in der digitalen Welt des steten Wandels bestehen zu können. Oder um es mit den Worten von Thomas von Aquin zu sagen: (Danke Ralph Siepmann für das Zitat.

Digitale Lebensmittel – dezentral, nährstoffreich und disruptiv

Gerade  zurück von der Farm and Food in Berlin, möchte ich ein paar Einsichten teilen. Zum einen (natürlich), dass auch hier die Mechanismen der Digitalisierung Einzug halten. Egal ob John Deere oder Claas: Die großen Anbieter von Landmaschinen richten sich darauf aus, dem Landwirt aus Daten handfeste Services zu liefern, die den Verbrauch von Ressourcen verringern und den wirtschaftlichen Gewinn erhöhen sollen.

Nachhaltigkeit und mehr Gewinn durch Big Data

Die Landmaschine selber wird nur noch eine Komponente von vielen sein. Das beginnt mit der Auswertung von Langzeit-Wetterdaten in Verbindung mit Geodaten der Felder und einer aktuellen Wetterprognose. Wann ist der passgenaue Zeitpunkt zum düngen, wässern, ernten und verkaufen. Lohnt sich eine Lagerhaltung, weil der Marktpreis beispielsweise für Weizen in den nächsten Wochen steigen wird? Das bedeutet also, die Erkenntnisse werden nur noch zum Teil aus den Daten des Hofes gewonnen, sondern viel mehr aus der Kombination von vielen unterschiedlichen Quellen. So weit, so vorhersehbar für alle, die die Mechanismen der Digitalisierung kennen.

Caleb Harper: Aus Daten die idealen Bedingungen für gesunde, nährstoffreiche Nahrung schaffen

Schaut man sich an, womit sich gerade das MIT beschäftigt, erschließen sich noch ganz andere Potentiale aus Daten: Die Open Agriculture Initiative denkt die Erzeugung von Nahrungsmitteln neu: Transparente Herstellung, Vernetzung der Menschen und deren Wissensaustausch und dezentraler Anbei. In seinem TED-Talk bringt Caleb Harper es auf den Punkt:

“Wer Klima in Code beschreiben kann, kann Geschmack und Nährwerte codieren.”

Und zwar in sogenannten Food Computern – vereinfacht gesagt: Gewächshäuser, die die idealen Bedingungen für jedwedes(?) Lebensmittel nachbilden können auf Basis von Datenanalysen – Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Lichtzusammensetzung und Nährstoffe. Und das komplett OpenSource – wer will, kann sich solch einen Food Computer selber nachbauen, die Anleitungen sind auf der Webseite geteilt. Und natürlich inklusive Schulungen und Erfahrungsaustausch.

(Quelle: https://www.aspeninstitute.org/blog-posts/farming-future-looks-nothing-like-today/)

Es geht hier also keinesfalls um die sprichwörtlichen Hollandtomaten, die das Sinnbild für das entseelte Lebensmittel als Massenware geworden ist. Ob berechtigt oder nicht, sei einmal dahingestellt. Caleb Harper weist den Weg zu einem kompletten Paradigmenwechsel: Bislang liegt der Fokus bei der Produktion von Lebensmitteln auf niedrigen Kosten, Massenproduktion und Transportfähigkeit. Mit den Food Computern könnte die Erzeugung von Lebensmitteln wieder dezentral in die Hände von Millionen Individueen gelangen.

Eine Idee für Innenstadt-Konzepte?

Es hängt ja immer alles mit allem zusammen, in diesem Falle mit autonomen Fahrzeugen und den sich verändernden Innenstädten. Ralph Siepmann hat ja hier schon einige Artikel zu den Herausforderungen der Innenstädte durch den Online Handel und mögliche Lösungsansätze geschrieben. Der Druck, sich dem Wandel zu stellen, wird zunehmen, wenn sich die Anzahl der Autos durch autonome Fahrzeuge drastisch verringern wird. Wie geht man mit nicht mehr benötigten Parkhäusern um? Das wäre doch eine Lösung für eine Neunutzung. Und natürlich auch in Wohn- und Bürogebäuden. Und warum soll man nicht Bürgern zu Microfarmern machen, die Parkflächen zum Anbau von Obst- und Gemüse nutzen – sogar ganz ohne Foodcomputer. Mit “natürlichem” Klima und Boden.  🙂

Ich bin gespannt, ob und wie sich solche Ideen durchsetzen.

 

Was ist (künstliche) Intelligenz? Ein kurzes Essay.

Egal ob Data Mining, Roboter oder moderne Talentsysteme – in immer mehr Anwendungen oder Anwendungsfällen spielt künstliche Intelligenz eine Rolle. Selbst in der Organisationsentwicklung, natürlich in HR Systemen sowie in Management-informationssystemen. Daher verwundert es kaum, dass man immer wieder gefragt wird, “wie definieren Sie eigentlich Intelligenz bei einem künstlichen System”.

Tja, da kommt man in’s Grübeln, je nach Kontext. Jetzt ist es allerdings so, dass man auch bei Intelligenz beim Menschen oft in’s Grübeln kommt. Soweit ist die Maschine schon mal gleichberechtigt. Das soll hier aber nicht das Thema sein.

Es gibt keine genaue wissenschaftliche Definition – weder beim Menschen, bei Tieren und erst recht nicht bei Computern oder Maschinen. Es gilt also übergeordnete Dinge betrachten, wie “kann sich seiner Umwelt anpassen”,  “kann mit seiner Umgebung interagieren” oder “kann aus seinen Handlungen lernen”.  Ein Selbstbewusstsein wird hingegen nicht vorausgesetzt – das macht man bei Tieren auch nicht, obwohl diese mit Sicherheit Intelligenz besitzen.

Prinzipiell ist es so, dass künstliche Intelligenz versucht menschliche Muster nachzuahmen. Da man heute denkt damit recht weit zu sein, nennt man sie neuerdings “Kognitive Systeme”. “Kognitiv” ist als Begriff der menschlichen Erkenntnis- und Informationsverarbeitung und Voraussetzung für Lernen, Erinnern und Denken. Trotz neuronaler Netze ist man allerdings rein “mechanisch” (eigentlich elektronisch) noch nicht so weit. Während der Mensch in bewussten Handlungen seriell und in unbewussten nahezu beliebig parallel ist, können Maschinen zwar parallel Dinge aufnehmen aber bis heute nur seriell verarbeiten. Wenn auch mit vielen parallelen Diensten. Es bleibt abzuwarten, ob das Quantencomputing dies ändern wird.

Jetzt schauen wir aber erst einmal, wie es um die Intelligenz der Systeme bestellt ist. An dieser Stelle möchte in anmerken, dass einige Passagen direkt von Kris Hammond (siehe unten) übernommen wurden – dessen Arbeit mich auch zu diesem Artikel inspiriert hat.

Heute vor 20 Jahren wurde eine Zeitenwende eingeläutet.

Nun, die Zeitspanne von “20 Jahren” scheint sich bei dem Thema “Künstliche Intelligenz” stets wiederzufinden. Vom 3. bis 11. Mai fand in New York der Aufsehen erregende Wettkampf zwischen dem IBM-Großrechner “Deep Blue” und dem Schach-Weltmeister Garry Kasparov statt. Der intellektuelle Wettkampf Mensch gegen Maschine schien 1997 noch offen, der Verlauf der Partien war spannend. Eigentlich war dies ein Rematch, denn ein Jahr zuvor hatte Kasparov die Maschine in Philadelphia noch recht klar mit 4:2 geschlagen.

Jetzt wird reflexartig behauptet, Schach wäre ja für einen Computer einfach, da es berechenbar ist. Die Wahrheit ist (und war vor allem damals): Schach ist auch für die schnellsten Maschinen zu komplex um alle möglichen Varianten zu berechnen. Bei weitem nicht so komplex wie “Go” und “Deep Blue” hat sich 1997 (!!) auch noch nicht selbst trainiert – aber der “Brute Force”-Ansatz (alle 18,5 Trillionen möglichen Züge vorausberechnen) kann hier trotzdem nicht zum Erfolg führen. Es muss also eine Technik, einen Algorithmus geben, der das richtige Maß an Selektivität bringt. Bei der Berechnung von taktischen Abwicklungen (Insights, Predictive) waren sie auch damals schon sehr gut, nicht aber in der Spielführung bei geschlossenen Stellungen und bei der Entwicklung und beim Erkennen von langfristigen Plänen. Vor allem haben die Programme kein Gespür für Gefahren, wenn diese außerhalb des Rechenhorizonts lagen. Kasparov verlor die Partie trotzdem. Nach dem Spiel wurden zwei Aussagen dazu getroffen:
“Deep Blue, as it stands today, is not a ‘learning system.’ It is therefore not capable of utilizing artificial intelligence to either learn from its opponent or ‘think’ about the current position of the chessboard.”

“Any changes in the way Deep Blue plays chess must be performed by the members of the development team between games. Garry Kasparov can alter the way he plays at any time before, during, and/or after each game.”
Nun, das stimmt(e) soweit – ein Algorithmus oder ein Datenmodell kann sich nicht einfach automatisch anpassen. Es kann “nur” Vergangenheitsdaten auswerten und aus diesen Muster erkennen, Schlüsse ziehen und Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten treffen. Da dies sehr schnell, kann es bis zu einem gewissen Punkt strategisch spielen. Aber nicht ganz wie ein Mensch (Aussage 2). Kasparov hat nach einer gewonnen und einer verlorenen Partie die Weiterentwicklung von Deep Blue bemerkt (gespürt) und ein anderes Schach gespielt als sonst, er nannte es “Anti-Computer Schach”. All diese Partien endeten im Remis. Deep Blue konnte ihn mangels Daten nicht besiegen – Kasparov konnte aber auch nicht gewinnen – mangels Erfahrung – er musste zuvor ja noch nie “Anti-Computer Schach spielen”. So ist auch der Mensch bis zu einem gewissen Maße auf Vergangenheitsdaten angewiesen. Nur durch spüren und ahnen, also durch Unschärfen zu denen Computer nicht in der Lage sind, kann der Mensch sich schneller adaptieren. Sicherlich ein Merkmal und eine Auszeichnung der menschlichen Intelligenz.
Hier hätte sich allerdings nach hunderten von Partien gezeigt, wer schneller lernen kann – dann wären sowohl Daten als auch Erfahrung gestiegen. Lernen kann ein Computeralgorithmus also schon, sich selbst anpassen ist schwieriger (würden sich z.B. die Regeln des Spiels ändern) und damals war es noch nicht möglich. Im letzten Spiel hat sich aber auch gezeigt, was die menschliche Schwäche ist – Kasparow hat ein ungewöhnliche und gefährliche Eröffnung gemacht. Bei Menschen ein psychologischer Trick, die bei jemanden wie Kasparow etwas kluges und taktisches vermuten und dann defensiv spielen. Nicht so ein intelligentes System, dem diese Psychologie ja fehlt. Deep Blue gewann die Partie.

2011 dann das schwerste Spiel aller Zeiten – das Spiel mit der menschlichen Sprache. Hier gibt es nicht nur unendliche viele Möglichkeiten – man muss auch Kontext, Poesie, Reime und Wortspiele verstehen. Für die meisten Menschen bereits eine sehr schwierige Aufgabe.
IBM’s Watson bestand zum Zeitpunkt des „Jeopardy“ Spiels aus einem drei Millionen Dollar teuren Supercomputer, der auf einer fast fünf Terabyte großen Wissensdatenbank aufsetzte (online Dienste duften nicht benutzt werden). Watson errechnete für jede Frage Antworten mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit und entschied sich für die Antwort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Watson gewann das Spiel. Erneut wurde dieser Sieg als simple Heuristik und nicht als Anzeichen von Intelligenz bewertet. Das führt uns zu der Frage – was ist ein intelligentes System?

In Lebewesen entsteht intelligentes Verhalten durch die Verbindung von Reizen in der Großhirnrinde. Genau betrachtet sind es Muster, die erkannt und verarbeitet werden können. „Durch eine Glasscheibe kann man nicht fliegen“ wäre z.B. ein Muster, das ein Mensch mehrfach zu interpretieren weiß, das ein Vogel aus Erfahrung lernen kann, einer Fliege aber vollständig verwehrt bleibt. Im Bezug auf das Schachspiel wurde Kaparov nach seiner Niederlage, wieviel Schachzüge er sich pro Sekunde überlegen könne. Die Antwort war: weniger als einen. Wie also hatte er eine Chance gegen einen Gegenspieler, der mehrere hundert Millionen Züge pro Sekunde berechnen konnte? Die große Fähigkeit des menschlichen Gehirns besteht darin, dass er eine riesige Menge an Muster extrem schnell parallel verarbeiten kann. Um Autofahren zu können, muss der Mensch eine Vielzahl von Mustern erkennen („Ist das ein Auto?“), bewerten („Fährt es auf meiner Spur?“) und darauf agieren („Muss ich bremsen?“) können. Dies geschieht nicht zwingend bewusst und es sind oft Ahnungen, eben ein Gespür. Im Falle von Kasparov wird geschätzt, dass er über hunderttausend Positionen (bzw. Muster) gleichzeitig auswerten konnte, um den besten Zug zu bestimmen. Ohne dazu aktiv nachzudenken.
Der Mensch verwendet ständig Muster – so können wir eine oft gesehene Person von vielen Seiten her erkennen, in verschiedener Kleidung und Lichtverhältnissen. Die im Internet beliebten „Captchas“, also die verzerrt dargestellten Buchstaben, beruhen auf der Eigenschaft, dass wir so viele Muster von Buchstaben besitzen, dass auch eine leichte Abwandlung einfach erkannt wird.

Einen Computer stellt so etwas vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Zumindest bis man ihn spezifisch auf diese Aufgabe trainiert hätte. Ein weiteres gutes Beispiel sind Schreibfehler oder vertauschte Buchstaben. Für das menschliche Gehirn – durch Mustererkennung – keine wirkliche kognitive Herausforderung. Wenn man zwei Seiten gelesen hätte, würde es anschließend kaum weiter stören:
Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems.
Ein intelligentes System würde an der Aufgabe scheitern. Bis man es auf die Aufgabe trainiert hätte – also z.B. zuerst Sprache ermitteln, die Möglichkeiten gegen ein Wörterbuch vergleichen, alle Ergebnisse auflisten und gegen den Kontext des Satzes vergleichen. Input – Verarbeitung – Feedback – Output. In etwa wie ein System das Verschlüsselungen knacken soll. Oder wie ein Mensch.

Wir glauben also gerne an die Einzigartigkeit menschlicher Intelligenz. Beim Versuch, den Übergang zu intelligentem Verhalten zu erkennen, müssen wir uns mit dem Unterschied zwischen angelesenem Wissen und praktischer Erfahrung beschäftigen, dem Widerstreit zwischen emotionaler und kognitiver Intelligenz und dem Unterschied zwischen Lernen durch Bilder, durch Sprache oder durch Nachahmen. Wir verstehen uns als Geschöpfe, die logisch denken. Doch die gesamte Verhaltensökonomie und ein Gutteil der Kognitionspsychologie argumentiert, dass wir überleben, indem wir wage miteinander in Beziehung stehende Daumenregeln verwenden. Also Heuristiken, Regeln, Abläufe – also Muster. Aber vor allem keine Ahnung von Statistik haben. Somit müssen wir Maschinen in diesen bereichen sehr wohl zugestehen, dass sie intelligent sind.
Aber was ist mit Emotionen und Kreativität? Spätestens da muss es doch zu Ende sein bei dem Maschinen. Oder nicht? Hier möchte ich gerne auf einen TED Talk von Damian Borth verweisen, bereits aus dem Jahr 2015 und heute riesige Schritte weiter.

Können Computer Emotionen? Können Sie sogar träumen?

Senitmentanalyse gehört schon zu den entablierten Aufgaben von Maschinen und diese helfen heute bereits Eingangsschreiben nach Dringlichkeit und Unmut zu sortieren oder gar Bewerber zu analysieren nach ihren Fähigkeiten – auch nach Teamfähigkeit oder emtionaler Intelligenz oder Kompetenz. Eine Maschine beurteilt Menschen in ihrem eigenen Gebiet? Ich will gar nicht darauf eingehen ob das gut oder sinnvoll ist, nur ob es möglich ist.

Wenn uns Intelligenz also besonders auszeichnet, dann ist es auch nicht überraschend, dass wir emotional reagieren wenn wir hier über Maschinen sprechen. Es fällt uns schwer, unbelastet über eine Technologie zu räsonieren, von der wir annehmen müssen, dass sie uns übertreffen wird, unsere Arbeitsplätze raubt und uns schließlich von der Erdoberfläche auslöscht. Es hilft alles nichts: Wir müssen die Natur von Maschinenintelligenz studieren, um zu verstehen, wie sie funktioniert, und ob wir ihr trauen können. Dann können wir erahnen, welche Rolle sie in unserer Welt spielen sollte. Im Besonders hilft uns die Herangehensweise die einzelnen Komponenten solcher Systeme genau untersuchen.

An dieser Stelle möchte ich auf die eingangs erwähnte Arbeit von Kris Hammond, dem “Periodic Table of AI” zu sprechen kommen. Hier werden die einzelnen Fähigkeiten mit den menschlichen verglichen und man kann hier bewerten, welche Fähigkeiten man für eine Aufgabe benötigt. So kann man dan tiefer einsteigen und Reife, Modelle sowie Anwendungsfälle genauer betrachten sowie die Einschränkungen besser verstehen.


Am Ende sei gesagt – auch wenn der Begriff “Künstliche Intelligenz” seit den 50er Jahren existiert, sich die Forschung seit den 60ern dem Thema stark widmet, viele Algorithmen bereits aus den 70ern stammen und alle 20 Jahre gesagt wird “Jetzt sind wir soweit” – das Thema “Kognitive Systeme” ist trotz Allem noch in den Kinderschuhen. Es führt kein Weg daran vorbei die Problemstellungen genau betrachten und ermitteln, ob man Daten und Ressourcen genug hat, um diese mit Maschinenlernen lösen zu können. Am Ende muss der Gewinn daraus ja höher sein als die Kosten. Fest steht allerdings auch: das Potenzial ist sehr sehr hoch, wenn man das Thema (die Technologie) richtig angeht und gezielt einsetzt.

Kairos oder die Kunst, Gelegenheiten zu nutzen

Wie immer, wenn ich mich in spezielle Themenbereiche hereinwühle als Vorbereitung auf einen Vortrag, einen Workshop oder eine Podiumsdikussion, bin ich überwältigt, wieviel faszinierende Projekte gerade gestartet werden. Dabei ist es vollkommen egal, ob es um Ernährung, Gesundheitssysteme, Versicherungen oder sonst irgendeine Industrie oder einen Fachbereich geht. Überall sind visionäre Menschen dabei, das Potential von Technologie konkret umzusetzen. Ein paar Beispiele gefällig?

Beispiele von drei Menschen, die eine Ahnung vom Wandel geben

Schon 2006 hat der Jos de Blok erkannt, wie Technologie Mitarbeiter in verteilten Teams miteinander vernetzen kann und hat für deinen Pflegedient Burzoorg sein Facebook für Unternehmen geschaffen. Nun war Austausch möglich und Information transparent für alle. Heute expandiert sein Pflegedienst in die ganze Welt – kostengünstiger als der Wettbewerb und mit einer Pflegequalität, die ihresgleichen sucht.

Christoph Jentzsch hat als erster ein Unternehmen gegründet, das nur aus Code bestand. Es hatte keinen Firmensitz in einem Land oder war der Rechtsprechung eines Staates zugeordnet. Möglich durch die Nutzung des Blockchain Potentials. Das Ergebnis: Die größte Crowdfunding Aktion der Menschheit – 140 Mio $ in 1 Monat. Am Ende ist das Projekt zwar gescheitert, aber wir stehen noch am Anfang.

Caleb Harper entwickelt eine Box, in der sich Klima mittels vieler Sensoren beliebig modellieren lässt, um Lebensmittel dezentral optimal herzustellen. Ein echter Paradigmenwechsel in der Produktion von Lebensmitteln – Millionen Kleinstfarmer in Städten vs gigantische Farmen, die Lebensmittel in fragwürdiger Qualität herstellen. “In the future we won’t have to ship food, we will simply shift data.” Dieses Zitat von Harper zeigt, wie weit er denkt.

Der Zeitbegriff der antiken Griechen – Chronos versus Kairos

Was bedeutet das für unsere Welt heute? Noch reden wir vor allem über Wandel ohne in unmittelbar zu spüren. Ich bin dabei auf die beiden Zeitbegriffe im antiken Griechenland gestoßen: Chronos und Kairos. Chronos bezieht sich auf die sequentielle Abfolge von Ereignissen während Kairos für besondere Momente oder günstige Gelegenheiten steht.

Das Bild oben zeigt sehr anschaulich, was Kairos ausmacht: Der Hinterkopf ist kahl, den Gelegenheiten werden beim Schopf gepackt, mit der Sichel werden alte Zöpfe der Vergangenheit abgeschnitten um freier für die Möglichkeiten der Zukunft zu sein. Mit der Waage wird der richtige Zeitpunkt abgeschätzt, dann heißt es aber schnell zu sein – die Flügel an den Füßen helfen dabei. Gelegenheiten sind schließlich schnell vorbei.

Welches Sinnbild würde besser in unsere Zeit passen?

Manchmal lohnt eben doch auch die Sicht des Chronos: Ein Blick in die Vergangenheit, um sich alter Weisheiten zu vergewissern, die bis heute Bestand haben.

 

 

Zukunft Apotheke. Beispiele zur Digitalisierung, Kundenbindung und Innenstadt

Am 13.+14. November 2017 fand im Radisson Blue Hotel im Frankfurt der Branchentreff der Apotheker, Gesundheitsverbände und Pharmaindustrie statt. Zukunft Apotheke.
Der Gesundheitsmarkt ist stark reguliert bis hin zu stark überreguliert und von Lobbyismus geprägt. Jetzt muss man Lobbyismus sowie Interessenvertretungen wie die Apothekerkammer nicht gleich als etwas negatives sehen – aber ich habe auf jeden Fall ein erstes Fazit: ein wenig mehr Kontrollverlust wäre hier hilfreich. Natürlich nicht bei der Medikamentenzulassung, aber in vielen anderen Bereichen schon. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass die Verbände inzwischen mehr sich selbst nutzen und sogar denen schaden, denen sie eigentlich dienen sollten: den Apotheken und den Patienten.
Eine Bestandsaufnahme. Die deutsche Apothekenlandschaft ist weiter im Umbruch, denn: Handel ist Wandel und macht auch vor dem Apothekenmarkt nicht halt. Die voranschreitende Digitalisierung und neue rechtliche Rahmenbedingungen wie etwa das EuGH-Urteil zu Rx-Boni haben das Gefüge der Apotheken in Deutschland bereits ordentlich aufgemischt. Zudem steht ein Urteil aus, ob Drogeriemärkte (wie in anderen Ländern) auch Medikamente verkaufen dürfen, wenn diese nicht verschreibungspflichtig sind. Eine Beratung zur Anwendung könnte man auch in einer Drogerie erhalten. Wäre das nicht sogar in dem Namen “DROGerie” enthalten? Und dürfen Apotheken nicht auch Kosmetik, Sonnencreme und Bonbons verkaufen?
Ein weiteres Problem kommt auf die Apotheken zu – die sterbende Innenstadt. Denn die rezeptfreien Produkte leben ein Stück weit auch von Laufkundschaft oder Upselling. Was aber wenn die Leute online bestellen? Jetzt ist zwar die Beratungsqualität und die Produktverfügbarkeit – im Gegensatz zum Handel – bei den Apotheken hoch, aber nur wegen einer Apotheke geht man selten in die Stadt. Wenn man nicht eh schon zu krank dazu ist.
Wie reagiert der Gesetzgeber reflexartig? Mit einem Verbot. Nur so könne die Qualität und Sicherheit der flächendeckenden Versorgung mit Medikamenten gesichert werden. Aha. Das verstehe wer will. Wenn also jemand auf dem Land wohnt, weit weg von der nächsten Apotheke, dann sichert ein Versandverbot meine Versorgung? Das scheint mir wenig durchdacht.
Ein weiteres Beispiel – aufgezeigt von Max Müller, dem Strategy Officer von Doc Morris – ist der Apothekenbus. Dieser könnte größere Flächen im ländlichen oder strukturschwachen Raum abdecken und sogar per “Telepharmazie” eine Videoberatung mit einem Arzt oder Apotheker durchführen. Denkbar wären sogar Sonderfahrten zu kranken Personen – denn der ärztliche Bereitschaftsdienst hat ja keine Medikamente dabei. Klingt sinnvoll? Das scheint der Grund zu sein, warum es verboten ist.
Ebenfalls vorgestellt wurden automatisierte Apotheken, denn vielen Gemeinden geht es so wie dem aufgezeigten Beispiel in Hüffenhardt (Neckar-Odenwald Kreis). Wird eine Praxis oder Apotheke geschlossen, findet sich oft nur schwer ein Nachfolger. Wegen der geschäftlichen Entwicklung aber natürlich auch wegen der vielen Regulierungen. Die Apotheke könnte ja auch Fahrdienste haben, einen Arzt für Rezeprverlängerung oder die Medikamente versenden. Wenn sie denn dürfte.

Zurück zur Konferenz. Weiteres Thema war natürlich Veränderungen und Chancen der Digitalisierung. Welche Zukunftstrends haben konkrete Auswirkungen auf die Apothekenlandschaft in den nächsten 5 bis 10 Jahren? Wie können Verkaufsaktivitäten in der Apotheke digitalisiert werden? Welche Entwicklungspotentiale bergen Apotheken? Wird der Versandhandel weiter wachsen? Welche Rolle spielen die Apothekenkooperationen? Und, wie sieht das optimale Zusammenspiel von Hersteller und Apotheke aus?

Hier hat mir die Vorstellung von “Linda Apotheken” gut gefallen mit ihrer Multichannel- und Digitalstrategie als eine gute Verbindung von “Online” und stationärer Apotheke. Eine gute Erweiterung des Geschäftsfeldes und sicherlich auch ein gutes Mittel zur Kundenbindung.
Viel wurde diskutiert und spekuliert über einen möglichen Markteintritt von Amazon. Hierauf wären nicht viele vorbereitet. Den Kunden in den Vordergrund stellen, das ist man in dem Markt noch nicht so gewohnt. Er muss ja kommen, wenn er krank ist. Ärzte und Apotheker galten als eine “Instanz”, gleich hinter dem Pfarrer und noch vor dem Lehrer. Diese Zeiten sind aber vorbei. Ich denke auch hier gilt das Motto von Jeff Besos: “Disruption ist wenn man etwas macht das dem Kunden besser gefällt als vorher”. Schauen wir mal, ob man sich dann noch krank in die Stadt schleppen muss und ob man sich für eine Rezeptverlängerung in ein portenziell bakterienverseuchtes Wartezimmer begeben muss. Die Kunden würden andere Wege und Dienstleistungen mehr schätzen. Eine schöne Aufgabe für Design Thinking mit Personae, Empathy Map, Customer Journey Mapping, …
Eine Antwort gab es – mal wieder von Doc Morris. Also wenn jemand Amazon das Leben oder den Markteintritt schwer machen kann, dank Max Müller. Eine digitale Zukunftsvision:
Zum Schluss möchte ich aber noch eine schöne und interessante Begegnung erwähnen. Passend zum Thema Innenstadt und Kundenbindung. Frau Dr. Daub aus Dresden betreibt dort vier Apotheken. Sie kennt ihre Kunden, bietet viele Dienstleistungen, man interessiert sich dort persönlich, es gibt Kundenkarten und Studententarife sowie Dauerrabatte für chronische Krankheiten. Man kann auch einfach anrufen und wir beraten oder bekommt Aussagen zur Medikamentenverfügbarkeit. Nicht verfügbares ist am gleichen Tag noch da und es kann auch zum Kunden gebracht werden (wenn dieser bereits bekannt ist oder eine Kundenkarte hat). In dem schönen und erwürdigen Raum der City-Apotheke gibt es sogar mal Vorlesungen oder Weihnachtskonzerte. Also an Frau Dr. Daub liegt es nicht, wenn die Dresdner Innenstadt keine Kunden anzieht oder keinen Erlebnisraum bietet. Natürlich gibt es hier auch eine App. Apotheke untewegs.
City Apotheke Dresden

Estland – Heimat für den digitalen Weltbürger

Gerade habe ich auf der Solutions in Hamburg #SSH17 den Informationsstand von Estland besucht und ich war beeindruckt. Ich kenne kein anderes Land, das die Digitalisierung so ernst nimmt und mit großen Schritten vorangeht. Als Este begegnet man der analogen Verwaltung nur noch beim Hauskauf, der Heirat und der Scheidung.

Digitalisierung soll Estland in die Weltspitze katapultieren

Die Estin auf dem Stand sagte mir: Wir wollen weg von dem Land, in das man wegen der billigen Arbeitskräfte investiert. Wie wollen ein Land werden, das ideale Bedingungen für Start-Ups bietet, weil wir modern, flexibel und wirklich digital sind. Dann zeigte sie mir die Digitale ID Card, die jeder erwerben kann – egal, ob er Einwohner Estlands ist oder nicht. Digitalisierung bedeutet also auch in der Verwaltung und Politik eine Sicht auf Menschen als Weltbürger.

Was für eine Visison wird hier gerade Realität, während sich der Rest Europas mit der Abschottung der Grenzen beschäftigt! Großartig und nachzulesen hier.

“Estonia is creating a borderless digital society for global citizens as the first country to offer e-Residency.”

Denn was für Unternehmen gilt, gilt natürlich auch für Staaten und Gesellschaften. Um attraktiv für Investoren, kreative Köpfer und Macher zu sein, muss man sich öffnen und diesem Menschen etwas bieten.

Mit der Identity Card kann JEDER (!):

  • innerhalb eines Tages ein Unternehmen anmelden
  • Alle Behördengänge im Umfeld dieses Business können komplett online abgewickelt werden. Damit wird der BehördenGANG also überflüssig.  😉
  • Anstelle einer Unterschrift gilt die Digitale ID – Alle Dokumente können demnach digital übermittelt werden
  • die Steuern aus den Einnahmen werden (natürlich) ebenfalls komplett online übermittelt

Das Resultat: Über 20.000 digitale Bürger aus über 138 Ländern nutzen diesen Service. Bis 2025 will Estland mehr als 10 Millionen E-Residents ins Land holen. Ein belgischer Freiberufler nutzt die E-Residency, um in Estland sein Gerwerbe anzumelden, das in seiner Heimat  16.000 € kosten würde. Wenn die Gewinne in der FIrma bleiben, fällt keine Körperschaftssteuer an.

Ich habe dann noch gefragt, ob denn die Bürger keine Bedenken wegen Sicherheit und Datenschutz hätten. Darauf antwortete sie mir: “Doch es gab und gibt durchaus Bedenken, aber die große Mehrheit der Esten schätzt die Chancen höher ein als die Risiken”.

Estland setzt auf Blockchain Technologie für die sichere Transaktion von Daten. Muss es daher wundern, dass eine der größten Blockchain Technologie Firmen in Estland beheimatet ist? Guardtime heißt das Unternehmen und berät unter anderem die US-Regierung.

Ich bin sehr gespannt, wie sich Estland wirtschaftlich weiter entwickeln wird. Wahrscheinlich werden sie bald als leuchtendes Vorbild sehen. Und zeigt gerade den Briten wie ein moderner Staat sich aufstellen muss. Natürlich nicht nur den Briten.

Man sieht wie wichtig, Digitalisierung für unser aller Wohlstand ist. Trotzdem kommt es im aktuellen Wahlkampf nicht vor. Wir sind dabei, unsere Zukunft zu verschlafen.

“Willkommen in 2030 – Ich besitze nichts, habe kaum Privatsphäre – und das Leben war noch nie besser” *

In Singapur lebt man die Digitalisierung, (fast) alles geht per SmartPhone – von Bus bezahlen pro Station (einfach), Straßenmaut per GPS Daten (ohne ein Konsortium, das erst milliardenteuere Kamerabrücken aufbauen muss) bis zu Diensten wie Uber, über die man sogar eine Rikscha anfordern kann. In China setzt man auf Solarenergie, auf autonomes Fahren und auf künstliche Intelligenz – der Staat wohlgemerkt, als strategische Initiativen. Seoul ist “SharingCity” und lebt die Sharing Economy. Was will man erreichen?

Sharing City ist eine neue Alternative für soziale Reformen, die viele wirtschaftliche, soziale und Umwelt-Probleme der Stadt lösen kann und gleichzeitig neue Geschäftsfelder eröffnet, auf Vertrauen basierte Verhältnisse wiederherstellt und die Verschwendung von Ressourcen bekämpft“

Sehr faszinierend und sehr zukunftsträchtig. Die Welt hat nicht die Ressourcen, um allen Menschen den verschwenderischen Lebensstil der “westlichen” Welt zu ermöglichen. Alle werden sich umstellen müssen. Die Sharing Economy wird also kommen. In Deutschland schaffen wir es aber nicht einmal Parkplätze zu teilen, beispielsweise von Händlern und Kaufhäusern – die diese mit Ladenschluss ebenfalls schließen oder private Parkplätze während man selbst nicht da ist. Oder die Spielplätze von KiTas am Wochenende für alle Kinder. Sportplätze von Schulen. Es gibt immer nur Bedenken (Versicherungsfragen, Beschädigungen) und Überregulierung. Lösungen will keiner anbieten. Diese Geisteshaltung schafft es leider auch bis in die Firmen und so fristet diese Thema in Deutschland noch ein Schattendasein, das sich auf CarSharing beschränkt.

* Der Titel ist ein Zitat aus dem  World Economic Forum

Die Sharing Economy hat unglaubliche Potenziale und sie wird die Geschäftsmodelle ändern wie fast nichts vorher. Es ist besser wir bereiten uns darauf vor – oder noch besser, wie gestalten diese aktiv und liefern Erkenntnisse und Technologie dafür in alle Welt. Deutschland wäre eigentlich bestens positioniert dafür. Außer unserer Einstellung zu lange an altbewährtem festzuhalten und Änderungen generell sehr skeptisch zu sehen.

Diese Änderungen werden zu uns kommen! Ob wir wollen oder nicht. Ob wir die Augen verschließen oder nicht. Ob die Politik schläft oder nicht.

Die Digitalisierung und die Änderungen die mit ihr kommen werden, zum Beispiel eben die Sharing Economy und ihre Geschäftsmodelle, werde ich in den nächsten Wochen in einer Serie hier publizieren.

Digitalisierung im Kontext – Teil 2: Die Neuerfindung der Unternehmensorganisation

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gehen die heute üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen auf die Zeit der Industrialisierung zurück – die Aufgaben waren zwar kompliziert, aber mit genügend Planung und Koordination konnte man Produkte mit hoher Automatisierung effizient herstellen. Diese Welt kennen wir alle – sie ist Kosten, Prozess und Effizienz-getrieben. Einige wenige im Vorstand geben die strategische Richtung vor nach ausgiebiger Evaluierung der Fakten durch Mitarbeiter. Da diese strategischen Planungen sehr weitreichend sind und oft mehrere Jahre umspannen, dürfen Fehler nicht passieren. Deshalb ja auch die intensiven Analysen – sie sollen der Absicherung dienen.

In einer komplexen Welt überblickt kein Einzelner mehr die Geschäftsmodelle

So weit, so bekannt. Immer mehr Unternehmen stellen genau diese Paradigmen nun in Zweifel. Es wird nämlich in der digitalen Welt immer deutlicher, dass diese zu komplex geworden ist, um noch planbar zu sein. Schauen wir uns nur alleine das Autonome Fahren an: Es gibt heute keine einzelne Person mehr, die alle Facetten durchdringen kann. Alleine die Vielzahl von Technologien, die hier mitspielen: Künstliche Intelligenz, vernetzte Dinge, die selbständig Entscheidungen treffen können, neue Transparenz und Sicherheit durch Blockchain – um nur einige zu nennen.

Und mit der Technologie alleine ist es ja nicht getan: Diese ist ja nicht isoliert, sondern bedingt eine komplette Hinterfragung der Geschäftsmodelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten von uns in Zukunft sehr viel weniger besitzen, dafür aber umso mehr Services in Anspruch nehmen werden. Um beim Auto zu bleiben: Warum noch ein Auto kaufen, wenn ich mit einem Fingertipp eines vor meine Haustür bestellen kann. Eine dramatische Änderung – die Automobilhersteller verkaufen keine Autos mehr, sondern bieten bestenfalls Mobilitätsservices an und müssen sich auch sonst viel einfallen lassen, um ihren heutigen Umsatz halten zu können. Das Gleiche gilt im übrigen natürlich auch für Hersteller von Rasenmähern, Haushaltsgeräten und (hoffentlich) auch großen Teilen unserer Kleidung. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Was ich damit sagen möchte: Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe von Vorstandsmitgliedern ist heute gar nicht mehr in der Lage, langfristige Strategieplanungen zu machen. Und das mit der Null-Fehler Toleranz kann man genauso vergessen. In zukünftigen “agilen” Unternehmen wird viel mehr ausprobiert werden – eine “Kultur des Tüftels”, die ein Scheitern mit einschließt. Gerade in Deutschland sicher ein großer Schritt. Dabei haftet dem Scheitern erstmal nichts Negatives an, wenn man daraus lernt. Nicht umsonst hält Jeff Bezos die Kultur des Scheiterns so hoch: “Failure and invention are inseparable twins. If you know in advance, that it’s going to work, than it is not an experiment.” Diese Sätze sind in seinem Shareholder Letter von 2016 zu finden.

Agile Unternehmen agieren wie Fussballspieler

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn die Organisationsform der Industrialisierung der einer Maschine glich, dann sind agile Unternehmen vergleichbar mit einem Fussballmannschaft. Im Gegensatz zur Maschinenwelt gibt es keine direkte Ursache-Wirkung mehr. In einer Produktionsanlage können Ingenieure nämlich noch genau vorhersehen, was passieren wird, wenn man an einer Stellschraube dreht. In der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr – Das Ursache-Wirkung Prinzip ist Vergangenheit. Die Welt heute kann man vergleichen mit der Erziehung eines Kindes oder eben mit einem Fussballspiel. Was einmal funktoniert hat, kann beim nächsten Mal daneben gehen. Planungen sind nur noch in begrenztem Maße wirkungsvoll. Unternehmen müssen sich darauf verlassen, dass die MItarbeiter aus der Situation heraus schnell im Team das Richtige tun – weil sie Experten sind und die richtigen Instinkte haben. Was ist dann noch die Aufgabe des Managements? Vereinfacht gesagt: Sie machen das, was ein guter Trainer macht: Den Teamgeist stärken, Selbstvertrauen geben, die richtigen Leute zusammenbringen – damit die Spieler im entscheidenden Moment das Tor schießen.

Digitalisierung im historischen Kontext – Teil 1: Wie hierarchische Organisationen entstanden

Fortschritt vollzieht sich nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Als letzter großer Schub wird die Industrialisierung gesehen – mit Erfindungen, die eine technologische Lawine und große gesellschaftliche Umwälzungen mit sich brachte.

Am Anfang stand die Dampfmaschine, sie war die Voraussetzung dafür, dass das industrielle Zeitalter seinen Lauf nahm. Es wurde nun möglich, Kohle aus größeren Tiefen zu fordern, denn das Grundwasser konnte nun abgepumpt werden.

Energie war also plötzlich in großen Mengen verfügbar.

Und nicht nur das – es wurde zentralisiert über Kraftwerke bereitgestellt. 1882 nahm in Manhattan in der Pearl Street das erste Kraftwerk seinen Betrieb auf. Unternehmen brauchten nun also nicht eigene Kraftwerke bauen, sondern konnten Energie in der gebrauchten Menge sehr einfach beziehen – das galt nicht nur für Fabriken, sondern bald auch für Individualhaushalte.

Das heißt, die Fabriken hatten, was sie brauchten, um komplizierte Dinge wie Autos zu einem Preis herzustellen, den sich viele Menschen leisten konnten. Neue Geschäftsmodelle und ganze Zulieferindustrien wurden geschaffen – wer in Baden-Württemberg lebt, weiß, was ich meine.

Es fehlt noch die Infrastruktur, deren Aufbau wiederum ohne Dampfmaschine nicht möglich gewesen wäre – die Eisenbahn. Waren konnten also schnell von der Fabrik in die Geschäfte zum Endverbraucher gebracht werden.

Eine bahnbrechende Erfindung hat also eine Kettenreaktion ausgelöst – die weit über die eigentliche Technologie hinausging.

Denn zu dieser Zeit entstanden die heutigen hierarchischen Organisationsstrukturen: Um so etwas kompliziertes wie ein Auto herzustellen, wurde der Herstellungsprozess in viele kleine Teile unterteilt, die Arbeiter hatten in immer wiederkehrenden monotonen Abläufen genau vorgegebene Arbeitsschritte zu verrichten. Die Aufgabe des Managements bestand darin, die einzelnen Abläufe möglichst gut zu koordinieren. Alles war effizienzgesteuert und alle Entscheidungen unterlagen Kosten/Nutzenüberlegungen. Dem oberen Management obliegt die Verantwortung für die vorausschauende Planung und Umsetzung der Geschäftsziele, das mittlere Management wacht über die korrekte Umsetzung der Planung. Für die Menschen in der Produktion wurde der Lohn als ausreichene Motivation angesehen. Spass und Selbstverwirklichung hatten in der Arbeitswelt wenig bis nichts zu suchen.

Ein Unternehmen funktioniert wie eine Maschine

So funktionieren die allermeisten Unternehmen bis heute. In dieser Welt herrscht das Ursache _ Wirkung Prinzip. Ein einmal erfolgreiches Vorgehen wird bei erneutem Einsatz zum selben Ergebnis führen. Konsequenterweise sind detaillierte Planungen, geringe Fehlertoleranz und eine ausgeprägte command-control Kultur Attribute dieser Organisationen.

Ihr Ursprung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Was davon in der digitalen Welt überleben wird – darum wird es im nächsten Beitrag gehen.