Was ist (künstliche) Intelligenz? Ein kurzes Essay.

Egal ob Data Mining, Roboter oder moderne Talentsysteme – in immer mehr Anwendungen oder Anwendungsfällen spielt künstliche Intelligenz eine Rolle. Selbst in der Organisationsentwicklung, natürlich in HR Systemen sowie in Management-informationssystemen. Daher verwundert es kaum, dass man immer wieder gefragt wird, “wie definieren Sie eigentlich Intelligenz bei einem künstlichen System”.

Tja, da kommt man in’s Grübeln, je nach Kontext. Jetzt ist es allerdings so, dass man auch bei Intelligenz beim Menschen oft in’s Grübeln kommt. Soweit ist die Maschine schon mal gleichberechtigt. Das soll hier aber nicht das Thema sein.

Es gibt keine genaue wissenschaftliche Definition – weder beim Menschen, bei Tieren und erst recht nicht bei Computern oder Maschinen. Es gilt also übergeordnete Dinge betrachten, wie “kann sich seiner Umwelt anpassen”,  “kann mit seiner Umgebung interagieren” oder “kann aus seinen Handlungen lernen”.  Ein Selbstbewusstsein wird hingegen nicht vorausgesetzt – das macht man bei Tieren auch nicht, obwohl diese mit Sicherheit Intelligenz besitzen.

Prinzipiell ist es so, dass künstliche Intelligenz versucht menschliche Muster nachzuahmen. Da man heute denkt damit recht weit zu sein, nennt man sie neuerdings “Kognitive Systeme”. “Kognitiv” ist als Begriff der menschlichen Erkenntnis- und Informationsverarbeitung und Voraussetzung für Lernen, Erinnern und Denken. Trotz neuronaler Netze ist man allerdings rein “mechanisch” (eigentlich elektronisch) noch nicht so weit. Während der Mensch in bewussten Handlungen seriell und in unbewussten nahezu beliebig parallel ist, können Maschinen zwar parallel Dinge aufnehmen aber bis heute nur seriell verarbeiten. Wenn auch mit vielen parallelen Diensten. Es bleibt abzuwarten, ob das Quantencomputing dies ändern wird.

Jetzt schauen wir aber erst einmal, wie es um die Intelligenz der Systeme bestellt ist. An dieser Stelle möchte in anmerken, dass einige Passagen direkt von Kris Hammond (siehe unten) übernommen wurden – dessen Arbeit mich auch zu diesem Artikel inspiriert hat.

Heute vor 20 Jahren wurde eine Zeitenwende eingeläutet.

Nun, die Zeitspanne von “20 Jahren” scheint sich bei dem Thema “Künstliche Intelligenz” stets wiederzufinden. Vom 3. bis 11. Mai fand in New York der Aufsehen erregende Wettkampf zwischen dem IBM-Großrechner “Deep Blue” und dem Schach-Weltmeister Garry Kasparov statt. Der intellektuelle Wettkampf Mensch gegen Maschine schien 1997 noch offen, der Verlauf der Partien war spannend. Eigentlich war dies ein Rematch, denn ein Jahr zuvor hatte Kasparov die Maschine in Philadelphia noch recht klar mit 4:2 geschlagen.

Jetzt wird reflexartig behauptet, Schach wäre ja für einen Computer einfach, da es berechenbar ist. Die Wahrheit ist (und war vor allem damals): Schach ist auch für die schnellsten Maschinen zu komplex um alle möglichen Varianten zu berechnen. Bei weitem nicht so komplex wie “Go” und “Deep Blue” hat sich 1997 (!!) auch noch nicht selbst trainiert – aber der “Brute Force”-Ansatz (alle 18,5 Trillionen möglichen Züge vorausberechnen) kann hier trotzdem nicht zum Erfolg führen. Es muss also eine Technik, einen Algorithmus geben, der das richtige Maß an Selektivität bringt. Bei der Berechnung von taktischen Abwicklungen (Insights, Predictive) waren sie auch damals schon sehr gut, nicht aber in der Spielführung bei geschlossenen Stellungen und bei der Entwicklung und beim Erkennen von langfristigen Plänen. Vor allem haben die Programme kein Gespür für Gefahren, wenn diese außerhalb des Rechenhorizonts lagen. Kasparov verlor die Partie trotzdem. Nach dem Spiel wurden zwei Aussagen dazu getroffen:
“Deep Blue, as it stands today, is not a ‘learning system.’ It is therefore not capable of utilizing artificial intelligence to either learn from its opponent or ‘think’ about the current position of the chessboard.”

“Any changes in the way Deep Blue plays chess must be performed by the members of the development team between games. Garry Kasparov can alter the way he plays at any time before, during, and/or after each game.”
Nun, das stimmt(e) soweit – ein Algorithmus oder ein Datenmodell kann sich nicht einfach automatisch anpassen. Es kann “nur” Vergangenheitsdaten auswerten und aus diesen Muster erkennen, Schlüsse ziehen und Entscheidungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten treffen. Da dies sehr schnell, kann es bis zu einem gewissen Punkt strategisch spielen. Aber nicht ganz wie ein Mensch (Aussage 2). Kasparov hat nach einer gewonnen und einer verlorenen Partie die Weiterentwicklung von Deep Blue bemerkt (gespürt) und ein anderes Schach gespielt als sonst, er nannte es “Anti-Computer Schach”. All diese Partien endeten im Remis. Deep Blue konnte ihn mangels Daten nicht besiegen – Kasparov konnte aber auch nicht gewinnen – mangels Erfahrung – er musste zuvor ja noch nie “Anti-Computer Schach spielen”. So ist auch der Mensch bis zu einem gewissen Maße auf Vergangenheitsdaten angewiesen. Nur durch spüren und ahnen, also durch Unschärfen zu denen Computer nicht in der Lage sind, kann der Mensch sich schneller adaptieren. Sicherlich ein Merkmal und eine Auszeichnung der menschlichen Intelligenz.
Hier hätte sich allerdings nach hunderten von Partien gezeigt, wer schneller lernen kann – dann wären sowohl Daten als auch Erfahrung gestiegen. Lernen kann ein Computeralgorithmus also schon, sich selbst anpassen ist schwieriger (würden sich z.B. die Regeln des Spiels ändern) und damals war es noch nicht möglich. Im letzten Spiel hat sich aber auch gezeigt, was die menschliche Schwäche ist – Kasparow hat ein ungewöhnliche und gefährliche Eröffnung gemacht. Bei Menschen ein psychologischer Trick, die bei jemanden wie Kasparow etwas kluges und taktisches vermuten und dann defensiv spielen. Nicht so ein intelligentes System, dem diese Psychologie ja fehlt. Deep Blue gewann die Partie.

2011 dann das schwerste Spiel aller Zeiten – das Spiel mit der menschlichen Sprache. Hier gibt es nicht nur unendliche viele Möglichkeiten – man muss auch Kontext, Poesie, Reime und Wortspiele verstehen. Für die meisten Menschen bereits eine sehr schwierige Aufgabe.
IBM’s Watson bestand zum Zeitpunkt des „Jeopardy“ Spiels aus einem drei Millionen Dollar teuren Supercomputer, der auf einer fast fünf Terabyte großen Wissensdatenbank aufsetzte (online Dienste duften nicht benutzt werden). Watson errechnete für jede Frage Antworten mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit und entschied sich für die Antwort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Watson gewann das Spiel. Erneut wurde dieser Sieg als simple Heuristik und nicht als Anzeichen von Intelligenz bewertet. Das führt uns zu der Frage – was ist ein intelligentes System?

In Lebewesen entsteht intelligentes Verhalten durch die Verbindung von Reizen in der Großhirnrinde. Genau betrachtet sind es Muster, die erkannt und verarbeitet werden können. „Durch eine Glasscheibe kann man nicht fliegen“ wäre z.B. ein Muster, das ein Mensch mehrfach zu interpretieren weiß, das ein Vogel aus Erfahrung lernen kann, einer Fliege aber vollständig verwehrt bleibt. Im Bezug auf das Schachspiel wurde Kaparov nach seiner Niederlage, wieviel Schachzüge er sich pro Sekunde überlegen könne. Die Antwort war: weniger als einen. Wie also hatte er eine Chance gegen einen Gegenspieler, der mehrere hundert Millionen Züge pro Sekunde berechnen konnte? Die große Fähigkeit des menschlichen Gehirns besteht darin, dass er eine riesige Menge an Muster extrem schnell parallel verarbeiten kann. Um Autofahren zu können, muss der Mensch eine Vielzahl von Mustern erkennen („Ist das ein Auto?“), bewerten („Fährt es auf meiner Spur?“) und darauf agieren („Muss ich bremsen?“) können. Dies geschieht nicht zwingend bewusst und es sind oft Ahnungen, eben ein Gespür. Im Falle von Kasparov wird geschätzt, dass er über hunderttausend Positionen (bzw. Muster) gleichzeitig auswerten konnte, um den besten Zug zu bestimmen. Ohne dazu aktiv nachzudenken.
Der Mensch verwendet ständig Muster – so können wir eine oft gesehene Person von vielen Seiten her erkennen, in verschiedener Kleidung und Lichtverhältnissen. Die im Internet beliebten „Captchas“, also die verzerrt dargestellten Buchstaben, beruhen auf der Eigenschaft, dass wir so viele Muster von Buchstaben besitzen, dass auch eine leichte Abwandlung einfach erkannt wird.

Einen Computer stellt so etwas vor eine nahezu unlösbare Aufgabe. Zumindest bis man ihn spezifisch auf diese Aufgabe trainiert hätte. Ein weiteres gutes Beispiel sind Schreibfehler oder vertauschte Buchstaben. Für das menschliche Gehirn – durch Mustererkennung – keine wirkliche kognitive Herausforderung. Wenn man zwei Seiten gelesen hätte, würde es anschließend kaum weiter stören:
Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige was wcthiig ist, ist, dass der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sien, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gseatems.
Ein intelligentes System würde an der Aufgabe scheitern. Bis man es auf die Aufgabe trainiert hätte – also z.B. zuerst Sprache ermitteln, die Möglichkeiten gegen ein Wörterbuch vergleichen, alle Ergebnisse auflisten und gegen den Kontext des Satzes vergleichen. Input – Verarbeitung – Feedback – Output. In etwa wie ein System das Verschlüsselungen knacken soll. Oder wie ein Mensch.

Wir glauben also gerne an die Einzigartigkeit menschlicher Intelligenz. Beim Versuch, den Übergang zu intelligentem Verhalten zu erkennen, müssen wir uns mit dem Unterschied zwischen angelesenem Wissen und praktischer Erfahrung beschäftigen, dem Widerstreit zwischen emotionaler und kognitiver Intelligenz und dem Unterschied zwischen Lernen durch Bilder, durch Sprache oder durch Nachahmen. Wir verstehen uns als Geschöpfe, die logisch denken. Doch die gesamte Verhaltensökonomie und ein Gutteil der Kognitionspsychologie argumentiert, dass wir überleben, indem wir wage miteinander in Beziehung stehende Daumenregeln verwenden. Also Heuristiken, Regeln, Abläufe – also Muster. Aber vor allem keine Ahnung von Statistik haben. Somit müssen wir Maschinen in diesen bereichen sehr wohl zugestehen, dass sie intelligent sind.
Aber was ist mit Emotionen und Kreativität? Spätestens da muss es doch zu Ende sein bei dem Maschinen. Oder nicht? Hier möchte ich gerne auf einen TED Talk von Damian Borth verweisen, bereits aus dem Jahr 2015 und heute riesige Schritte weiter.

Können Computer Emotionen? Können Sie sogar träumen?

Senitmentanalyse gehört schon zu den entablierten Aufgaben von Maschinen und diese helfen heute bereits Eingangsschreiben nach Dringlichkeit und Unmut zu sortieren oder gar Bewerber zu analysieren nach ihren Fähigkeiten – auch nach Teamfähigkeit oder emtionaler Intelligenz oder Kompetenz. Eine Maschine beurteilt Menschen in ihrem eigenen Gebiet? Ich will gar nicht darauf eingehen ob das gut oder sinnvoll ist, nur ob es möglich ist.

Wenn uns Intelligenz also besonders auszeichnet, dann ist es auch nicht überraschend, dass wir emotional reagieren wenn wir hier über Maschinen sprechen. Es fällt uns schwer, unbelastet über eine Technologie zu räsonieren, von der wir annehmen müssen, dass sie uns übertreffen wird, unsere Arbeitsplätze raubt und uns schließlich von der Erdoberfläche auslöscht. Es hilft alles nichts: Wir müssen die Natur von Maschinenintelligenz studieren, um zu verstehen, wie sie funktioniert, und ob wir ihr trauen können. Dann können wir erahnen, welche Rolle sie in unserer Welt spielen sollte. Im Besonders hilft uns die Herangehensweise die einzelnen Komponenten solcher Systeme genau untersuchen.

An dieser Stelle möchte ich auf die eingangs erwähnte Arbeit von Kris Hammond, dem “Periodic Table of AI” zu sprechen kommen. Hier werden die einzelnen Fähigkeiten mit den menschlichen verglichen und man kann hier bewerten, welche Fähigkeiten man für eine Aufgabe benötigt. So kann man dan tiefer einsteigen und Reife, Modelle sowie Anwendungsfälle genauer betrachten sowie die Einschränkungen besser verstehen.


Am Ende sei gesagt – auch wenn der Begriff “Künstliche Intelligenz” seit den 50er Jahren existiert, sich die Forschung seit den 60ern dem Thema stark widmet, viele Algorithmen bereits aus den 70ern stammen und alle 20 Jahre gesagt wird “Jetzt sind wir soweit” – das Thema “Kognitive Systeme” ist trotz Allem noch in den Kinderschuhen. Es führt kein Weg daran vorbei die Problemstellungen genau betrachten und ermitteln, ob man Daten und Ressourcen genug hat, um diese mit Maschinenlernen lösen zu können. Am Ende muss der Gewinn daraus ja höher sein als die Kosten. Fest steht allerdings auch: das Potenzial ist sehr sehr hoch, wenn man das Thema (die Technologie) richtig angeht und gezielt einsetzt.

Kairos oder die Kunst, Gelegenheiten zu nutzen

Wie immer, wenn ich mich in spezielle Themenbereiche hereinwühle als Vorbereitung auf einen Vortrag, einen Workshop oder eine Podiumsdikussion, bin ich überwältigt, wieviel faszinierende Projekte gerade gestartet werden. Dabei ist es vollkommen egal, ob es um Ernährung, Gesundheitssysteme, Versicherungen oder sonst irgendeine Industrie oder einen Fachbereich geht. Überall sind visionäre Menschen dabei, das Potential von Technologie konkret umzusetzen. Ein paar Beispiele gefällig?

Beispiele von drei Menschen, die eine Ahnung vom Wandel geben

Schon 2006 hat der Jos de Blok erkannt, wie Technologie Mitarbeiter in verteilten Teams miteinander vernetzen kann und hat für deinen Pflegedient Burzoorg sein Facebook für Unternehmen geschaffen. Nun war Austausch möglich und Information transparent für alle. Heute expandiert sein Pflegedienst in die ganze Welt – kostengünstiger als der Wettbewerb und mit einer Pflegequalität, die ihresgleichen sucht.

Christoph Jentzsch hat als erster ein Unternehmen gegründet, das nur aus Code bestand. Es hatte keinen Firmensitz in einem Land oder war der Rechtsprechung eines Staates zugeordnet. Möglich durch die Nutzung des Blockchain Potentials. Das Ergebnis: Die größte Crowdfunding Aktion der Menschheit – 140 Mio $ in 1 Monat. Am Ende ist das Projekt zwar gescheitert, aber wir stehen noch am Anfang.

Caleb Harper entwickelt eine Box, in der sich Klima mittels vieler Sensoren beliebig modellieren lässt, um Lebensmittel dezentral optimal herzustellen. Ein echter Paradigmenwechsel in der Produktion von Lebensmitteln – Millionen Kleinstfarmer in Städten vs gigantische Farmen, die Lebensmittel in fragwürdiger Qualität herstellen. “In the future we won’t have to ship food, we will simply shift data.” Dieses Zitat von Harper zeigt, wie weit er denkt.

Der Zeitbegriff der antiken Griechen – Chronos versus Kairos

Was bedeutet das für unsere Welt heute? Noch reden wir vor allem über Wandel ohne in unmittelbar zu spüren. Ich bin dabei auf die beiden Zeitbegriffe im antiken Griechenland gestoßen: Chronos und Kairos. Chronos bezieht sich auf die sequentielle Abfolge von Ereignissen während Kairos für besondere Momente oder günstige Gelegenheiten steht.

Das Bild oben zeigt sehr anschaulich, was Kairos ausmacht: Der Hinterkopf ist kahl, den Gelegenheiten werden beim Schopf gepackt, mit der Sichel werden alte Zöpfe der Vergangenheit abgeschnitten um freier für die Möglichkeiten der Zukunft zu sein. Mit der Waage wird der richtige Zeitpunkt abgeschätzt, dann heißt es aber schnell zu sein – die Flügel an den Füßen helfen dabei. Gelegenheiten sind schließlich schnell vorbei.

Welches Sinnbild würde besser in unsere Zeit passen?

Manchmal lohnt eben doch auch die Sicht des Chronos: Ein Blick in die Vergangenheit, um sich alter Weisheiten zu vergewissern, die bis heute Bestand haben.

 

 

Zukunft Apotheke. Beispiele zur Digitalisierung, Kundenbindung und Innenstadt

Am 13.+14. November 2017 fand im Radisson Blue Hotel im Frankfurt der Branchentreff der Apotheker, Gesundheitsverbände und Pharmaindustrie statt. Zukunft Apotheke.
Der Gesundheitsmarkt ist stark reguliert bis hin zu stark überreguliert und von Lobbyismus geprägt. Jetzt muss man Lobbyismus sowie Interessenvertretungen wie die Apothekerkammer nicht gleich als etwas negatives sehen – aber ich habe auf jeden Fall ein erstes Fazit: ein wenig mehr Kontrollverlust wäre hier hilfreich. Natürlich nicht bei der Medikamentenzulassung, aber in vielen anderen Bereichen schon. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass die Verbände inzwischen mehr sich selbst nutzen und sogar denen schaden, denen sie eigentlich dienen sollten: den Apotheken und den Patienten.
Eine Bestandsaufnahme. Die deutsche Apothekenlandschaft ist weiter im Umbruch, denn: Handel ist Wandel und macht auch vor dem Apothekenmarkt nicht halt. Die voranschreitende Digitalisierung und neue rechtliche Rahmenbedingungen wie etwa das EuGH-Urteil zu Rx-Boni haben das Gefüge der Apotheken in Deutschland bereits ordentlich aufgemischt. Zudem steht ein Urteil aus, ob Drogeriemärkte (wie in anderen Ländern) auch Medikamente verkaufen dürfen, wenn diese nicht verschreibungspflichtig sind. Eine Beratung zur Anwendung könnte man auch in einer Drogerie erhalten. Wäre das nicht sogar in dem Namen “DROGerie” enthalten? Und dürfen Apotheken nicht auch Kosmetik, Sonnencreme und Bonbons verkaufen?
Ein weiteres Problem kommt auf die Apotheken zu – die sterbende Innenstadt. Denn die rezeptfreien Produkte leben ein Stück weit auch von Laufkundschaft oder Upselling. Was aber wenn die Leute online bestellen? Jetzt ist zwar die Beratungsqualität und die Produktverfügbarkeit – im Gegensatz zum Handel – bei den Apotheken hoch, aber nur wegen einer Apotheke geht man selten in die Stadt. Wenn man nicht eh schon zu krank dazu ist.
Wie reagiert der Gesetzgeber reflexartig? Mit einem Verbot. Nur so könne die Qualität und Sicherheit der flächendeckenden Versorgung mit Medikamenten gesichert werden. Aha. Das verstehe wer will. Wenn also jemand auf dem Land wohnt, weit weg von der nächsten Apotheke, dann sichert ein Versandverbot meine Versorgung? Das scheint mir wenig durchdacht.
Ein weiteres Beispiel – aufgezeigt von Max Müller, dem Strategy Officer von Doc Morris – ist der Apothekenbus. Dieser könnte größere Flächen im ländlichen oder strukturschwachen Raum abdecken und sogar per “Telepharmazie” eine Videoberatung mit einem Arzt oder Apotheker durchführen. Denkbar wären sogar Sonderfahrten zu kranken Personen – denn der ärztliche Bereitschaftsdienst hat ja keine Medikamente dabei. Klingt sinnvoll? Das scheint der Grund zu sein, warum es verboten ist.
Ebenfalls vorgestellt wurden automatisierte Apotheken, denn vielen Gemeinden geht es so wie dem aufgezeigten Beispiel in Hüffenhardt (Neckar-Odenwald Kreis). Wird eine Praxis oder Apotheke geschlossen, findet sich oft nur schwer ein Nachfolger. Wegen der geschäftlichen Entwicklung aber natürlich auch wegen der vielen Regulierungen. Die Apotheke könnte ja auch Fahrdienste haben, einen Arzt für Rezeprverlängerung oder die Medikamente versenden. Wenn sie denn dürfte.

Zurück zur Konferenz. Weiteres Thema war natürlich Veränderungen und Chancen der Digitalisierung. Welche Zukunftstrends haben konkrete Auswirkungen auf die Apothekenlandschaft in den nächsten 5 bis 10 Jahren? Wie können Verkaufsaktivitäten in der Apotheke digitalisiert werden? Welche Entwicklungspotentiale bergen Apotheken? Wird der Versandhandel weiter wachsen? Welche Rolle spielen die Apothekenkooperationen? Und, wie sieht das optimale Zusammenspiel von Hersteller und Apotheke aus?

Hier hat mir die Vorstellung von “Linda Apotheken” gut gefallen mit ihrer Multichannel- und Digitalstrategie als eine gute Verbindung von “Online” und stationärer Apotheke. Eine gute Erweiterung des Geschäftsfeldes und sicherlich auch ein gutes Mittel zur Kundenbindung.
Viel wurde diskutiert und spekuliert über einen möglichen Markteintritt von Amazon. Hierauf wären nicht viele vorbereitet. Den Kunden in den Vordergrund stellen, das ist man in dem Markt noch nicht so gewohnt. Er muss ja kommen, wenn er krank ist. Ärzte und Apotheker galten als eine “Instanz”, gleich hinter dem Pfarrer und noch vor dem Lehrer. Diese Zeiten sind aber vorbei. Ich denke auch hier gilt das Motto von Jeff Besos: “Disruption ist wenn man etwas macht das dem Kunden besser gefällt als vorher”. Schauen wir mal, ob man sich dann noch krank in die Stadt schleppen muss und ob man sich für eine Rezeptverlängerung in ein portenziell bakterienverseuchtes Wartezimmer begeben muss. Die Kunden würden andere Wege und Dienstleistungen mehr schätzen. Eine schöne Aufgabe für Design Thinking mit Personae, Empathy Map, Customer Journey Mapping, …
Eine Antwort gab es – mal wieder von Doc Morris. Also wenn jemand Amazon das Leben oder den Markteintritt schwer machen kann, dank Max Müller. Eine digitale Zukunftsvision:
Zum Schluss möchte ich aber noch eine schöne und interessante Begegnung erwähnen. Passend zum Thema Innenstadt und Kundenbindung. Frau Dr. Daub aus Dresden betreibt dort vier Apotheken. Sie kennt ihre Kunden, bietet viele Dienstleistungen, man interessiert sich dort persönlich, es gibt Kundenkarten und Studententarife sowie Dauerrabatte für chronische Krankheiten. Man kann auch einfach anrufen und wir beraten oder bekommt Aussagen zur Medikamentenverfügbarkeit. Nicht verfügbares ist am gleichen Tag noch da und es kann auch zum Kunden gebracht werden (wenn dieser bereits bekannt ist oder eine Kundenkarte hat). In dem schönen und erwürdigen Raum der City-Apotheke gibt es sogar mal Vorlesungen oder Weihnachtskonzerte. Also an Frau Dr. Daub liegt es nicht, wenn die Dresdner Innenstadt keine Kunden anzieht oder keinen Erlebnisraum bietet. Natürlich gibt es hier auch eine App. Apotheke untewegs.
City Apotheke Dresden

Estland – Heimat für den digitalen Weltbürger

Gerade habe ich auf der Solutions in Hamburg #SSH17 den Informationsstand von Estland besucht und ich war beeindruckt. Ich kenne kein anderes Land, das die Digitalisierung so ernst nimmt und mit großen Schritten vorangeht. Als Este begegnet man der analogen Verwaltung nur noch beim Hauskauf, der Heirat und der Scheidung.

Digitalisierung soll Estland in die Weltspitze katapultieren

Die Estin auf dem Stand sagte mir: Wir wollen weg von dem Land, in das man wegen der billigen Arbeitskräfte investiert. Wie wollen ein Land werden, das ideale Bedingungen für Start-Ups bietet, weil wir modern, flexibel und wirklich digital sind. Dann zeigte sie mir die Digitale ID Card, die jeder erwerben kann – egal, ob er Einwohner Estlands ist oder nicht. Digitalisierung bedeutet also auch in der Verwaltung und Politik eine Sicht auf Menschen als Weltbürger.

Was für eine Visison wird hier gerade Realität, während sich der Rest Europas mit der Abschottung der Grenzen beschäftigt! Großartig und nachzulesen hier.

“Estonia is creating a borderless digital society for global citizens as the first country to offer e-Residency.”

Denn was für Unternehmen gilt, gilt natürlich auch für Staaten und Gesellschaften. Um attraktiv für Investoren, kreative Köpfer und Macher zu sein, muss man sich öffnen und diesem Menschen etwas bieten.

Mit der Identity Card kann JEDER (!):

  • innerhalb eines Tages ein Unternehmen anmelden
  • Alle Behördengänge im Umfeld dieses Business können komplett online abgewickelt werden. Damit wird der BehördenGANG also überflüssig.  😉
  • Anstelle einer Unterschrift gilt die Digitale ID – Alle Dokumente können demnach digital übermittelt werden
  • die Steuern aus den Einnahmen werden (natürlich) ebenfalls komplett online übermittelt

Das Resultat: Über 20.000 digitale Bürger aus über 138 Ländern nutzen diesen Service. Bis 2025 will Estland mehr als 10 Millionen E-Residents ins Land holen. Ein belgischer Freiberufler nutzt die E-Residency, um in Estland sein Gerwerbe anzumelden, das in seiner Heimat  16.000 € kosten würde. Wenn die Gewinne in der FIrma bleiben, fällt keine Körperschaftssteuer an.

Ich habe dann noch gefragt, ob denn die Bürger keine Bedenken wegen Sicherheit und Datenschutz hätten. Darauf antwortete sie mir: “Doch es gab und gibt durchaus Bedenken, aber die große Mehrheit der Esten schätzt die Chancen höher ein als die Risiken”.

Estland setzt auf Blockchain Technologie für die sichere Transaktion von Daten. Muss es daher wundern, dass eine der größten Blockchain Technologie Firmen in Estland beheimatet ist? Guardtime heißt das Unternehmen und berät unter anderem die US-Regierung.

Ich bin sehr gespannt, wie sich Estland wirtschaftlich weiter entwickeln wird. Wahrscheinlich werden sie bald als leuchtendes Vorbild sehen. Und zeigt gerade den Briten wie ein moderner Staat sich aufstellen muss. Natürlich nicht nur den Briten.

Man sieht wie wichtig, Digitalisierung für unser aller Wohlstand ist. Trotzdem kommt es im aktuellen Wahlkampf nicht vor. Wir sind dabei, unsere Zukunft zu verschlafen.

“Willkommen in 2030 – Ich besitze nichts, habe kaum Privatsphäre – und das Leben war noch nie besser” *

In Singapur lebt man die Digitalisierung, (fast) alles geht per SmartPhone – von Bus bezahlen pro Station (einfach), Straßenmaut per GPS Daten (ohne ein Konsortium, das erst milliardenteuere Kamerabrücken aufbauen muss) bis zu Diensten wie Uber, über die man sogar eine Rikscha anfordern kann. In China setzt man auf Solarenergie, auf autonomes Fahren und auf künstliche Intelligenz – der Staat wohlgemerkt, als strategische Initiativen. Seoul ist “SharingCity” und lebt die Sharing Economy. Was will man erreichen?

Sharing City ist eine neue Alternative für soziale Reformen, die viele wirtschaftliche, soziale und Umwelt-Probleme der Stadt lösen kann und gleichzeitig neue Geschäftsfelder eröffnet, auf Vertrauen basierte Verhältnisse wiederherstellt und die Verschwendung von Ressourcen bekämpft“

Sehr faszinierend und sehr zukunftsträchtig. Die Welt hat nicht die Ressourcen, um allen Menschen den verschwenderischen Lebensstil der “westlichen” Welt zu ermöglichen. Alle werden sich umstellen müssen. Die Sharing Economy wird also kommen. In Deutschland schaffen wir es aber nicht einmal Parkplätze zu teilen, beispielsweise von Händlern und Kaufhäusern – die diese mit Ladenschluss ebenfalls schließen oder private Parkplätze während man selbst nicht da ist. Oder die Spielplätze von KiTas am Wochenende für alle Kinder. Sportplätze von Schulen. Es gibt immer nur Bedenken (Versicherungsfragen, Beschädigungen) und Überregulierung. Lösungen will keiner anbieten. Diese Geisteshaltung schafft es leider auch bis in die Firmen und so fristet diese Thema in Deutschland noch ein Schattendasein, das sich auf CarSharing beschränkt.

* Der Titel ist ein Zitat aus dem  World Economic Forum

Die Sharing Economy hat unglaubliche Potenziale und sie wird die Geschäftsmodelle ändern wie fast nichts vorher. Es ist besser wir bereiten uns darauf vor – oder noch besser, wie gestalten diese aktiv und liefern Erkenntnisse und Technologie dafür in alle Welt. Deutschland wäre eigentlich bestens positioniert dafür. Außer unserer Einstellung zu lange an altbewährtem festzuhalten und Änderungen generell sehr skeptisch zu sehen.

Diese Änderungen werden zu uns kommen! Ob wir wollen oder nicht. Ob wir die Augen verschließen oder nicht. Ob die Politik schläft oder nicht.

Die Digitalisierung und die Änderungen die mit ihr kommen werden, zum Beispiel eben die Sharing Economy und ihre Geschäftsmodelle, werde ich in den nächsten Wochen in einer Serie hier publizieren.

Digitalisierung im Kontext – Teil 2: Die Neuerfindung der Unternehmensorganisation

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gehen die heute üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen auf die Zeit der Industrialisierung zurück – die Aufgaben waren zwar kompliziert, aber mit genügend Planung und Koordination konnte man Produkte mit hoher Automatisierung effizient herstellen. Diese Welt kennen wir alle – sie ist Kosten, Prozess und Effizienz-getrieben. Einige wenige im Vorstand geben die strategische Richtung vor nach ausgiebiger Evaluierung der Fakten durch Mitarbeiter. Da diese strategischen Planungen sehr weitreichend sind und oft mehrere Jahre umspannen, dürfen Fehler nicht passieren. Deshalb ja auch die intensiven Analysen – sie sollen der Absicherung dienen.

In einer komplexen Welt überblickt kein Einzelner mehr die Geschäftsmodelle

So weit, so bekannt. Immer mehr Unternehmen stellen genau diese Paradigmen nun in Zweifel. Es wird nämlich in der digitalen Welt immer deutlicher, dass diese zu komplex geworden ist, um noch planbar zu sein. Schauen wir uns nur alleine das Autonome Fahren an: Es gibt heute keine einzelne Person mehr, die alle Facetten durchdringen kann. Alleine die Vielzahl von Technologien, die hier mitspielen: Künstliche Intelligenz, vernetzte Dinge, die selbständig Entscheidungen treffen können, neue Transparenz und Sicherheit durch Blockchain – um nur einige zu nennen.

Und mit der Technologie alleine ist es ja nicht getan: Diese ist ja nicht isoliert, sondern bedingt eine komplette Hinterfragung der Geschäftsmodelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten von uns in Zukunft sehr viel weniger besitzen, dafür aber umso mehr Services in Anspruch nehmen werden. Um beim Auto zu bleiben: Warum noch ein Auto kaufen, wenn ich mit einem Fingertipp eines vor meine Haustür bestellen kann. Eine dramatische Änderung – die Automobilhersteller verkaufen keine Autos mehr, sondern bieten bestenfalls Mobilitätsservices an und müssen sich auch sonst viel einfallen lassen, um ihren heutigen Umsatz halten zu können. Das Gleiche gilt im übrigen natürlich auch für Hersteller von Rasenmähern, Haushaltsgeräten und (hoffentlich) auch großen Teilen unserer Kleidung. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Was ich damit sagen möchte: Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe von Vorstandsmitgliedern ist heute gar nicht mehr in der Lage, langfristige Strategieplanungen zu machen. Und das mit der Null-Fehler Toleranz kann man genauso vergessen. In zukünftigen “agilen” Unternehmen wird viel mehr ausprobiert werden – eine “Kultur des Tüftels”, die ein Scheitern mit einschließt. Gerade in Deutschland sicher ein großer Schritt. Dabei haftet dem Scheitern erstmal nichts Negatives an, wenn man daraus lernt. Nicht umsonst hält Jeff Bezos die Kultur des Scheiterns so hoch: “Failure and invention are inseparable twins. If you know in advance, that it’s going to work, than it is not an experiment.” Diese Sätze sind in seinem Shareholder Letter von 2016 zu finden.

Agile Unternehmen agieren wie Fussballspieler

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn die Organisationsform der Industrialisierung der einer Maschine glich, dann sind agile Unternehmen vergleichbar mit einem Fussballmannschaft. Im Gegensatz zur Maschinenwelt gibt es keine direkte Ursache-Wirkung mehr. In einer Produktionsanlage können Ingenieure nämlich noch genau vorhersehen, was passieren wird, wenn man an einer Stellschraube dreht. In der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr – Das Ursache-Wirkung Prinzip ist Vergangenheit. Die Welt heute kann man vergleichen mit der Erziehung eines Kindes oder eben mit einem Fussballspiel. Was einmal funktoniert hat, kann beim nächsten Mal daneben gehen. Planungen sind nur noch in begrenztem Maße wirkungsvoll. Unternehmen müssen sich darauf verlassen, dass die MItarbeiter aus der Situation heraus schnell im Team das Richtige tun – weil sie Experten sind und die richtigen Instinkte haben. Was ist dann noch die Aufgabe des Managements? Vereinfacht gesagt: Sie machen das, was ein guter Trainer macht: Den Teamgeist stärken, Selbstvertrauen geben, die richtigen Leute zusammenbringen – damit die Spieler im entscheidenden Moment das Tor schießen.

Digitalisierung im historischen Kontext – Teil 1: Wie hierarchische Organisationen entstanden

Fortschritt vollzieht sich nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Als letzter großer Schub wird die Industrialisierung gesehen – mit Erfindungen, die eine technologische Lawine und große gesellschaftliche Umwälzungen mit sich brachte.

Am Anfang stand die Dampfmaschine, sie war die Voraussetzung dafür, dass das industrielle Zeitalter seinen Lauf nahm. Es wurde nun möglich, Kohle aus größeren Tiefen zu fordern, denn das Grundwasser konnte nun abgepumpt werden.

Energie war also plötzlich in großen Mengen verfügbar.

Und nicht nur das – es wurde zentralisiert über Kraftwerke bereitgestellt. 1882 nahm in Manhattan in der Pearl Street das erste Kraftwerk seinen Betrieb auf. Unternehmen brauchten nun also nicht eigene Kraftwerke bauen, sondern konnten Energie in der gebrauchten Menge sehr einfach beziehen – das galt nicht nur für Fabriken, sondern bald auch für Individualhaushalte.

Das heißt, die Fabriken hatten, was sie brauchten, um komplizierte Dinge wie Autos zu einem Preis herzustellen, den sich viele Menschen leisten konnten. Neue Geschäftsmodelle und ganze Zulieferindustrien wurden geschaffen – wer in Baden-Württemberg lebt, weiß, was ich meine.

Es fehlt noch die Infrastruktur, deren Aufbau wiederum ohne Dampfmaschine nicht möglich gewesen wäre – die Eisenbahn. Waren konnten also schnell von der Fabrik in die Geschäfte zum Endverbraucher gebracht werden.

Eine bahnbrechende Erfindung hat also eine Kettenreaktion ausgelöst – die weit über die eigentliche Technologie hinausging.

Denn zu dieser Zeit entstanden die heutigen hierarchischen Organisationsstrukturen: Um so etwas kompliziertes wie ein Auto herzustellen, wurde der Herstellungsprozess in viele kleine Teile unterteilt, die Arbeiter hatten in immer wiederkehrenden monotonen Abläufen genau vorgegebene Arbeitsschritte zu verrichten. Die Aufgabe des Managements bestand darin, die einzelnen Abläufe möglichst gut zu koordinieren. Alles war effizienzgesteuert und alle Entscheidungen unterlagen Kosten/Nutzenüberlegungen. Dem oberen Management obliegt die Verantwortung für die vorausschauende Planung und Umsetzung der Geschäftsziele, das mittlere Management wacht über die korrekte Umsetzung der Planung. Für die Menschen in der Produktion wurde der Lohn als ausreichene Motivation angesehen. Spass und Selbstverwirklichung hatten in der Arbeitswelt wenig bis nichts zu suchen.

Ein Unternehmen funktioniert wie eine Maschine

So funktionieren die allermeisten Unternehmen bis heute. In dieser Welt herrscht das Ursache _ Wirkung Prinzip. Ein einmal erfolgreiches Vorgehen wird bei erneutem Einsatz zum selben Ergebnis führen. Konsequenterweise sind detaillierte Planungen, geringe Fehlertoleranz und eine ausgeprägte command-control Kultur Attribute dieser Organisationen.

Ihr Ursprung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Was davon in der digitalen Welt überleben wird – darum wird es im nächsten Beitrag gehen.

 

Digitalisierung = mit weniger Aufwand viel mehr erreichen

Das ist ja nicht neu für die Menschheit, denken wir an das Zeitalter der Industrialisierung – das liegt gerade einmal gut 100 Jahre zurück. Aber was in den kommenden Jahren auf uns zukommen wird, übersteigt alles bisher dagewesene. Und das ist auch dringend nötig, denn der Menschheit geht beim jetzigen Resourcenverbrauch der Planet aus. Schon heute verbrauchen 20% der Menschheit 80% der Energie. (http://www.iea.org/) Wir sind also gezwungen, etwas zu ändern. Wie soll das funktionieren? Durch Vernetzung – von Dingen und Menschen verbunden mit künstlicher Intelligenz.

Vernetzung von Dingen und Menschen gepaart mit künstlicher Intelligenz

Ein paar Beispiele gefällig?

Da ist zum einen das autonome Fahren. Der teuerste Gegenstand in einem normalen Haushalt ist (nach einer Immobilie natürlich) das Auto. Wenn ein Fahrservice per Fingertipp auf einem Smartphone bereitsteht, wie wahrscheinlich ist es dann noch, dass man ein eigenes teures Auto besitzt, das mindestnes 95% der Zeit nur herumsteht und Geld kostet? Experten sind sich ja schon lange einig, dass die Anzahl der Fahrzeuge drastisch reduziert werden wird, wenn das autonome Fahren sich etabliert hat.

Zusammen mit dem Durchbruch des Elektroantriebs wird der heutige Dieselskandal vielleicht bald wie eine Geschichte aus einer anderen Ära betrachtet werden. Und ja – ich bin überzeugt, dass sich Elektroantriebe sehr schnell durchsetzen werden. Alleine die Tatsache, dass China voll auf diese Technologie setzt, macht es auch für deutsche Autobauer interessanter. Die müssen sowieso schauen, dass sie dem Thema nicht hinterherlaufen, denn China strebt bei Elektromobilität die Marktführerschaft an und unterstützt dies mit jeder Menge staatlicher Anreize. Bei der extrem hohen Luftverschmutzung chinesischer Großstädte auch kein Wunder.

Dinge entscheiden selber und tätigen Geschäfte

Die wirkliche Revolution liegt aber darin, dass ein Auto mittels künstlicher Intelligenz selber Entscheidungen treffen und Geschäfte abwickeln werden. Es gehört keinem Individuum mehr, es bestimmt, wo es wann die Batterien auflädt – vielleicht bei einem Privathaushalt, der die in einer Batterie gespeicherte Sonnenergie als Ladestation für E-Autos verkauft, vielleicht auf einem Supermarkt, der die großen Parkflächen aus der Zeit des Individualverkehrs nicht mehr braucht und daraus große Sonnenkollektoren gemacht hat. Wenn ein Auto also einen Passagier zum Einkaufen fährt, vielleicht ist es dann am günstigsten, direkt vor Ort zu warten und in der Zeit aufzuladen, denn der Supermarkt bietet besonders günstige Konditionen. Das Auto steht im ständigen Kontakt mit der Umwelt – muss es ja sowieso, sonst wäre autonomes Fahren ja gar nicht möglich – und kennt die Standorte und Preise aller verfügbaren Lademöglichkeiten und kann mittels künstlicher Intelligenz die wirtschaftlichste Option bestimmen. Denn: Alles ist vernetzt.

Es geht also weg vom Individualbesitz hin zum Teilen – die Anfänge sehen wir ja heute schon mit AirBnb und Uber, gerne missverstanden als idealistische Abkehr vom Besitzdenken. Das habe ich nie nachvollziehen können, natürlich steht dahinter knallhartes Gewinnstreben. Aber es zeigt einen Trend der Zeit: Weniger Besitz, mehr Abwechslung

Weniger Besitz, mehr Abwechslung – warum nicht auch für Kleidung

Wenn es sich heute bald kein eigenes Auto mehr haben möchte, warum sollte ich dann noch Kleidung selber kaufen wollen? Darüber lohnt sich tatsächlich nachzudenken, denn wie oft wird Kleidung nur für wenige Anlässe getragen – sei es ein Theaterbesuch, eine Einladung zu einer Hochzeit, für einen Festivalbesuch oder zum monatlichen Stammtisch. Gerade als Frau möchte man nicht zweimal mit den selben Klamotten auftauchen – warum also nicht leihen? Der Vorteil wäre: Kleidung würde nicht mehr billig, sondern nachhaltig und langlebig produziert, damit es möglichst oft gewinnbringend “vermietet” werden kann. Erste Ansätze dazu gibt es ja schon. Und natürlich kann auch hier wieder künstliche Intelligenz in der vernetzten Welt auf besonders ausgefallene Stücke aufmerksam machen, die mir persönlich besonders gut stehen. Gerade bei der Textilindustrie wäre das enorm wichtig, denn sie verschlingt unglaubliche Mengen an Ressourcen. Sehr eindrucksvoll dazu dieser TED-Talk.

Alles wird ein Service – Kochen, Rasenmähen, Büro

Was für Autos und Kleidung gilt, kann natürlich auch für alle möglichen anderen Gegenstände gelten, die ich selber besitze. Ich würde vielleicht nicht mein Haus komplett vermieten, wenn ich im Urlaub bin, aber warum sollte ich mein Büro nicht anderen zur Verfügung stellen und damit Einnahmen erzielen? Mittels Blockchain Technologie wäre das sicher möglich – ich WEISS dann ja, wer in meine Wohnung kommt. Auch ohne Blockchain sind auch hier die Anfänge heute schon sichtbar in den vielen OpenSpace Arbeitswelten. Das gleiche könnte auch für mein Fahrrad, meinen Rasenmäher, meinen Thermomix gelten. Warum eigentlich nicht? Es würde Sinn machen, einen “Rasenmäher as a Service” von meinem Nachbarn zu mieten – und vielleicht noch einen “Studenten as a Service”der den Rasen mäht – oder selber “Rasenmähen as a Service” anbieten. Die Welt ist ja vernetzt und wird dadurch unglaublich effizient.

 

 

 

Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten der Unternehmen: Hierarchie und Prozesse

Quelle: HR Performance 3/2017, www.hrperformance-online.de., Sonderheft “Digitalisierung”

Gemeinsam mit Ralph Siepmann durfte ich im aktuellen Sonderheft “Digitalisierung”  der Zeitschrift HR-Performance darüber schreiben, warum die Digitalisierung an den Grundfesten von Unternehmen rüttelt und wie sich Organisationen der Herausforderung stellen können.

Hier können Sie den vollständigen Artikel lesen.