Meine Bahnreise mit Amazon

Das Wirtschaftslexion sagt: “Der Begriff der Digitalisierung hat mehrere Bedeutungen. Er kann die digitale Umwandlung und Darstellung bzw. Durchführung von Information und Kommunikation oder die digitale Modifikation von Instrumenten, Geräten und Fahrzeugen ebenso meinen wie die digitale Revolution, die auch als dritte Revolution bekannt ist, bzw. die digitale Wende.”

Hier möchte ich mal auf die digitale Revolution eingehen – oder auf die “digitale Neuerfindung” (angelehnt an IBM “Digital Reinvention“, ein Begriff der mir dafür gut gefällt). Das kommt der Sache nämlich schon näher. Und ich muss sagen, es ist ein äußerst spannendes Zeitalter. Sicherlich sind die Umbrüche nicht mehr so tiefgreifend wie z.B. in der Industrialisierung – dafür aber viel weniger vorhersehbar und mit einer rasenden Geschwindigkeit. Ob das gut ist, steht auf einem anderen Blatt – aber spannend ist es. Zudem möchte ich ja nur klar machen, dass jeder einen Handlungsbedarf hat. JEDER.

Meine Ausführungen sind rein hypothetisch – aber keinesfalls unrealistisch. Nehmen wir also das  Unternehmen “Deutsche Bahn” (der Einfachheit wegen beschränkt auf den Personenverkehr). Kann man dem Unternehmen etwas anhaben? Wer ist die Konkurrenz?
Sicherlich gibt es inzwischen viele private oder regionale Bahnbetreiber, von der NOB (Nord-Ostsee-Bahn) bis zur BOB (Bayerische Oberlandbahn). Die können sich die Sahnestrecken heraussuchen und meist günstiger anbieten – denn der Netzbetreiber “DB Netze” muss sich (theoretisch) neutral verhalten. Die Deutsche Bahn aber ist gezwungen auch nicht rentable Strecken zu betreiben und muss diese quer-subventionieren. Das ist teuer. Dazu kommen die Fernbusse mit den Kampfpreisen. Und bald selbstfahrende Busse?
Aber da tut die Bahn etwas. Sie haben eigene Fernbusse und forschen auch – vor allen Anderen – an den selbstfahrenden Bussen.

Aber ist das Digitalisierung? Ich denke das ist erst einmal Innovation, Weiterentwicklung und Kostensenkung. Nach meinem Verständnis der Digitalisierung geht es aber um den Kunden. DAS Kundenerlebnis. Wie soll der Kunde mein Produkt erleben? Und wie muss es eingebunden sein in das Leben des Kunden (von ErLeben). Was bedeutet das für mein Produkt? Vor allem aber: was bedeutet das für meine Organisation?

Die Bahn beförderte in 2015 rund 1,9 Milliarden! Personen – bzw. hat diese Anzahl von Tickets verkauft und damit 31,9 Mrd Umsatz erwirtschaftet. Das weckt Begehrlichkeiten. Was ist, wenn ich an das Geld ran komme ohne selbst eine Bahn betreiben zu müssen? Geht nicht? Dachten die Hotels auch, bis booking.com kam und die Fahrgewerbe bis Uber kam. Wer kann so etwas? Die Antwort heutzutage ist (fast) immer: Amazon.

Nehmen wir an, Amazon würde Bahntickets verkaufen. Für den gleichen Preis, nicht günstiger. Würde die Kunden erst einmal wenig interessieren, höchstens im Prime Abo.Jetzt kommen wir zum Kundenerlebnis. Oft ist die Bahnstrecke nur ein Teil der Reise. Sie benötigen davor oder danach ein Auto, Bus oder Taxi. Wegen mir sogar ein Fahrrad. Dazu ein Hotelzimmer? Ein Restaurant? Muss man heute weitgehend getrennt machen – außer vielleicht im Reisebüro (online oder offline). Da hat man dann aber wieder andere Reise- und Stornobedingungen.

Wer kümmert sich um das Gepäck wenn Sie mit Familie reisen? Wie finden und buchen Sie überhaupt das Familienabteil? Hat der Bahnhof einen Aufzug? Kann Ihnen mit dem Gepäck geholfen werden, wenn Sie es selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht tragen können? Alle diese Dinge gibt es ja – sie können nur nicht einfach gefunden und gebucht werden. Was ist wenn ein Zug Verspätung hatte? Wie komme ich an mein Ziel? Was ist die beste Alternative? Wie erhalte ich meine Entschädigung? Ich brauche einen Stempel auf meiner Papierfahrkarte – mit online Ticket muss ich nach Ankunft in ein Reisezentrum. Da muss ich lange Formulare ausfüllen und lange warten.

Was ist wenn jemand kommt der all diese Dinge einfach macht? Einfach buchbar und mir auch die Arbeit im Erstattungsfall abnimmt – nicht schwerer als eine Produktrücksendung. Der eine große Kundenreichweite hat, den Kunden in der Vordergrund stellt und eine intelligente E-Commerce Plattform (Infrastruktur) hat. Wer denkt immer noch nicht an Amazon? Es winken bis zu 3 Mrd Umsatz – 10% des Umsatzes pro Ticket für Verkauf und Abwicklung.

Es reicht nicht ein Produkt zu verbessern und eine App zu bauen. Ich muss meine Organisation (z.B. das Beschwerdemanagement) ändern und direkt mit einbinden sowie alle angehängten Services. Also Hermes Paketdienst der das Gepäck abholt, eine Plattform oder Service Hotline die auch über Aufzüge und Bahnhöfe Bescheid weiss, andere Services wie booking.com, hrs, MyTaxi, Europcar, …
Dazu müssen viele Partnerschaften geknüpft und Verträge ausgehandelt werden. Es bedarf einer gemeinsamen Strategie und Kundenplattform. Das beginnt damit, dass die Unternehmensstrategie einheitlich bekannt und verstanden werden muss. Zudem muss ich meine Entscheidungsstruktur ändern. Wenn jede Entscheidung und jeder Vertrag von 4 Hierarchiestufen begutachtet und diskutiert werden, wird das nie fertig. Wenn die Abteilungen sich gegeneinander politisch blockieren um selbst Vorteile in der Organisation herauszuhandeln, dann wird es sowieso nie fertig. Die Entscheidungen sollten also weitgehend in der Projektgruppe bleiben, die auch das Ziel haben es zum Wohle des Kunden und des Unternehmens zu verwirklichen. Das ist ein dramatischer Kulturwandel. Der Mitarbeiter wird Unternehmer, Entscheider und man muss ihm vertrauen. Da wären wir beim Thema “Kontrollverlust”.

Technisch geht das alles ja weitgehend. Von offenen Kommunikationsplattformen zur Innovationsentwicklung und schnellen Entscheidungsfindung, Digitale Virtuelle Assistent die mit Dialogsystemen die Reisedaten (Gepäck, Aufzüge, Sitzplatz, …) für mich erfragen und buchen bis Blockchain für die sichere Abwicklung und Zahlungsströme über das Unternehmen hinaus. Auch das Budget wäre klar: bevor ich 3 Mrd. dauerhaft an einen Konkurrenten verliere, investiere ich es lieber einmal in Kundenzufriedenheit. Wenn es nur so einfach wäre… Ansätze gibt es ja mit dem Bahn Navigator, Qixxit oder switchh. Mehrere Unternehmen und Services tun sich zusammen, bauen ein besseres Kundenerlebnis und eine gemeinsame Abwicklung. Das war es aber auch, richtig weitreichend ist das nicht – und daher noch mäßig beliebt oder bekannt. Es ist komfortabler, löst aber keine wirklichen Probleme.

Fazit: Digitalisierung bedeutet, dass Kundenbedürfnisse absolut im Vordergrund stehen. Daraus folgen die Innovationen und Investitionen. Die Organisation muss sich ständig anpassen und Ziele schnell erreichen können. Technologie ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. So spannend ein selbstfahrender Bus ist – ich muss mich fragen, welches Problem dieser für den Kunden löst und ob der Kunde das wirklich möchte – oder in welchem Rahmen er das akzeptiert (ohne das hier bewerten zu wollen).
Es betrifft jeden und jedes Geschäftsmodell. Dies kann auch ein Vorteil sein – wenn z.B. Amazon Ihren Vertrieb übernimmt. Sie wollen nur in einer guten Position sein um die Bedingungen auszuhandeln.

2 Gedanken zu „Meine Bahnreise mit Amazon

  1. Dorothee Töreki

    Du hast ja Amazon erwähnt:
    Die sind durch Indiens Straßen GELAUFEN und haben 10.000 Händler direkt befragt, um deren Geschäft, Sorgen und Nöte wirklich zu verstehen. Herausgekommen ist AmazonTatkal
    https://youtu.be/cLl3ys0du7U
    GENIAL! #sogehtdas

    Antworten
  2. Pingback: So geht Design Thinking – Amazon Tatkal | Kontrollverlust FM

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