Digitalisierung ist Teamsport

Digitalisierung ist Teamsport. Dieses Zitat habe ich auf der “Solutions Hamburg 2016” gehört, bei einer Vortragsreihe zur Digitalisierung in der OTTO Group. Schaut man sich Unternehmen wie OTTO, Bosch oder Continental an, sieht man, dass da sehr viel Wahres dran ist. Wer den Weg zur Digitalisierung eingeschlagen hat, der hat auch verstanden, dass die Technologie nicht die Herausforderung ist – sondern die Organisation selbst.

Jedes Unternehmen braucht eine für sich gültige Vorgehensweise, da es nicht einmal ansatzweise ein Patentrezept gibt. Ein paar Praktiken anderer Unternehmen kann man sich an- und abschauen, der Rest ist harte Arbeit, Hartnäckigkeit, Geduld und Experimentierfreude. Man muss lernen, was im eigenen Unternehmen funktioniert und was nicht – was man nochmals versuchen sollte, wovon man besser die Finger lässt. Und selbst das ist schon stark vereinfacht – eigentlich wird dies pro Unternehmensteil, Abteilung oder auch in virtuellen Einheiten getestet werden müssen. Die Produktion wird sicherlich andere Methoden, Bereitschaft und Geschwindigkeit aufbringen wir die IT oder die Produktentwicklung. Trotzdem gilt für alle: Sich ehrgeizige Ziele setzen, schnell lernen und vor allem: anfangen. Die Schritte selbst dürfen dann beliebig klein sein. Da man vorher nicht weiß, was funktionieren wird und wie die Abhängigkeiten sind, kann man Digitalisierung als eine Reise (oder Abenteuerreise) betrachten. Wer auch nur denkt, alles ist vorher planbar und berechenbar, wird scheitern. Daher tun sich die meisten Unternehmen – vor allem das Management und die Buchhaltung – sehr schwer mit dem Thema. Es ist neu und risikoreich so zu arbeiten – und vor allem ungewohnt. Man fürchten den Verlust der Kontrolle. Zuerst muss man sich also bewusst machen, dass man die Kontrolle eh nie hatte. Vielleicht über die Abläufe im Unternehmen – aber über den Markt und die Konkurrenz? Über die Mitarbeiter? Wirklich?

Ein Unternehmen kann auch “platt” gemacht werden, wenn es gute Produkte herstellt und die Prozesse im Griff hat. Das bekannteste Beispiel ist wohl Kodak. Es gibt aber viele andere, die zumindest in arge Schwierigkeiten gekommen sind, da sie die Kontrolle vor die Änderung gestellt haben. Das gilt auch für die neuen und modernen Unternehmen. Zu lange ausruhen ist nicht. Booking hat die Hotels angegriffen. Wurde dann kopiert von Diensten wie hrs oder, in einem anderen Vermietungssegment, eben von AirBNB – die potenziell aber auch eine Konkurrenz zu booking darstellen – während um die Ecke schon neue Dienste wie slock.it in den Startlöchern stehen.

Also zurück zu den ehrgeizigen oder hochgesteckten Zielen – ein Unternehmen braucht eine klare Vision und Mission. Die Mitarbeiter müssen damit etwas anfangen und sich damit identifizieren können. Vertriebs-bla-bla wie “wir wollen bis 2020 Marktführer” werden, wird nur wenige anspornen, da es nicht greifbar ist und auch unklar, was denn die Teile bzw. der eigene Beitrag dazu sind oder wie der Weg dahin ist. Greifbar wäre “Eine Million Menschen sollen bis 2060 auf dem Mars wohnen können” (Elon Musk). Etwas weniger ehrgeizig – aber herausfordernd genug – wäre: “Bis 2020 wollen wir unser Wissen und Technik nutzen um in die Elektromobilität im öffentlichen Nahverkehr überall in Deutschland zu ermöglichen”.

Diese Aussage kommt von einem Anlagenbauer der sich gesagt hat, was wir vertikal können (Aufzüge), können wir auch horizontal. Jetzt ist man plötzlich in einem ganz anderen Geschäft und muss mit vielen weiteren Zulieferern arbeiten – vom Karosseriebau über Batterietechnik bis hin zu den Achsen. Nun die Gewissensfrage: können ein paar Projektmanager und Führungskräfte komplett „vordenken“, ob das Unterfangen gut gehen wird, was genau zu tun ist und welche Arbeitspakete man an an die Mitarbeiter gibt? Bis wann die Entwicklungen fertig sind, was genau diese kosten werden, was die Konkurrenz bis zu diesem Zeitpunkt herausbringen wird und was der “Return of Investment” ist? Bis das fertig geplant und entschieden ist, ist der Markt komplett besetzt. Also zurück zur Vision und dem Mut zu beginnen. Hier ein schönes Zitat:

“If the highest aim of a captain were to preserve the ship, they would keep it in port forever.”
–Thomas Aquinas

Da Digitalisierung eine Reise ist, passt das ganz gut – und man wird nicht vorab wissen, wie Wind und Wetter über die Reise sein werden. Trotzdem muss die Entscheidung “loszufahren” getroffen werden. Natürlich muss die Reise auch vorbereitet werden und es müssen die richtigen Leute an Bord sein.

Wir sprechen bei Digitalisierung also von einer strategischen und organisatorischen Neuausrichtung. Wir sprechen von einer neuen Unternehmenskultur und der Übertragung von Verantwortung. Wir sprechen davon, dass die Mission und der Kunde im Vordergrund stehen.
Wenn das Management dazu nicht bereit ist oder dies den Mitarbeitern nicht klar vermittelt – dann sollte man es vergessen. Unternehmen oder Märkte sind keine Maschinen – es reicht nicht hier und da als Fahrer einen Schalter zu betätigen oder mehr Gas zu geben. Vor allem nicht, wenn man gar nicht auf dem richtigen Weg ist. Das bedeutet, dass in der Zukunft (wenn nicht schon in der Gegenwart) die erfolgreichsten Firmen diejenigen sein werden, die am schnellsten lernen was funktioniert und machbar ist – und was was nicht. Dabei könnte man die Betonung auf “lernen” legen, also nicht vorher abtun, abbügeln, vorhersagen – sondern ausprobieren und lernen. Wer vorher weiß wie es ausgehen wird, der spricht nicht über eine Innovation. Fehlerkultur muss daher eine Kernkompetenz des Unternehmens werden (sein).

Aber wie bekommt man den Wechsel hin zu so einer Kultur? Wenn man einfach sagt “Das ist jetzt anders”, dann würde nichts passieren. Das Management oder viele Abteilungen würden dagegen arbeiten, die meisten es zugunsten des Tagesgeschäftes ganz ignorieren und die restlichen Mitarbeiter wahrscheinlich daran zerbrechen – denn eigentlich müssen sie nun gegen die wirkliche Organisation ankämpfen um die gewollte Organisation vorzuspielen. Auch ein Drei-Tages-Training in “Agile” wird daran nichts ändern. Die Methode ist genau wie die Technologie nur ein Mittel zum Zweck.

Das Management muss also dahinter stehen, die Mitarbeiter müssen einbezogen werden. Jeder mit seiner Geschwindigkeit. Es braucht interdisziplinäre Teams, denn weder Innovation noch Digitalisierung findet im Silo statt. Am „Network Thinking“ und dem entsprechenden Arbeiten in Netzwerken führt kein Weg vorbei. Fragen muss man sich dabei stets:
– was erlebt der Kunde (oder Endbenutzer) heute?
– was soll dieser in Zukunft erleben?
– was bedeutet das für die Produkte aber vor allem auch für die Organisation.
Nach Ergebnis muss man beginnen und loslegen, Fehler schnell erkennen und den Kurs anpassen. Das wichtigste ist, den Kunden in dem ganzen Prozess immer eingebunden zu halten – direkt durch umfragen, oder indirekt durch Messungen.

Bevor ich jetzt ein Fazit ziehe und zum Ende komme – möchte ich auf ein Blogbeitrag von Harald Schirmer (Manager Digital Transformation and Change, Continental AG) verlinken, auf den ich bei den Recherchen zu meinem Artikel gestossen bin:
„Der CDO wird’S schon richten“

„Die Digitale Transformation ist kein zu lösendes Problem“. Es ist auch keine Optimierung bestehender  Silos oder eine Gründung einer StartUp Abteilung (deren tollen Ideen ebenfalls nicht in die verkrustete Organisation dringen). Da bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt – Digitalisierung ist eine Reise in ihre (stets) neue Organisation. Das Wichtigste ist, den Hafen endlich zu verlassen. Mit einer Crew die selbst weiß, wie man die Segel zum Wind stellt und welche Maßnahmen man bei welchem Wetter ergreift. Wer die gleichen Befehle gibt und die gleiche Richtung einschlägt wie bei gutem Wetter, der geht unter.

Ein Gedanke zu „Digitalisierung ist Teamsport

  1. Dorothee Töreki

    Noch ein Beispiel: AmazonGo – Die Technologie gibt es im Prinzip schon seit 10 Jahren – und wird hinter verschlossenen Türen “vorgedacht” – bis der Wettbewerb rechts überholt. Denn Amazon steht nur deshalb da, wo es steht, weil es eine ausgeprägte Fehlerkultur hat.
    “Wenn man vorher weiß, was rauskommt, ist es keine Innovation” Jeff Bezos
    http://kontrollverlust-fm.de/tag/amazongo/

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