Digitalisierung im Kontext – Teil 2: Die Neuerfindung der Unternehmensorganisation

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gehen die heute üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen auf die Zeit der Industrialisierung zurück – die Aufgaben waren zwar kompliziert, aber mit genügend Planung und Koordination konnte man Produkte mit hoher Automatisierung effizient herstellen. Diese Welt kennen wir alle – sie ist Kosten, Prozess und Effizienz-getrieben. Einige wenige im Vorstand geben die strategische Richtung vor nach ausgiebiger Evaluierung der Fakten durch Mitarbeiter. Da diese strategischen Planungen sehr weitreichend sind und oft mehrere Jahre umspannen, dürfen Fehler nicht passieren. Deshalb ja auch die intensiven Analysen – sie sollen der Absicherung dienen.

In einer komplexen Welt überblickt kein Einzelner mehr die Geschäftsmodelle

So weit, so bekannt. Immer mehr Unternehmen stellen genau diese Paradigmen nun in Zweifel. Es wird nämlich in der digitalen Welt immer deutlicher, dass diese zu komplex geworden ist, um noch planbar zu sein. Schauen wir uns nur alleine das Autonome Fahren an: Es gibt heute keine einzelne Person mehr, die alle Facetten durchdringen kann. Alleine die Vielzahl von Technologien, die hier mitspielen: Künstliche Intelligenz, vernetzte Dinge, die selbständig Entscheidungen treffen können, neue Transparenz und Sicherheit durch Blockchain – um nur einige zu nennen.

Und mit der Technologie alleine ist es ja nicht getan: Diese ist ja nicht isoliert, sondern bedingt eine komplette Hinterfragung der Geschäftsmodelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten von uns in Zukunft sehr viel weniger besitzen, dafür aber umso mehr Services in Anspruch nehmen werden. Um beim Auto zu bleiben: Warum noch ein Auto kaufen, wenn ich mit einem Fingertipp eines vor meine Haustür bestellen kann. Eine dramatische Änderung – die Automobilhersteller verkaufen keine Autos mehr, sondern bieten bestenfalls Mobilitätsservices an und müssen sich auch sonst viel einfallen lassen, um ihren heutigen Umsatz halten zu können. Das Gleiche gilt im übrigen natürlich auch für Hersteller von Rasenmähern, Haushaltsgeräten und (hoffentlich) auch großen Teilen unserer Kleidung. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Was ich damit sagen möchte: Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe von Vorstandsmitgliedern ist heute gar nicht mehr in der Lage, langfristige Strategieplanungen zu machen. Und das mit der Null-Fehler Toleranz kann man genauso vergessen. In zukünftigen “agilen” Unternehmen wird viel mehr ausprobiert werden – eine “Kultur des Tüftels”, die ein Scheitern mit einschließt. Gerade in Deutschland sicher ein großer Schritt. Dabei haftet dem Scheitern erstmal nichts Negatives an, wenn man daraus lernt. Nicht umsonst hält Jeff Bezos die Kultur des Scheiterns so hoch: “Failure and invention are inseparable twins. If you know in advance, that it’s going to work, than it is not an experiment.” Diese Sätze sind in seinem Shareholder Letter von 2016 zu finden.

Agile Unternehmen agieren wie Fussballspieler

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn die Organisationsform der Industrialisierung der einer Maschine glich, dann sind agile Unternehmen vergleichbar mit einem Fussballmannschaft. Im Gegensatz zur Maschinenwelt gibt es keine direkte Ursache-Wirkung mehr. In einer Produktionsanlage können Ingenieure nämlich noch genau vorhersehen, was passieren wird, wenn man an einer Stellschraube dreht. In der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr – Das Ursache-Wirkung Prinzip ist Vergangenheit. Die Welt heute kann man vergleichen mit der Erziehung eines Kindes oder eben mit einem Fussballspiel. Was einmal funktoniert hat, kann beim nächsten Mal daneben gehen. Planungen sind nur noch in begrenztem Maße wirkungsvoll. Unternehmen müssen sich darauf verlassen, dass die MItarbeiter aus der Situation heraus schnell im Team das Richtige tun – weil sie Experten sind und die richtigen Instinkte haben. Was ist dann noch die Aufgabe des Managements? Vereinfacht gesagt: Sie machen das, was ein guter Trainer macht: Den Teamgeist stärken, Selbstvertrauen geben, die richtigen Leute zusammenbringen – damit die Spieler im entscheidenden Moment das Tor schießen.

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