Archiv für den Monat: Februar 2017

Gott schütze dieses Haus vor Feuer, Stadtplanung und Steuer

Untertitel: Unsere Innenstädte sterben aus.

Eine alte Volkswahrheit die der früheren Willkür der Stadtverwaltungen Ausdruck verleihen sollte. Heute hat man natürlich mehr Rechte und Möglichkeiten sich zu wehren – und das mit dem Feuer einigermaßen gut im Griff. Ansonsten sterben die Innenstädte langsam aus – nicht zuletzt immer noch wegen der Stadtplanung. Nue heute ist es eher die “Nichtplanung”. Die Schuld wird auf den Onlinehandel und die Digitalisierung geschoben. Das ist auch so – aber weg wünschen geht halt nicht. Weitermachen wie bisher leider auch nicht. Konzepte der Stadtplaner habe ich inzwischen viele gesehen und gelesen. Einigen Städten wie München gelingt auch vieles – es entstehen attraktive Flächen wie die 5 Höfe, der Viktualienmarkt und Schrannenhalle sind Anziehungspunkte und es gibt Konzepte die Wohnen, Einzelhandel, Verkehr, Kultur, Tourismus und öffentlichen Raum betrachten. Es wird sogar versucht mit den Immobilienbesitzern zu sprechen. Also hat man verstanden, dass die gesamte Stadt ein Ökosystem ist. Leider greift auch das noch zu kurz – aber immerhin verzögert es den Prozess und wird wahrscheinlich auch für bestimmte Zielgruppen (wie Tourismus) attraktiv bleiben. Also eine lebendige Innenstadt zumindest zu Ferienzeiten.

Filialisierung ist der Vorbote der sterbenden Innenstadt

Alle mir bekannten Planungen sind weiterhin voneinander zu losgelöst. Es gibt Konzepte für alle Bereiche – aber die sind nicht so verzahnt wie der “Kunde” (Anwohner, Einwohner, Tourist, Familien, …) dies erleben möchte. Beispiel Spielplätze: diese sind oft ärmlich ausgestattet und bleiben kann man nur solange, bis man Durst hat – oder das Gegenteil (also auf die Toilette muss). Dort könnte es eine Gastronomie geben die auch bis zum Sandkasten bedient. Wahrscheinlich ein grausamer Gedanke für die zuständige Behörde(n).
Geschäfte und Restaurants gibt es viele in der Stadt. Schön für die, die sich mal treffen wollen und Touristen die bummeln möchten. Wehe denen, die tatsächlich etwas finden müssen. Wehe denen, die sich nicht direkt in der Fußgängerzone befinden. Dort finden man so langsam aber nur noch H&M – die Filialisierung hat viele Städte schon erreicht. Das sind die Vorboten der sterbenden Innenstadt. Nicht weil ihre Waren schlecht wären. Einfach weil sie aufzeigen,  dass sich lokale, normale und kleine Händler nicht mehr halten können. Die sind aber das Herzstück und die Seele einer jeden Stadt oder sogar einzelner Stadtteile.

Wenn sich dann jemand interessiert einen Laden zu übernehmen, lernt er die Stadtverwaltungen kennen. Wahrscheinlich allesamt und nicht selten mit widersprüchlichen Auflagen. Die Verwaltungen sind noch nicht auf neue Konzepte eingeschworen und haben auch noch nicht verstanden, dass sie im gleichen Boot sitzen. Also wird man in die verschiedensten Büros gesendet für Anträge, Genehmigungen, Gebühren und darf sich dann mit der Kreativität der Geldeintreibung auseinandersetzen. Ein schönes Beispiel ist Parkplatzflächen bezahlen zu müssen in Abhängigkeit von der eigenen Nutzfläche. Natürlich hat der vorherige Besitzer diese Flächen auch schon bezahlen müssen. Natürlich erhält man diese Flächen auch nicht, die “entstehen woanders in der Stadt”. Während parken sicherlich eines der Themen für die Stadtplanung ist – haben die kleinen Händler weder die Ressourcen noch einige tausend Euro um der Stadtverwaltung so gegenüberzutreten. Na dann eben die Filialbetriebe.
Die Gastronomen? Genehmigungen um den Spielplatz gegenüber zu bedienen oder die Außenflächen im Sommer auszuweiten? Im Gegenteil, sie machen jährlich mehr Platz mit ihren Aussenflächen – z.B. wenn jemand in der Verwaltung gerade beschließt, dass eine blinde Person nun 2m anstelle 1m Platz benötigt, um dort ungefährdet vorbeizukommen. Dann  werden weiße Punkte um die Außenflächen gezeichnet, damit es schneller zu kontrollieren geht. Natürlich muss man Rücksicht nehmen auf Menschen mit Behinderungen – das geht aber auch mit weniger Willkür und Methoden ohne wirkliche Wirkung.

Aber was hat das alles mit Digitalisierung zu tun? Nichts. Das sind Städtekonzepte. Die Stadtplanung setzt auf traditionelle Mittel. Nachhaltig zukunftsweisend findet man selten. Das darf man nicht falsch verstehen, diese Konzepte sind notwendig. Aber der Digitalisierung selbst kann man nur mit Digitalisierung antworten.  Oder wollen sie Amazon begegnen, indem sie auf den Spielplätzen eine zweite Schaukel installieren und nach jahrelangem harten Ringen auch die Mittel für eine Parkbank freigeben?

Der böse Onlinehandel (allen voran Amazon) richtet sich strikt am Kunden aus. Die Hinderungsgründe für Onlinehandels werden konsequent verringert, die Vorteile ausgebaut. Es gibt eine große Auswahl und günstige Preise. Gegen die Versandkosten gibt es Prime, da gibt es gleich auch Filme und Musik dazu (Verzahnung von Angeboten). Man kann die Waren nicht anfassen – aber zuhause testen und zurücksenden. Es gibt detaillierte Rezensionen um die Produkte beurteilen zu können. Dies hat Grenzen wie man weiß, aber im Generellen darf man dabei weiter gehen (z.B. Packung entfernen) als im Einzelhandel – bei dem man oft nicht einmal ein Rückgaberecht hat. Dumm nur, dass man für die Rücksendung zur Post laufen muss. Aber halt, inzwischen holt Amazon die Waren kostenlos ab. Dumm nur, dass man sie nicht am gleichen Tag “mitnehmen” kann – auch daran wird gearbeitet.

Stadtplaner müssen die Trennung der Systeme aufheben

Der Einzelhandel müsste nicht sterben, würde er Amazon mit Ideen und Erlebnisräumen begegnen, anstelle mit Preiskampf und immer weniger Service. Inzwischen recherchieren 64% der Käufer im Einzelhandel die Produkte vorher online. Nur ein geringer Prozentsatz schaut sich Produkte im Einzelhandel an, um dann online zu bestellen. Warum ist das so?

Weil die Städteplaner es dem völligen Zufall überlassen, ob das Erlebnis Innenstadt positiv ausfällt oder nicht. Egal ob man bedarfsorientiert oder ergebnisorientiert in die Stadt geht, es kann einem grausen. Versuchen sie mal 5 konkrete Artikel auf ihre Einkaufsliste zu setzen und diese in der Stadt zu besorgen. Dabei sollten sie die Geschäfte meiden, die sie sehr gut kennen. Oder das Experiment im Extremfall in einer anderen Stadt versuchen, wie jemand der dort neu ist. Sie werden verzweifeln an Auswahl und Orientierungsmöglichkeiten. Alleine an trivialen Sachen wie einer Buchstütze – die ihnen auch noch gefallen sollte – oder einer bestimmten Flasche Wein. Es gibt kaum Möglichkeiten herauszufinden, wo man welche konkreten Artikel bekommen könnte. Im Zeitalter der Digitalisierung!

Nun stellen sie sich vor, sie wollen diesen Einkauf mit ihrem Lieblingsrestaurant und einem Theaterbesuch verknüpfen. Jetzt müssen sie schon mit dem Auto in die Stadt fahren, denn ihre Einkäufe wollen sie kaum dorthin mitnehmen. Eigentlich wollten sie aber zu zweit eine schöne Flasche Wein trinken. Kann man nichts machen, oder? Im Zeitalter der Digitalisierung, in dem man Dienste schnell, wirksam und eben digital verknüpfen könnte. Während sich Lieferando & Co für Mindestlohn die Beine in den Bauch stehen, zumindest während niemand eine Pizza bestellt, würden die auch Waren einsammeln und nach Hause fahren. In den USA macht das inzwischen Uber. Kann man den Kunden also vorwerfen nicht in der Stadt sondern online zu kaufen? Niemand will Zeit verschwenden um dann auch noch ein frustrierendes Erlebnis zu haben. Überleben kann der Einzelhandel aber nur, wenn er sich unterscheidet. Zum Beispiel das Elektrofachgeschäft das den Fernseher nicht nur liefert, sondern auch die Sender einstellt und die Halterung an die Wand bohrt. Jetzt müssen nur noch die Kunden erfahren, dass es so ein Geschäft gibt und wo es sich befindet.

Wenn wir dann noch sprechen wollen wir oft sie telefonieren müssen, damit sie eine Vorbestellung für einen Artikel in ihrer Größe, den Tisch im Restaurant und den Theaterbesuch am gleichen Tag hinbekommen, dann wird es traurig. Im Zeitalter der Digitalisierung. Zumindest das Problem “lösen” die zaghaften Stadtplaner aber – in sterbenden Innenstädten wird es zunehmend einfacher zu parken, einen Tisch zu bekommen und Karten für’s Theater. Nutzen Sie dies, solange es die Innenstadt noch gibt!

Der Einzelhandel selbst wäre die Antwort auf das Sterben. Die H&M-isierung wird der Stadt nicht helfen, denen ist das egal. Sie haben gute Lagen und werden zuletzt gehen – sozusagen sind sie auf Zwischenmiete da, bis es eben nur noch online geht. Die großen Ketten verknüpfen noch nicht einmal den online und offline Handel – sie können ein online Produkt meist nicht offline in der Stadt zurückgeben oder tauschen. Zudem unterscheiden sich diese Geschäfte ja nicht von denen der Einkaufszentren vor der Stadt. Selbst wenn das Einkaufszentrum in der Stadt ist, es wird der Innenstadt nicht helfen. Auch hier lassen die meisten Stadtplaner zu, dass getrennte Ökosysteme entstehen. Parken, einkaufen, essen, ab nach Hause.

Jetzt liest man überall, der Einzelhandel tut nichts gegen die Digitalisierung. Ganz oft stimmt das, aber dieser hat auch kaum die Mittel und Möglichkeiten dazu. Im Gegenteil, die Stadtplaner und Gesetzgeber legen hier beliebig viele Steine in den Weg – selbst die Städte, die sich Bürgerbeteiligung, Nachhaltigkeit und Innovation auf die Fahne geschrieben haben. Im schönen Frankenland habe ich mit Einzelhändlern gesprochen, die ihre “innovative” Stadtverwaltung “Betonköpfe” nennen. Dort kümmert man sich lieber um eine (Zitat) “ideenlose Ummünzung von Parkplatzflächen für die Landesgartenschau 2014 und den Bau einer Straßenbahn die niemand will”. Als zukünftiges Stadtkonzept. Selbst wenn das gute Konzepte sind, der Innenstadt und dem Einzelhandel wird es nichts helfen. Bis die Straßenbahn fertig ist, wird sie dann kaum noch jemand brauchen.

Lösgelöste Digitalisierung der Einzelhändler ist wirkungslos

Die Einzelhändler alleine können sich also gegen die Digitalisierung kaum wehren. Zu gering die Margen, es gibt oft noch keine Warenwirtschaftssysteme, die Zukunftsaussichten für solche Investitionen sind zu gering oder die Nachfolge ist nicht geklärt.
Die, die etwas tun wie Breuninger, tun es für sich. Dort wird versucht ihre Häuser in eine Art Erlebnisraum zu verwandeln – mit Ideen die man vom Kunden gehört hat, wie das Anprobieren zu Tageslichtbedingungen. Nur wenn niemand mehr in die Stadt geht, trifft das auch Breuninger und alle anderen, die sich alleine gegen die Digitalisierung stemmen.

Die Einzelhändler in Google zu finden mit ihrer Adresse ist nahezu nutzlos. Es muss ein zentrales online System für die Stadt geben, zumindest um Produkte finden und seinen Weg planen zu können. Abhängige Buchungen für Theater und Restaurant inklusive Parkplatzreservierung muss man mit Apps in einer Transaktion durchführen können. Geschäfte, Produkte und Dienstleistungen müssen verknüpft werden. Wer ein Abendkleid kauft, kann im gleichen Geschäft auch Schmuck und Schuhe angeboten bekommen. Nicht in einem anderen Stockwerk oder Geschäft – in der Ankleidelounge wo man sich mit Freund oder Freundin zusammen aufhalten kann. Die Einkäufe werden auf Wunsch nach Hause geliefert.
Erlebnisräume sind eben nicht nur Kleiderständer und Auswahl von Geschäften. Warum kann ich nicht einen Umkleideraum haben der wie ein Wohnzimmer aussieht? Und dabei haben auch die Einrichtungsgegenstände ein Preisschild?! Bitte diese Jacke und das Bild daneben.

Warum kann man anstelle einer große Kettenfiliale in ein Kaufhaus viele kleine Geschäfte dort unterbringen? Ein Haus nur mit Wein und Delikatessen? Viele Händler? Nur einmal bezahlen! Da müssten alle verstanden haben was Kunden wollen und dass sie im gleichen Boot sitzen. Sich mit der Konkurrenz auseinanderzusetzen aber auch zusätzlichen Partnern zu verbünden, ist ein Grundprinzip der Digitalisierung.

Eine zentrale Plattform der Stadt könnte dies ermöglichen, das Land unterstützt dies damit viele Städte profitieren können. Alle Herausforderung herum lassen sich lösen. Nicht jeder Händler muss gleich ein Warenwirtschaftssystem haben oder kann dieses ebenfalls über die zentrale Plattform nutzen. Hochschulen werden eingebunden um Medienkonzepte zu entwickeln, Läden und Produkte zu fotographieren und die Plattform mit Leben zu füllen. Studenten lernen am Besten an echten Projekten, selbst hier wäre das Konzept ein Vorteil.

Die Stadt stellt einen Zähler auf wie viel CO2 gespart wurde, indem Lieferung und Verpackung gespart wurden. Jeder Einkauf gibt 1% ab um lokale Kindertagesstätten oder Bedürftige zu unterstützen, die Stadt und ihre Einwohner verstehen sich als eine Gemeinschaft. Die Menschen und Kunden fühlen sich wohl und haben Erlebnisse in der Innenstadt. Schöne Erlebnisse, indem man Digitalisierung und Stadtplanung miteinander verknüpft. Inhaber und Händler haben feste Ansprechpartner bei den Städten und Gemeinden, zusammen werden Hürden aus dem Weg geräumt. Die Stadt betreibt “Stadtinformationen” (anstelle Touristeninformationen) damit auch Menschen ohne Apps davon profitieren können. Keine Räume mit Warteschlangen, sondern Kaffeehäuser. Warum nicht ein Stück Kuchen bestellen und dabei nachfragen, wo das nächste Sanitätshaus ist und ob es einen guten Hutmacher in der Stadt gibt.

Bürgervertreter, Händler, Stadtplaner und Immobilienbesitzer müssen sich an einen Tisch setzen. Leider haben die Beteiligten bis heute kaum verstanden, dass sie alle in einem Boot sitzen und damit in eine Richtung fahren. Beispielsweise ist die Abschöpfung der letzten paar tausend Euro Miete oder Pacht eher schädlich, wenn die Immobilie in 10 Jahren eine Million weniger wert ist.

Erlebnisräume schaffen – (zumindest) eine Stadt hat es verstanden!

Auch Positives muss genannt werden. Unter befragten Händlern und Bürgern hat sich eine Stadt besonders hervorgetan und das ist  Langenfeld. Dort scheint es einen sehr modern denkenden und zukunftsorientierten Stadtrat zu geben. Für die anderen drängt die Zeit, es ist schon recht spät um “klein klein” zu denken und verzagt über eine zweite Schaukel für den Spielplatz nachzudenken. Denken sie an die nahe und ferne Zukunft, an Grünflächen ermöglicht durch selbstfahrende Autos, ein verzahntes Ökosystem, an Erlebnisräume – und an den Weg dorthin. So geht Digitalisierung. Man muss anfangen. Man muss handeln, auch wenn man die Gesamtheit noch nicht versteht. Digitalisierung ist eine Reise. Nehmen sie ihre Bürger und Einzelhändler mit.

Schlusswort: Wahrscheinlich habe ich vielen Städten und Stadtplanern Unrecht getan und sie arbeiten wirklich eng mit allen Beteiligten zusammen. Man muss etwas provozieren, damit das Nachdenken anfängt. Ich weiß von Städten, die ihren Händlern helfen bei eBay zu verkaufen. Gemeinden die Verkehrsstrecken mit selbstfahrenden Fahrzeugen testen. Es gibt viele kleine Initiativen und interessante städtebauliche Konzepte. Meiner Ansicht nach sind aber alle noch zu verzagt, zu wenig verzahnt, zu wenig “digital” und viele werden dem Einzelhandel nicht helfen. Gerne schaue ich mir aber andere Beispiele an oder diskutiere über digitale Konzepte. Ich bin ein ausgewiesener Fan von schönen Innenstädten. Das  hat mich ja zu diesem Artikel bewogen.

Kultur frühstückt Strategie? Eine Kurzbetrachtung.

Nur ein paar meiner Gedanken, bei mir aus (mal wieder) aktuellem Anlass – nichts Wissenschaftliches! Für viele auch nichts Neues. Aber etwas ungemein Wichtiges für die Digitalisierung – die wird nicht passieren ohne die Mitarbeiter mitzunehmen – und sie wird nicht durch (die herkämmlichen) Incentive-Systeme steuerbar sein. Warum?

Mit dieser Fragestellung zu Kultur und Strategie habe ich mich bereits über viele Transformationen und Jahre schon oft beschäftigt. Meistens war es gar nicht mal so einfach herauszufinden, was die Kultur ist und was sie prägt, was individuelles oder gespiegeltes Verhalten ist, was genau die Strategie ist und wie sie bei den Mitarbeitern ankommt.

Klar geworden sind mir dabei zwei Dinge:

  1. Kultur und Strategie interagieren stark miteinander

    Es ist also nicht so, dass die Kultur die Strategie gleich zum Frühstück schafft. Wenn die Mitarbeiter an die Strategie glauben und diese positiv behaftet ist, kann es durchaus sein, dass die Strategie es zum Abendessen schafft die Kultur anzuknabbern (anfangen zu ändern). Allerdings ist an dem Spruch “Die Kultur verspeist die (Unternehmens)Strategie zum Frühstück” etwas Wahres dran: Menschen sind der Kultur loyal, nicht der Strategie. Wenn sich beide entgegenstehen, ist es in der Tat zum Frühstück bereits vorbei mit der Strategie.
    Fazit: Die Kultur dominiert die Energie und Motivation der Mitarbeiter – im positiven oder im negativen für die Unternehmensstragie.

  2. Menschen sind keine Zahnräder und Unternehmen keine Maschinen

    Viele Manager (denken dies aber und) sind noch dem tayloristischen Glauben verhaftet, dass man die Arbeit kleinteilig auf- und zuteilen kann. Dan müsse man das Ganze nur noch kontrollieren und für die Motivation Anreize (oder Drohungen) einsetzen, damit die Mitarbeiter schneller und besser arbeiten. Da ist mir in dem Buch “Reinvention Organizations” die Integrale Theorie (Ken Wilber Modell) über den Weg gelaufen – eigentlich aus der Philosophie kommend. Die Aussage ist: Jedes Phänomen hat vier Facetten und muss von vier Seiten betrachtet werden, um es zu verstehen :
    1. Objektiv: von außen betrachten (die greifbare, meßbare Dimension)
    2. Subjektiv: von innen spüren (Gedanken, Gefühle, Empfindungen)
    3. in Isolation betrachten: die individuelle Dimension (wie reagiert der Einzelne)
    4. Im Kontext betrachten: die kollektive Dimension (was bedeutet es für die Gemeinschaft)

    Übersetzt auf eine Organisation betrachtet man also:
    1. Perspektive: Denkweisen und Überzeugungen
    2. Perspektive: das Verhalten der Mitarbeiter
    3. Perspektive: Organisationskultur
    4. Perspektive: die Strukturen, Prozesse, Praktiken

Wenden wir also die verbreitete Managementmeinung auf das Modell an:
“Menschen werden hauptsächlich durch Incentive und Anreizsysteme motiviert werden”. Dies als Denkweise und Überzeugung (oberer linker Quadrant) verbunden mit der Strategie. Diese wird in “Stückchen” an die verschiedenen Abteilungen verteilt und nach deren Erfolg und Beitrag bezahlt. Dies führt auch zu einer erkennbaren Änderung:

  • die Mitarbeiter werden zunehmend individualistisch
  • Es entsteht eine Kultur die individuelle Erfolgsmenschen mehr wertschätzt und lobt, die weniger Fehler erlaubt
  • Mitarbeiter versuchen “Abkürzungen” zu nehmen zur Zielerreichung (das Beste für den Kunden steht nicht im Fokus)
  • Gegenüber dem Management (und den Reportingsystemen) werden sie sich stets so verhalten, wie sie glauben, dass es von Ihnen erwartet wird
  • Zu den Abteilungsbarrieren (Silos) entstehend weitere individuelle Barrieren und Seilschaften

Die Kultur (Überzeugung der Wirkung von Incentivesysemen) wirkt auf die Kultur (die Mitarbeiter werden individualistischer). Somit wirkt die Strategie auf die Kultur. Aber noch viel wichtiger: Die Strategie war ja nicht erfolgreich, denn sie hatte nicht den Zweck der negativen Kulturänderung. Somit ist sie gegen die Kultur und deren Anpassung machtlos gewesen.

Die Unternehmenskultur wirkt auf jeder Ebene des Managements, beispielsweise bei der Entscheidungsfindung, der Art und Weise zu führen (Führungsverhalten und Führungskultur), den Beziehungen zu Kollegen. Das Gleiche gilt nach Außen: eine positive Kultur zieht Talente an und sicherlich auch Kunden.

Wer mit den “alten” Strukturen und Werten in eine Digitale Transformation startet, hat sein wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ausgeschaltet: Die Herzen und die Kreativität seiner Mitarbeiter. Alternativ kann man sagen: wer so in die Digitale Transformation startet, hat einen mächtigen Gegner: sich selbst. Denn die Transformation muss in die Köpfe und Herzen der Mitarbeiter. Sie muss Kultur werden.

Zugegeben kann das Pendel natürlich auch in das Gegenteil umschlagen, nur noch Fokus auf Team und Kultur, da fühlen sich Menschen dann wiederrum nicht als Individuum wahrgenommen und anerkannt. Manager sind somit im dauernden Zwiespalt zwischen den konkreten Elemente der Struktur (und Meßbarkeit) sowie der nicht greifbaren Substanz der Kultur (bis hin zu selbstorganisierenden Teams).

Diese Balance reguliert sich am Besten selbst, wenn die “Macht” verteilt wird – also die Entscheidungen auf den Ebenen getroffen werden können, die mit den Problemen und Zielen konfrontiert sind. Wenn sie sich selbst Ziele stecken dürfen und dabei motiviert sind, muss das Management kaum Befürchtungen hegen, die würden für das Gesamtergebnis der Organisation zu gering ausfallen. Daher gefällt mir auch der Buchtitel gut: Reinventing Organizations. Wer der den Markt neu erfinden will, muss zuerst sich selbst neu erfinden.

Fazit: Die Entscheidungsmacht in Unternehmen muss verteilt werden, Unternehmen müssen in Netzwerken arbeiten lernen, das Management muss eine Dienstleistungskultur werden und vor allem: Mitarbeiter müssen Fehler machen dürfen (oder sogar sollen). Ansonsten hat die Kultur nicht nur die Motivation unterdrückt, sondern auch die Innovation im Keim erstickt. Vor dem Frühstück.