Vom Zauber der Anerkennung

Fast immer spreche ich in meinen Vorträgen und Workshops zu Kulturwandel und Überdenken von Hierarchien davon, dass einer der wichtigsten Treiber für menschliches Handeln das Streben nach echter Anerkennung ist. Mit Betonung auf echter (!)  Anerkennung und nicht ein Lob der Führungskraft für die korrekte Erbringung von geforderten Leistungen. Was zeichnet dann Anerkennung aus, die diese Strahlkraft auf Menschen ausübt?

Vor wenigen Wochen war ich Zeugin eines wunderbaren Beispiels: Ich musste beruflich in die USA fliegen, was bedeutet, es lagen etwa 8 Stunden Flug vor mir. Das Boarding war so gut wie beendet, als ein Mann in der Reihe vor mir mit einer gut gefüllten Heinemann Tüte in der Hand zu zwei Stewardessen in der Nähe ging und den beiden die Tüte überreichte. „Ich habe der Crew Schokolade gekauft, damit möchte ich Ihnen den Flug versüßen. Als kleines Dankeschön für den außergewöhnlich freundlichen Service, den ich mit Lufthansa immer genießen darf.“  Die beiden Stewardessen waren erst einmal sprachlos vor Überraschung. Dann schauten sie in die Tüte und freuten sich über die wohl recht hochwertige Auswahl und die Freude darüber spiegelte sich in den Gesichtern wider. Die erste Reaktion war: „Wie können wir das gut machen? Möchten Sie etwas Besonderes zu essen oder haben Sie sonst einen Wunsch?“ Der Mann sagte nur schlicht: „Sie brauchen mir nichts als Gegenleistung bringen, ich möchte Ihnen einfach nur eine Freude machen.“ Ist ihm gelungen. Er ist sozusagen über das Ziel hinausgeschossen, denn ich habe mich gleich mit gefreut.

Als dann das Essen serviert war, kamen noch andere Crewmitglieder zu dem Mann. „Ich wollte Ihnen nur sagen, wie sehr wir alle uns über die Schokolade gefreut haben. Das ist mir in fast zwanzig Jahren Flugdienst noch nie passiert.“  Gegen Ende des Fluges hat die Crew Selfies mit sich und dem Mann gemacht. Bei jeder dieser Szenen habe ich mich wieder mitgefreut.

Warum mache ich mir die Mühe und erzähle das hier? Weil der Mann verstanden hat, was echte Anerkennung ausmacht: Etwas honorieren, das über das Erwartete hinaus ging. Oder anders gesagt: Engagement, gute Taten von anderen erkennen und wertschätzen – ohne Hintergedanken und ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten.

Vielleicht ist mir diese Geste auch deshalb so prägnant im Gedächtnis geblieben, weil ich momentan in meinem ersten „Working out Loud“ -Circle mitmache. Bei dieser Methode von John Stepper geht es kurz gesagt darum, die Kraft von Netzwerken zu erfahren und vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Kollegen/Menschen aufzubauen. Dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Lob und Geschäftsbeziehung die dunkle Seite von Anerkennung und Aufbau von Netzwerken sind, denn erstere erfolgen nur in Erwartung einer konkreten Gegenleistung. Anerkennung und Vernetzung dagegen basieren auf einem Vertrauensvorschuss. Und das wiederum macht die Strahlkraft der „Working Out Loud“ Circle aus. Wie schön, dass sich diese Methode gerade so rasant in Unternehmen verbreitet.

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