Archiv des Autors: Dorothee Töreki

Eine persönliche Geschichte über die Macht der Verletzlichkeit

Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Google Studie gestoßen, die der Frage nachgegangen ist, was erfolgreiche Teams ausmacht. Im Grunde war nichts ganz Neues dabei, dennoch hat ein Punkt einen Nerv bei mir getroffen: Es ging um den (schon lange bekannten) Fakt, dass Menschen am produktivsten sind, wenn sie ein Gefühl der Sicherheit haben. Und das haben sie, wenn es akzeptiert wird, Fehler machen zu dürfen. Fehler machen heißt, nicht perfekt zu sein – heißt, Schwächen einzugestehen oder Risiken einzugehen. Das hat mich an eine konkrete Geschichte aus meiner Zeit bei IBM erinnert:

Damals hatte ich mich thematisch einem neuen Thema zugewandt. Der Erfolg hing davon ab, dass nicht nur ich das Thema spannend fand, sondern ich musste auch bei Kollegen und Kunden Begeisterung wecken. Ein erster Prüfstein war eine große europaweite Schulung in Athen. Ich hatte mein Thema als Vorschlag eingereicht und es wurde von den Kollegen unter die Top 3 gewählt – damit war klar: ich muss „On Stage“. In englischer Sprache ein neues Thema vor diskussionsfreudigen kritischen Kollegen vortragen. Also nicht zwingend ein Heimspiel, sondern etwas, was einen sehr weit aus der Komfortzone holt.

„Das schaffst Du schon“ hilft nicht weiter, wenn einem die Knie zittern

Jetzt ist es nicht so, dass ich aus meinem Herzen eine Mördergrube mache. Ich hatte Kollegen schon meine Aufregung mitgeteilt und viele liebe verbale „Schulterklopfer“ bekommen. „Das schaffst Du schon.“ Aber einen echten Wendepunkt für alle künftigen kritischen Termine und Situationen hat ein Gespräch mit meinem lieben Kollegen und guten Freund Ralph Siepmann gebracht.

Ich: „Das wird morgen eine Katastrophe, vor mir spricht Kollege XXX. Der ist einer unserer Besten, English native Speaker und der ist auch noch witzig. Wenn ich einen Witz mache, reagieren alle nur mit einem verlegenen höflichen Lächeln.“

Ralph: „Entspann Dich doch mal und akzeptiere Dich, wie Du bist. Stell Dich vorne hin und sage: Ich bin nicht witzig. Aber wenn ihr was über die Zusammenhänge der Digitalisierung hören wollt, dann bleibt sitzen und hört mir zu. Keiner (!) wird Dir das übel nehmen, im Gegenteil – Du wirst die Herzen gewinnen, denn Du bist authentisch und steht zu Deinen Schwächen.“

Wer Schwächen zeigt, ist wahrhaftig und berührt Menschen

Ich habe noch oft an dieses Gespräch gedacht, erst nach Jahren habe ich verstanden, dass dies ein Schlüsselmoment für mich war. In Rhetorikschulungen wird oft gesagt: „Entscheidungen werden nicht über den Verstand, sondern über Emotionen getroffen. Also berührt Eure Zuhörer.“ Das sagt sich nur immer so leicht. Die wenigsten Vorträge oder Meetings lösen wirklich langfristig etwas aus in einem – schon beim Verlassen des Raumes haben wir das Meiste wieder vergessen. Als ich so darüber nachsann, welcher Vortrag mir wirklich lange im Gedächtnis geblieben ist, fiel mir die Microsoft TechEd2013 in Madrid ein – eine Nerd-Veranstaltung zu rein technologischen Themen. Einer davon wurde von einer herausragenden Expertin von Cloud-Architekturen gehalten – die Sprecherin war sichtlich aufgeregt und nicht gewohnt, vor mehreren tausend Leuten über ihr Thema zu referieren. Sie begann mit dem Satz: „Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen – ich bin aufgeregt. Aber ich habe heute etwas zu erzählen, dass mir das alles wert ist.“ Damit hat sie von Beginn an eine Verbindung zwischen sich und dem Publikum hergestellt, die dann nicht mehr abgerissen ist. Ich kann heute noch wesentliche Inhalte dieser Session wiedergeben.

Unser aller Urangst, es nicht wert zu sein, gemocht zu werden.

Und dann wurde ich auf die Soziologin Brené Brown aufmerksam, die mir ihrem berühmten TED-Talk, „The Power of Vulnerability“ genau das auf den Punkt bringt. Menschen, die tiefe Beziehungen zu anderen aufbauen können, haben alle zwei Eigenschaften gemein:

  • Die Großzügigkeit sich selber gegenüber, nicht perfekt zu sein
  • Verletzlichkeit zuzulassen (was unmöglich ist ohne Großzügigkeit zu sich selbst)

Heisst angewandt auf meine Geschichte in Athen: Kein perfektes Auftreten zu haben und trotzdem auf die Bühne steigen. Aufgeregt sein und es zuzulassen. Nicht allwissend zu sein, aber genug für ein Thema zu brennen, um trotzdem mit anderen seine Gedanken zu teilen.

Der Einsatz: das Risiko einzugehen, Scham zu empfinden – eines der schlimmsten Gefühle, die wir Menschen kennen. Sich komplett zu blamieren – für alle Zeiten in die Geschichte einzugehen, als diejenige, die damals auf der Schulung komplett versagt hat oder vielleicht noch schlimmer, über die sich alle lustig gemacht haben.

Der Gewinn: das pure Glück, andere begeistern zu können. Anerkennung zu bekommen. Und abseits dieses Beispiels natürlich auch, echte – wahrhaftige – Verbindungen mit anderen aufzubauen.

Nur eine Seite der Medaille haben zu wollen, funktioniert leider nicht

Die Erkenntnis aus dieser Geschichte: Nur eine Seite der Medaille haben zu wollen, funktioniert nicht. Entweder ich lasse Gefühle zu – oder ich lasse gar keine zu. Mit allen Konsequenzen. Und ja – das Leben ist nicht immer schwarz oder weiß. Man hat nicht immer Gespräche, Begegnungen, Vorträge, in denen man mit seinem Charisma alle umwirft oder sich komplett blamiert. Darum geht es mir auch nicht.

Meine Lektion für mein Leben ist – wer anderen etwas vorspielt, das er nicht ist, wird keine echten Verbindungen aufbauen. Wir haben nämlich alle ein Gespür für Wahrhaftigkeit.

Hat das etwas mit Digitalisierung zu tun? Mir kommen da natürlich direkt die „FuckUp Nights“ in den Sinn mit dem Motto „Live Life without Filter“. Immer wieder wird darüber berichtet, wie inspirierend die Menschen und ihre Geschichten empfunden wurden: der Grund – siehe oben. Es ist also folgerichtig, dass diese Veranstaltungen mittlerweile auch Einzug in Unternehmen halten. Am Ende des Tages doch eine Frage von echter Führung und was Bedingungen sind, unter denen wir alle unser Bestes geben können und bereit sind, das unbekannte Terrain der digitalen Welt zu betreten. Damit hat sich der Kreis geschlossen.

Warum Lob der uncoole Verwandte der Anerkennung ist

Das Streben nach Anerkennung ist ja einer der größten Triebfedern menschlichen Handelns. Eine Steilvorlage für Führungskräfte – einfach Freitag mittags ein bisschen Bonuspunkte verteilen und schon klappt das mit Motivation und Teamspirit. Leider ist da der etwas peinliche Verwandte der Anerkennung – nämlich das Lob. Beide werden schnell mal miteinander verwechselt, sie sehen sich nämlich auf den ersten Blick ein wenig ähnlich. Leider lösen sie unterschiedliche Dinge aus – und da sind wir mitten im Thema.

Nähern wir uns dem Thema über die Synonyme (Woxikon), die man mit beiden Begriffen verbindet:

Anerkennung – Errungenschaft, Wertschätzung, Fortschritt, Durchbruch, Triumph

Lob –Belohnung, Prämie, Auszeichnung, Gegenleistung, Bestätigung

Lob erwartet Gegenleistung

Sie werden es schon erkannt haben: Gelobt wird, wenn jemand Vorgaben erfüllt hat. Dafür bekommt er eine Gegenleistung, nämlich Lob und Prämien. So wie etwa der Schüler, der eine Eins in Mathe hat und dafür mehr Taschengeld bekommt. Nicht umsonst haftet dem Lob etwas Streberhaftes an. Der Lobende übt eine Machtposition aus: Der Lehrer, der Vorgesetzte loben für erwartete und erwünschte Verhaltensweisen. Woran erinnert Sie das? Richtig – an die Hierarchie! Der Lobende ist nämlich zugleich immer in der Machtposition – also Lehrer oder Vorgesetzter. Der, der gelobt wird, hat vorher eine Gegenleistung erbracht – für die er den erwarteten Lohn erhalten möchte. Entweder in Form von Noten oder variablen Gehaltsanteilen. Ist das die außergewöhnliche Triebfeder, von der wir alle immer reden? Nein, natürlich nicht. Der Lobende hat ja vorher schon seinen Teil geleistet und hat das Lob sozusagen erwartet. Der Schüler, der im Diktat Null Fehler hat oder der Vertriebsmitarbeiter, der die Vorgaben zu 100% erfüllt hat, erwartet eine Note 1 oder die Auszahlung der variablen Gehaltsanteile. Beides löst keinen Motivationsschub aus oder verhilft zu besonders toller Arbeitsatmosphäre. Denn der Lobende selber lobt aus einem Kalkül heraus – Lob und Gegenleistung stehen im engen Zusammenhang.

Anders dagegen die Anerkennung. Die Synonyme aus Woxikon deuten es schon an: Anerkennung steht im Kontext von Dingen, die eben NICHT dem Erwartbaren entsprechen, sondern etwas Besonderes sind. Anerkennung hat mit der Erfüllung von Vorgaben nichts zu tun. Sie wird aus einer inneren Empfindung heraus ausgesprochen und genau deshalb ist sie für denjenigen, der Anerkennung bekommt, auch so euphorisierend. Wenn es sich um eine Empfindung handelt, dann kann man ja nicht bewusst Anerkennung spenden, oder? Sie müsste dann ja quasi ungeplant entstehen. Ganz so ist es nicht: Ein Klima, in dem Anerkennung gedeiht, kann man durchaus bewusst herbeiführen: Indem man sich mit dem Gegenüber befasst. Was sind die individuellen Stärken eines Menschen, was treibt ihn an? Dann wird einem viel eher bewusst, welche „Errungenschaften“ (siehe oben, Woxikon) jemand erreicht hat.

Ein Beispiel:

Ein Kollege – nennen wir in Markus – organisiert einen Event, der so noch nie stattgefunden hat: mit besonderen Sprechern, ungewöhnlicher Location und besonderem Catering. Markus musste für die Umsetzung kämpfen, denn die Vorgesetzten mussten Budgets freigeben. Er hat aber so überzeugend von der Idee gesprochen, dass er das nötige Geld bekommen hat.  Über Wochen hat Markus nicht nur seine Arbeitszeit für den Event eingesetzt, sondern sich auch in seiner Freizeit damit beschäftigt. Das Ergebnis: Viele Teilnehmer, teilweise sogar neue Kontakte und durch die Nachbereitung durch den Vertrieb haben sich neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben.

Ein Lob würde so ausfallen:

„Heute möchte ich Markus für die besonderen Anstrengungen für die Eventorganisation danken. Wir konnten damit unsere Umsatzziele früher als erwartet erreichen. Deshalb möchte ich Markus als Dank einen Gutschein für ein Wochenende in Athen schenken. Markus, danke, dass Du in besonderer Weise zur Erreichung der Teamziele beigetragen hast.“ Michael, der Teamleiter.

Anerkennung sieht so aus:

„Markus, ich bin beeindruckt, mit welcher Hartnäckigkeit Du diesen Event vorangetrieben hast. Dass es solch ein Erfolg wurde, haben wir Dir zu verdanken: Du hast so überzeugend für Deine Idee eingestanden, dass Du das Budget dafür bekommen hast. Mit Deiner Persönlichkeit und Deiner Ausstrahlung hast Du besondere Redner gewinnen können. Ich habe viel daraus gelernt. Markus, wie schön, dass Du bei uns bist.“

Der Unterschied ist deutlich

Das Lob hat nicht den Adressaten im Fokus, die Anerkennung bezieht sich ausschließlich auf ihn.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass im wahren Leben die Grenzen zwischen Lob und Anerkennung auch einmal verschwimmen können. Wie es bei Ihnen mit der Arbeitskultur aussieht, können Sie daran erkennen, in welchem Ausmaß bei Ihnen Anerkennung gestiftet wird – also auch vom Mitarbeiter zur Führungskraft. Wenn dies möglich oder sogar üblich ist, sind Sie auf einem guten Weg.

Nur so werden Mitarbeiter die neuen Wege beschreiten, ihre Potentiale freisetzen und Risiken eingehen. Alles Dinge, die beim Kulturwandel so häufig herbeigewünscht werden.

Vom Zauber der Anerkennung

Fast immer spreche ich in meinen Vorträgen und Workshops zu Kulturwandel und Überdenken von Hierarchien davon, dass einer der wichtigsten Treiber für menschliches Handeln das Streben nach echter Anerkennung ist. Mit Betonung auf echter (!)  Anerkennung und nicht ein Lob der Führungskraft für die korrekte Erbringung von geforderten Leistungen. Was zeichnet dann Anerkennung aus, die diese Strahlkraft auf Menschen ausübt?

Vor wenigen Wochen war ich Zeugin eines wunderbaren Beispiels: Ich musste beruflich in die USA fliegen, was bedeutet, es lagen etwa 8 Stunden Flug vor mir. Das Boarding war so gut wie beendet, als ein Mann in der Reihe vor mir mit einer gut gefüllten Heinemann Tüte in der Hand zu zwei Stewardessen in der Nähe ging und den beiden die Tüte überreichte. „Ich habe der Crew Schokolade gekauft, damit möchte ich Ihnen den Flug versüßen. Als kleines Dankeschön für den außergewöhnlich freundlichen Service, den ich mit Lufthansa immer genießen darf.“  Die beiden Stewardessen waren erst einmal sprachlos vor Überraschung. Dann schauten sie in die Tüte und freuten sich über die wohl recht hochwertige Auswahl und die Freude darüber spiegelte sich in den Gesichtern wider. Die erste Reaktion war: „Wie können wir das gut machen? Möchten Sie etwas Besonderes zu essen oder haben Sie sonst einen Wunsch?“ Der Mann sagte nur schlicht: „Sie brauchen mir nichts als Gegenleistung bringen, ich möchte Ihnen einfach nur eine Freude machen.“ Ist ihm gelungen. Er ist sozusagen über das Ziel hinausgeschossen, denn ich habe mich gleich mit gefreut.

Als dann das Essen serviert war, kamen noch andere Crewmitglieder zu dem Mann. „Ich wollte Ihnen nur sagen, wie sehr wir alle uns über die Schokolade gefreut haben. Das ist mir in fast zwanzig Jahren Flugdienst noch nie passiert.“  Gegen Ende des Fluges hat die Crew Selfies mit sich und dem Mann gemacht. Bei jeder dieser Szenen habe ich mich wieder mitgefreut.

Warum mache ich mir die Mühe und erzähle das hier? Weil der Mann verstanden hat, was echte Anerkennung ausmacht: Etwas honorieren, das über das Erwartete hinaus ging. Oder anders gesagt: Engagement, gute Taten von anderen erkennen und wertschätzen – ohne Hintergedanken und ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten.

Vielleicht ist mir diese Geste auch deshalb so prägnant im Gedächtnis geblieben, weil ich momentan in meinem ersten „Working out Loud“ -Circle mitmache. Bei dieser Methode von John Stepper geht es kurz gesagt darum, die Kraft von Netzwerken zu erfahren und vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Kollegen/Menschen aufzubauen. Dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Lob und Geschäftsbeziehung die dunkle Seite von Anerkennung und Aufbau von Netzwerken sind, denn erstere erfolgen nur in Erwartung einer konkreten Gegenleistung. Anerkennung und Vernetzung dagegen basieren auf einem Vertrauensvorschuss. Und das wiederum macht die Strahlkraft der „Working Out Loud“ Circle aus. Wie schön, dass sich diese Methode gerade so rasant in Unternehmen verbreitet.

Was Truthähne, Bienen und Löwen mit digitaler Transformation zu tun haben

Diese drei Tiere versinnbildlichen für mich das Wesen der digitalen Transformation.

Der Truthahn – die Welt, in der wir aufgewachsen sind

Viele werden sicher die Parabel kennen, die mir zum ersten Mal im Buch “Antifragilität – Anleitung für eine eine Welt, die wir nicht verstehen”  begegnet ist: Würde man den Truthahn nach den Risiken in seinem Leben fragen, würde er sagen: “ich habe keine, mein Leben ist sicher. Täglich kommt ein Mensch und kümmert sich um alles, was ich brauche.” Das trügerische Gefühl der Sicherheit wird für ihn mit jedem Tag größer –  bis zum Abend vor Thanksgiving – da tritt ein unerwartetes Ereignis ein, dass das Gefühl für Sicherheit fundamental erschüttert.

Wir befinden uns gerade in der Phase vor Thanksgiving – uns in Deutschland geht es gut, der Beschäftigungsgrad der Bevölkerung ist so hoch wie lange nicht mehr. Trotzdem ist es gerade jetzt wichtig, sich eine  Welt vorstellen zu können, die ganz anders aussieht  und sich entsprechend darauf vorzubereiten. Die Herausforderung ist also, nicht zum Truthahn zu werden. So wie damals bei Kodak – ich weiß, das Beispiel ist schon ziemlich breitgetreten. Es bringt die Aufgabe aber auf den Punkt: Es reicht nicht aus, die Digitalkamera zu erfinden und sie dann in der Schublade verschwinden zu lassen. Ich muss mir eine Welt vorstellen können, in der ich als Unternehmen keine Filmrollen mehr verkaufen werde und meine Welt entsprechend umbauen.

Das ist natürlich immer sehr leicht dahin gesagt. Geht es auch konkreter? Nehmen wir das autonome Fahren als Beispiel. Dies ist kein Produkt, das ich kaufen kann oder eine einzelne Technologie, sondern ein Zusammenspiel von ganzen vielen Faktoren und Technologien, deren Auswirkungen auf unseren Alltag noch viel zu selten thematisiert werden. (hier dazu mehr). Wir wird diese Welt genau aussehen? Wir wissen es nicht! Aus Unternehmenssicht heißt das, ich muss mit Unsicherhheit umgehen lernen – langfristige Strategiepapiere wird es nicht mehr geben. Den kaum dass sie geschrieben sind, hat die Welt sich schon wieder so verändert, dass sie überarbeitet werden müssten. Das Ziel ist es also, schnell und flexibel auf das, was da auch immer kommen möge, reagieren zu können.

Flexible Organisationen sind wie ein Bienenschwarm

Wenn der Truthahn für eine Welt steht, die sich nur langsam bis gar nicht verändert, dann ist das die klassische Hierarchie. Mitarbeiter bekommen Arbeitsanweisungen und müssen diese ausführen. Selbstdenkende Mitarbeiter sind lästig und somit nicht erwünscht. Die Führung plant die Welt, die Organisation liefert die gewünschten erwartbaren Ergebnisse – wenn es gut läuft und niemand anders die Digitalkamera erfndert.

Wie ist das bei einem Bienenschwarm? Stellen Sie sich vor, man würde einer Biene eine Arbeitsanweisung geben, wann sie wo welche Blüte anzufliegen hat. Sie lächeln? Genauso handeln heute die meisten Führungskräfte. Dabei weiß die Biene von sich aus schon recht gut, wo sie den Nektar zu sammeln hat – ohne Prozesse und Management-Kontrolle. Wichtig ist, dass das Ziel bekannt ist. Das kann nicht funktionieren? Oh doch – das Beispiel von Buurtzorg wurde hier ja schon beschrieben. Ein Unternehmen wie ein Bienenschwarm – mit zufriedenen Menschen, die auch beim Eintritt ins Rentenalter noch freiwillig ein paar Jahre länger arbeiten. Weil die Arbeit Sinn-stiftend ist, denn die Pflegekräfte werden wir Bienen behandelt – sie wissen, was zu tun ist und was gut für die Patienten ist. Weiterentwicklung erfolgt durch Einbeziehung aller – verschiedene Perspektiven und Erfahrungen helfen, Risiken bei der Transformation zu minimieren. Kann man als agiles Unternehmen Fehler vermeiden? Nein! Sie sind Teil des Spiels. In einer nicht vorhersehbaren Welt werden Fehler passieren. Die muss man aktzeptieren – ein wichtiger Baustein der Unternehmenskultur. Kein Fingerpointing, sondern die sachlichen Gründe ausarbeiten, warum etwas nicht funktioniert hat und dann transparent für alle zugänglich machen. Damit alle lernen und Fehler nicht mehrfach gemacht werden. Diese Transparenz zu erreichen, ist beim Wandel von der Hierarchie zum agilen Unternehmen besonders wichtig.

Wird das von selbst passieren? Nein! Menschen, die über Dekaden gelernt haben, dass eigenes Denken unerwünscht und Fehler den Job in Gefahr bringen, werden nicht auf einmal vor Ideen und Eingeninitiative sprühen, nur weil der  Vorstand das gerade beschlossen hat. Diesen Wandel einzuleiten, ist Aufgabe der Führung. Und da kommt der Löwe ins Spiel.

Wenn aus den Lemmingen der hierarchischen Organisation eigenständig denkene Löwen werden sollen, muss die Führung selber erst zum Löwen werden. Und das geht anders, als jetzt viele vielleicht denken. Nämlich durch Authentizität! Konkret – Fehler eingestehen, zugeben, etwas selber nicht zu wissen und für Fehlschläge geradestehen. Nicht umsonst sind die Fuck-Up Nights zu einer weltweiten Bewegung geworden.

Fuckup-Nights – We live life without filter

Menschen zuzuhören, die sich auf eine Bierkiste stellen und über ihre Fehlschläge reden, hat etwas Inspirierendes und es macht Mut. Und die auf der Bierkiste machen die Erfahrung, dass Fehler zuzugeben (Transparenz) etwas ist, das Respekt einbringt und echtes Leadership ausmacht. Das macht anderen Mut, sich mit anderen Löwen auf die Jagd zu machen! Auch wenn die Beute mal entwischt, dann klappt es halt beim nächsten Mal.

Bewusstes Eingehen von Risiken ist der beste Weg um in der digitalen Welt des steten Wandels bestehen zu können. Oder um es mit den Worten von Thomas von Aquin zu sagen: (Danke Ralph Siepmann für das Zitat.

Digitale Lebensmittel – dezentral, nährstoffreich und disruptiv

Gerade  zurück von der Farm and Food in Berlin, möchte ich ein paar Einsichten teilen. Zum einen (natürlich), dass auch hier die Mechanismen der Digitalisierung Einzug halten. Egal ob John Deere oder Claas: Die großen Anbieter von Landmaschinen richten sich darauf aus, dem Landwirt aus Daten handfeste Services zu liefern, die den Verbrauch von Ressourcen verringern und den wirtschaftlichen Gewinn erhöhen sollen.

Nachhaltigkeit und mehr Gewinn durch Big Data

Die Landmaschine selber wird nur noch eine Komponente von vielen sein. Das beginnt mit der Auswertung von Langzeit-Wetterdaten in Verbindung mit Geodaten der Felder und einer aktuellen Wetterprognose. Wann ist der passgenaue Zeitpunkt zum düngen, wässern, ernten und verkaufen. Lohnt sich eine Lagerhaltung, weil der Marktpreis beispielsweise für Weizen in den nächsten Wochen steigen wird? Das bedeutet also, die Erkenntnisse werden nur noch zum Teil aus den Daten des Hofes gewonnen, sondern viel mehr aus der Kombination von vielen unterschiedlichen Quellen. So weit, so vorhersehbar für alle, die die Mechanismen der Digitalisierung kennen.

Caleb Harper: Aus Daten die idealen Bedingungen für gesunde, nährstoffreiche Nahrung schaffen

Schaut man sich an, womit sich gerade das MIT beschäftigt, erschließen sich noch ganz andere Potentiale aus Daten: Die Open Agriculture Initiative denkt die Erzeugung von Nahrungsmitteln neu: Transparente Herstellung, Vernetzung der Menschen und deren Wissensaustausch und dezentraler Anbei. In seinem TED-Talk bringt Caleb Harper es auf den Punkt:

“Wer Klima in Code beschreiben kann, kann Geschmack und Nährwerte codieren.”

Und zwar in sogenannten Food Computern – vereinfacht gesagt: Gewächshäuser, die die idealen Bedingungen für jedwedes(?) Lebensmittel nachbilden können auf Basis von Datenanalysen – Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Lichtzusammensetzung und Nährstoffe. Und das komplett OpenSource – wer will, kann sich solch einen Food Computer selber nachbauen, die Anleitungen sind auf der Webseite geteilt. Und natürlich inklusive Schulungen und Erfahrungsaustausch.

(Quelle: https://www.aspeninstitute.org/blog-posts/farming-future-looks-nothing-like-today/)

Es geht hier also keinesfalls um die sprichwörtlichen Hollandtomaten, die das Sinnbild für das entseelte Lebensmittel als Massenware geworden ist. Ob berechtigt oder nicht, sei einmal dahingestellt. Caleb Harper weist den Weg zu einem kompletten Paradigmenwechsel: Bislang liegt der Fokus bei der Produktion von Lebensmitteln auf niedrigen Kosten, Massenproduktion und Transportfähigkeit. Mit den Food Computern könnte die Erzeugung von Lebensmitteln wieder dezentral in die Hände von Millionen Individueen gelangen.

Eine Idee für Innenstadt-Konzepte?

Es hängt ja immer alles mit allem zusammen, in diesem Falle mit autonomen Fahrzeugen und den sich verändernden Innenstädten. Ralph Siepmann hat ja hier schon einige Artikel zu den Herausforderungen der Innenstädte durch den Online Handel und mögliche Lösungsansätze geschrieben. Der Druck, sich dem Wandel zu stellen, wird zunehmen, wenn sich die Anzahl der Autos durch autonome Fahrzeuge drastisch verringern wird. Wie geht man mit nicht mehr benötigten Parkhäusern um? Das wäre doch eine Lösung für eine Neunutzung. Und natürlich auch in Wohn- und Bürogebäuden. Und warum soll man nicht Bürgern zu Microfarmern machen, die Parkflächen zum Anbau von Obst- und Gemüse nutzen – sogar ganz ohne Foodcomputer. Mit “natürlichem” Klima und Boden.  🙂

Ich bin gespannt, ob und wie sich solche Ideen durchsetzen.

 

Kairos oder die Kunst, Gelegenheiten zu nutzen

Wie immer, wenn ich mich in spezielle Themenbereiche hereinwühle als Vorbereitung auf einen Vortrag, einen Workshop oder eine Podiumsdikussion, bin ich überwältigt, wieviel faszinierende Projekte gerade gestartet werden. Dabei ist es vollkommen egal, ob es um Ernährung, Gesundheitssysteme, Versicherungen oder sonst irgendeine Industrie oder einen Fachbereich geht. Überall sind visionäre Menschen dabei, das Potential von Technologie konkret umzusetzen. Ein paar Beispiele gefällig?

Beispiele von drei Menschen, die eine Ahnung vom Wandel geben

Schon 2006 hat der Jos de Blok erkannt, wie Technologie Mitarbeiter in verteilten Teams miteinander vernetzen kann und hat für deinen Pflegedient Burzoorg sein Facebook für Unternehmen geschaffen. Nun war Austausch möglich und Information transparent für alle. Heute expandiert sein Pflegedienst in die ganze Welt – kostengünstiger als der Wettbewerb und mit einer Pflegequalität, die ihresgleichen sucht.

Christoph Jentzsch hat als erster ein Unternehmen gegründet, das nur aus Code bestand. Es hatte keinen Firmensitz in einem Land oder war der Rechtsprechung eines Staates zugeordnet. Möglich durch die Nutzung des Blockchain Potentials. Das Ergebnis: Die größte Crowdfunding Aktion der Menschheit – 140 Mio $ in 1 Monat. Am Ende ist das Projekt zwar gescheitert, aber wir stehen noch am Anfang.

Caleb Harper entwickelt eine Box, in der sich Klima mittels vieler Sensoren beliebig modellieren lässt, um Lebensmittel dezentral optimal herzustellen. Ein echter Paradigmenwechsel in der Produktion von Lebensmitteln – Millionen Kleinstfarmer in Städten vs gigantische Farmen, die Lebensmittel in fragwürdiger Qualität herstellen. “In the future we won’t have to ship food, we will simply shift data.” Dieses Zitat von Harper zeigt, wie weit er denkt.

Der Zeitbegriff der antiken Griechen – Chronos versus Kairos

Was bedeutet das für unsere Welt heute? Noch reden wir vor allem über Wandel ohne in unmittelbar zu spüren. Ich bin dabei auf die beiden Zeitbegriffe im antiken Griechenland gestoßen: Chronos und Kairos. Chronos bezieht sich auf die sequentielle Abfolge von Ereignissen während Kairos für besondere Momente oder günstige Gelegenheiten steht.

Das Bild oben zeigt sehr anschaulich, was Kairos ausmacht: Der Hinterkopf ist kahl, den Gelegenheiten werden beim Schopf gepackt, mit der Sichel werden alte Zöpfe der Vergangenheit abgeschnitten um freier für die Möglichkeiten der Zukunft zu sein. Mit der Waage wird der richtige Zeitpunkt abgeschätzt, dann heißt es aber schnell zu sein – die Flügel an den Füßen helfen dabei. Gelegenheiten sind schließlich schnell vorbei.

Welches Sinnbild würde besser in unsere Zeit passen?

Manchmal lohnt eben doch auch die Sicht des Chronos: Ein Blick in die Vergangenheit, um sich alter Weisheiten zu vergewissern, die bis heute Bestand haben.

 

 

Estland – Heimat für den digitalen Weltbürger

Gerade habe ich auf der Solutions in Hamburg #SSH17 den Informationsstand von Estland besucht und ich war beeindruckt. Ich kenne kein anderes Land, das die Digitalisierung so ernst nimmt und mit großen Schritten vorangeht. Als Este begegnet man der analogen Verwaltung nur noch beim Hauskauf, der Heirat und der Scheidung.

Digitalisierung soll Estland in die Weltspitze katapultieren

Die Estin auf dem Stand sagte mir: Wir wollen weg von dem Land, in das man wegen der billigen Arbeitskräfte investiert. Wie wollen ein Land werden, das ideale Bedingungen für Start-Ups bietet, weil wir modern, flexibel und wirklich digital sind. Dann zeigte sie mir die Digitale ID Card, die jeder erwerben kann – egal, ob er Einwohner Estlands ist oder nicht. Digitalisierung bedeutet also auch in der Verwaltung und Politik eine Sicht auf Menschen als Weltbürger.

Was für eine Visison wird hier gerade Realität, während sich der Rest Europas mit der Abschottung der Grenzen beschäftigt! Großartig und nachzulesen hier.

“Estonia is creating a borderless digital society for global citizens as the first country to offer e-Residency.”

Denn was für Unternehmen gilt, gilt natürlich auch für Staaten und Gesellschaften. Um attraktiv für Investoren, kreative Köpfer und Macher zu sein, muss man sich öffnen und diesem Menschen etwas bieten.

Mit der Identity Card kann JEDER (!):

  • innerhalb eines Tages ein Unternehmen anmelden
  • Alle Behördengänge im Umfeld dieses Business können komplett online abgewickelt werden. Damit wird der BehördenGANG also überflüssig.  😉
  • Anstelle einer Unterschrift gilt die Digitale ID – Alle Dokumente können demnach digital übermittelt werden
  • die Steuern aus den Einnahmen werden (natürlich) ebenfalls komplett online übermittelt

Das Resultat: Über 20.000 digitale Bürger aus über 138 Ländern nutzen diesen Service. Bis 2025 will Estland mehr als 10 Millionen E-Residents ins Land holen. Ein belgischer Freiberufler nutzt die E-Residency, um in Estland sein Gerwerbe anzumelden, das in seiner Heimat  16.000 € kosten würde. Wenn die Gewinne in der FIrma bleiben, fällt keine Körperschaftssteuer an.

Ich habe dann noch gefragt, ob denn die Bürger keine Bedenken wegen Sicherheit und Datenschutz hätten. Darauf antwortete sie mir: “Doch es gab und gibt durchaus Bedenken, aber die große Mehrheit der Esten schätzt die Chancen höher ein als die Risiken”.

Estland setzt auf Blockchain Technologie für die sichere Transaktion von Daten. Muss es daher wundern, dass eine der größten Blockchain Technologie Firmen in Estland beheimatet ist? Guardtime heißt das Unternehmen und berät unter anderem die US-Regierung.

Ich bin sehr gespannt, wie sich Estland wirtschaftlich weiter entwickeln wird. Wahrscheinlich werden sie bald als leuchtendes Vorbild sehen. Und zeigt gerade den Briten wie ein moderner Staat sich aufstellen muss. Natürlich nicht nur den Briten.

Man sieht wie wichtig, Digitalisierung für unser aller Wohlstand ist. Trotzdem kommt es im aktuellen Wahlkampf nicht vor. Wir sind dabei, unsere Zukunft zu verschlafen.

Digitalisierung im Kontext – Teil 2: Die Neuerfindung der Unternehmensorganisation

Wie im letzten Beitrag beschrieben, gehen die heute üblichen hierarchischen Unternehmensstrukturen auf die Zeit der Industrialisierung zurück – die Aufgaben waren zwar kompliziert, aber mit genügend Planung und Koordination konnte man Produkte mit hoher Automatisierung effizient herstellen. Diese Welt kennen wir alle – sie ist Kosten, Prozess und Effizienz-getrieben. Einige wenige im Vorstand geben die strategische Richtung vor nach ausgiebiger Evaluierung der Fakten durch Mitarbeiter. Da diese strategischen Planungen sehr weitreichend sind und oft mehrere Jahre umspannen, dürfen Fehler nicht passieren. Deshalb ja auch die intensiven Analysen – sie sollen der Absicherung dienen.

In einer komplexen Welt überblickt kein Einzelner mehr die Geschäftsmodelle

So weit, so bekannt. Immer mehr Unternehmen stellen genau diese Paradigmen nun in Zweifel. Es wird nämlich in der digitalen Welt immer deutlicher, dass diese zu komplex geworden ist, um noch planbar zu sein. Schauen wir uns nur alleine das Autonome Fahren an: Es gibt heute keine einzelne Person mehr, die alle Facetten durchdringen kann. Alleine die Vielzahl von Technologien, die hier mitspielen: Künstliche Intelligenz, vernetzte Dinge, die selbständig Entscheidungen treffen können, neue Transparenz und Sicherheit durch Blockchain – um nur einige zu nennen.

Und mit der Technologie alleine ist es ja nicht getan: Diese ist ja nicht isoliert, sondern bedingt eine komplette Hinterfragung der Geschäftsmodelle. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die meisten von uns in Zukunft sehr viel weniger besitzen, dafür aber umso mehr Services in Anspruch nehmen werden. Um beim Auto zu bleiben: Warum noch ein Auto kaufen, wenn ich mit einem Fingertipp eines vor meine Haustür bestellen kann. Eine dramatische Änderung – die Automobilhersteller verkaufen keine Autos mehr, sondern bieten bestenfalls Mobilitätsservices an und müssen sich auch sonst viel einfallen lassen, um ihren heutigen Umsatz halten zu können. Das Gleiche gilt im übrigen natürlich auch für Hersteller von Rasenmähern, Haushaltsgeräten und (hoffentlich) auch großen Teilen unserer Kleidung. Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Was ich damit sagen möchte: Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe von Vorstandsmitgliedern ist heute gar nicht mehr in der Lage, langfristige Strategieplanungen zu machen. Und das mit der Null-Fehler Toleranz kann man genauso vergessen. In zukünftigen “agilen” Unternehmen wird viel mehr ausprobiert werden – eine “Kultur des Tüftels”, die ein Scheitern mit einschließt. Gerade in Deutschland sicher ein großer Schritt. Dabei haftet dem Scheitern erstmal nichts Negatives an, wenn man daraus lernt. Nicht umsonst hält Jeff Bezos die Kultur des Scheiterns so hoch: “Failure and invention are inseparable twins. If you know in advance, that it’s going to work, than it is not an experiment.” Diese Sätze sind in seinem Shareholder Letter von 2016 zu finden.

Agile Unternehmen agieren wie Fussballspieler

Langer Rede kurzer Sinn: Wenn die Organisationsform der Industrialisierung der einer Maschine glich, dann sind agile Unternehmen vergleichbar mit einem Fussballmannschaft. Im Gegensatz zur Maschinenwelt gibt es keine direkte Ursache-Wirkung mehr. In einer Produktionsanlage können Ingenieure nämlich noch genau vorhersehen, was passieren wird, wenn man an einer Stellschraube dreht. In der digitalen Welt funktioniert das nicht mehr – Das Ursache-Wirkung Prinzip ist Vergangenheit. Die Welt heute kann man vergleichen mit der Erziehung eines Kindes oder eben mit einem Fussballspiel. Was einmal funktoniert hat, kann beim nächsten Mal daneben gehen. Planungen sind nur noch in begrenztem Maße wirkungsvoll. Unternehmen müssen sich darauf verlassen, dass die MItarbeiter aus der Situation heraus schnell im Team das Richtige tun – weil sie Experten sind und die richtigen Instinkte haben. Was ist dann noch die Aufgabe des Managements? Vereinfacht gesagt: Sie machen das, was ein guter Trainer macht: Den Teamgeist stärken, Selbstvertrauen geben, die richtigen Leute zusammenbringen – damit die Spieler im entscheidenden Moment das Tor schießen.

Digitalisierung im historischen Kontext – Teil 1: Wie hierarchische Organisationen entstanden

Fortschritt vollzieht sich nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Als letzter großer Schub wird die Industrialisierung gesehen – mit Erfindungen, die eine technologische Lawine und große gesellschaftliche Umwälzungen mit sich brachte.

Am Anfang stand die Dampfmaschine, sie war die Voraussetzung dafür, dass das industrielle Zeitalter seinen Lauf nahm. Es wurde nun möglich, Kohle aus größeren Tiefen zu fordern, denn das Grundwasser konnte nun abgepumpt werden.

Energie war also plötzlich in großen Mengen verfügbar.

Und nicht nur das – es wurde zentralisiert über Kraftwerke bereitgestellt. 1882 nahm in Manhattan in der Pearl Street das erste Kraftwerk seinen Betrieb auf. Unternehmen brauchten nun also nicht eigene Kraftwerke bauen, sondern konnten Energie in der gebrauchten Menge sehr einfach beziehen – das galt nicht nur für Fabriken, sondern bald auch für Individualhaushalte.

Das heißt, die Fabriken hatten, was sie brauchten, um komplizierte Dinge wie Autos zu einem Preis herzustellen, den sich viele Menschen leisten konnten. Neue Geschäftsmodelle und ganze Zulieferindustrien wurden geschaffen – wer in Baden-Württemberg lebt, weiß, was ich meine.

Es fehlt noch die Infrastruktur, deren Aufbau wiederum ohne Dampfmaschine nicht möglich gewesen wäre – die Eisenbahn. Waren konnten also schnell von der Fabrik in die Geschäfte zum Endverbraucher gebracht werden.

Eine bahnbrechende Erfindung hat also eine Kettenreaktion ausgelöst – die weit über die eigentliche Technologie hinausging.

Denn zu dieser Zeit entstanden die heutigen hierarchischen Organisationsstrukturen: Um so etwas kompliziertes wie ein Auto herzustellen, wurde der Herstellungsprozess in viele kleine Teile unterteilt, die Arbeiter hatten in immer wiederkehrenden monotonen Abläufen genau vorgegebene Arbeitsschritte zu verrichten. Die Aufgabe des Managements bestand darin, die einzelnen Abläufe möglichst gut zu koordinieren. Alles war effizienzgesteuert und alle Entscheidungen unterlagen Kosten/Nutzenüberlegungen. Dem oberen Management obliegt die Verantwortung für die vorausschauende Planung und Umsetzung der Geschäftsziele, das mittlere Management wacht über die korrekte Umsetzung der Planung. Für die Menschen in der Produktion wurde der Lohn als ausreichene Motivation angesehen. Spass und Selbstverwirklichung hatten in der Arbeitswelt wenig bis nichts zu suchen.

Ein Unternehmen funktioniert wie eine Maschine

So funktionieren die allermeisten Unternehmen bis heute. In dieser Welt herrscht das Ursache _ Wirkung Prinzip. Ein einmal erfolgreiches Vorgehen wird bei erneutem Einsatz zum selben Ergebnis führen. Konsequenterweise sind detaillierte Planungen, geringe Fehlertoleranz und eine ausgeprägte command-control Kultur Attribute dieser Organisationen.

Ihr Ursprung stammt aus dem vorletzten Jahrhundert.

Was davon in der digitalen Welt überleben wird – darum wird es im nächsten Beitrag gehen.