Archiv des Autors: Dorothee Töreki

Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten der Unternehmen: Hierarchie und Prozesse

Quelle: HR Performance 3/2017, www.hrperformance-online.de., Sonderheft “Digitalisierung”

Gemeinsam mit Ralph Siepmann durfte ich im aktuellen Sonderheft “Digitalisierung”  der Zeitschrift HR-Performance darüber schreiben, warum die Digitalisierung an den Grundfesten von Unternehmen rüttelt und wie sich Organisationen der Herausforderung stellen können.

Hier können Sie den vollständigen Artikel lesen.

Digitalisierung ist Teil der Evolution – mit allen Konsequenzen

Diese Woche habe ich einige neue Denkanstöße zur Digitalisierung bekommen – auf der re:publica (neben eigenem Vortrag durfte ich unglaublich inspierierenden Menschen zuhören) und durch dieses Video:

Wir stehen ganz am Anfang

Es stammt vom Next Nature Network, das vom niederländischen Philosophen, Künstler und Informatiker Koert Van Mensvoort begründet wurde. Dort wird die These aufgestellt, dass mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde die Entwicklung der “Technosphäre” als weitere Schicht zu Atmosphäre und Biosphäre begonnen hat, die unsere Erde mitgestaltet. Besonders elektrisiert hat mich dabei der Ansatz, dass die Entstehung der Technosphäre nicht willentlich von der Menschheit entwickelt wurde, sondern sozusagen “passierte” – “it just happend to us”. Und sie verhält sich wie alles in der Natur – sie verbindet und wächst wie ein Organismus und entwickelt sich weiter – als Teil der Evolution. Mit anderen Worten: die Technologie, die der Mensch entwickelt, ist integraler Bestandteil des Ökosystems der Erde.

Zurück zur re:publica – Die Vorträge von Thomas Wagenknecht und Shermin Voshmgir zu Blockchain waren für mich Puzzlestücke, die den Ansatz Ansatz von Koert Van Mensvoort vervollständigen. Denn in beiden Vorträgen ging es nicht (nur) um Technologie, sondern was Blockchain möglich machen kann – nämlich nichts weniger als Werkzeuge zur Umgestaltung der Gesellschaft – mit SmartContracts und selbstorganisierenden Organisationen wurden ja schon erste Versuche gestartet. Blockchain steht noch ganz am Anfang, aber man ahnt, was sich daraus entwickeln kann. Und damit sind wir beim Punkt, auf den ich hinauswill: Wir müssen uns von der Illusion befreien, dass die Menschheit die technologische Entwicklung wirklich beherrschen kann.

Haben wir das jemals? Nein – natürlich nicht. Mit den Konsequenzen der technologischen Entwicklung werden wir in steigendem Ausmaß konfrontiert: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artensterben – die Liste ist lang. Und zeigt, wie die “Technosphäre” Auswirkungen hat auf den Planeten insgesamt – also auf Bio- und Atmosphäre. Beherrscht haben wir unser Tun also noch nie. Das hätte uns eigentlich Angst machen können, aber die Versuchung war größer: Technologischer Fortschritt bedeutet zunächst und mittelbar höhere Lebensqualität und Bequemlichkeit: Behandlung von Infektionskrankheiten durch Antibiotika, höhere Hygienestandards durch zentrale Wasser- und Energieversorgung,  immer angenehm temperierte Wohnungen, die mühelose Erreichbarkeit entfernter Länder durch Auto und Flugzeug – auch hier ließe sich die Liste lang fortsetzen.

Was ändert sich dann mit der Digitalisierung? Wir erreichen eine neue Stufe der Komplexität und damit Unbeherrschbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Ich möchte das am Beispiel des Autos verdeutlichen:

Das Auto in der analogen Welt

Vor der Digitalisierung bedeutete Autofahren für den Einzelnen mehr Mobilität und damit mehr persönliche Freiheit. Wir mussten nun nicht mehr zwingend zum Tante Emma Laden im Dorf, sondern hatten die Auswahl zwischen vielen Geschäften, die mit dem Auto in vertretbarem Aufwand zu erreichen waren. Die Supermärkte und Einkaufszentren vor der Stadt mit riesigen Parkflächen boten das moderne Einkaufserlebnis als Konsequenz daraus und veränderten das städtische Gefüge. Mit den Jahren und dem steigenden Wohlstand stieg die Zahl der Autos an, mit Folgen weit über den individuellen Autofahrer hinaus: Staus sind mittlerweile Alltag in allen dicht besiedelten Gegenden der Welt, die Innenstädte queren große Straßentrassen, Parkflächen machen ein Großteil des wertvollen urbanen Raums ein, vom CO2 Ausstoß durch Autos ganz zu schweigen.

Das vernetzte denkende Auto in der digitalen Welt

Betrachten wir nun den Quantensprung, der mit dem autonomen Fahren einhergehen wird.  Ich überspringe hier bewusst die Phase des digitalen Autos von heute – denn es beherrscht zwar schon tolle Dinge wie Fahrspurassistenz, Distanzregler und Regensensoren, die Aktionen triggern. Dies alles passiert aber INNERHALB des Fahrzeuges, die Kommunikation nach außen ist sehr limitiert. Und genau das ist der springende Punkt beim autonomen Fahren: Das Auto vernetzt sich mit der Welt außerhalb und interagiert aktiv damit – wird also selbstständig und ja auch selbstDENKEND.  (Wenn sie die nächsten Zeilen lesen, denken Sie daran, dass die Technologie im Prinzip schon da ist und nur noch nicht die komplette Marktreife erreicht hat.)

Nehmen wir an, Sie möchten in ein paar Jahren mit Ihrer Familie über das Wochenende ans Meer fahren. Per Fingertip auf dem Smartphone steht das autonome Fahrzeug vor Ihrer Haustür. Sobald Sie sitzen, weiß das Auto, dass zwei Erwachsene und zwei Kinder eingestiegen sind – die Sensoren in den Sitzen haben das Gewicht gemessen. Da ja keiner mehr am Steuer sitzt, ist Zeit für Ablenkung: Anhand ihres Bewegungsprofiles vom Smartphone kennt das Auto ihre bevorzugten Restaurants: Italiener der gehobenen Mittelklasse. Genauso eines bietet ihnen über den Screen im Fahrzeug einen Rabatt von 10% auf das Abendessen, wenn Sie sofort buchen. Das Restaurant liegt auf ihrer Route Richtung Meer, sie werden um die Abendessenszeit vor Ort sein und der Tisch wird gedeckt sein. Schließlich kommunizieren Gaststätte und Fahrzeug miteinander. Sie sehen also – Digitalisierung ist Vernetzung von allem mit jedem – weit über das Ökosystem Automobil hinaus. Und daraus entwickeln sich komplett neue Geschäftsmodelle. Autos werden nicht mehr gekauft, sondern als Service gebucht bei Bedarf. Und zusätzliche maßgeschneiderte Erlebnisse werden angeboten – das ist Teil des Geschäftsmodells und auch hier wieder – Rundumsicht auf die Welt: Präferenzen der Passagiere, Wetterdaten (bei Sonnenschein vielleicht ein Biergarten) und natürlich sonstiges Konsumverhalten: Sie sammeln alte Uhren – auf dem Weg liegt ein altes Traditionsgeschäft, das immer wieder Besonderheiten im Sortiment führt. Vielleicht ist der Regulator aus dem 19 Jahrhundert ja dabei, den sie schon so lange suchen. Sie erkennen, welche Marketing- und Erlebnismöglichkeiten das Autonome Fahren für Unternehmen und Nutzer bietet. Das mag nicht alles genau so kommen – aber deutlich wird, dass wir Absatzmöglichkeiten komplett neu denken müssen.

In den bisher beschriebenen Szenarien haben “Dinge” dem Menschen nur Angebote gemacht, entschieden hat der Mensch, ob er sie nutzt oder nicht. Denkbar sind allerdings auch Szenarien, in denen das autonome Fahrzeug selber entscheidet, ohne aktives Zutun des Passagiers: Ein älterer Herr mit einem intelligenten Wearable am Handgelenk steigt ein und möchte zum Kaffetrinken in die Stadtmitte gefahren werden. Unterwegs misst der Sensor am Handgelenk dramatischen Blutdruckabfall – ein Notfall. Das Fahrzeug entscheidet nun selbständig in welche Klink es den Passagier bringt: abhängig von Straßenlage, Austattung des Krankenhauses (gibt es eine Kardiologie?), Informationen über den Belegungsgrad der Notaufnahme und und und.

Wir sehen also: “Dinge” können in nicht allzu ferner Zukunft Entscheidungen treffen. Gleichzeitig gibt es (heute schon!) komplett aus Code bestehende Unternehmen (DAO)- möglich gemacht durch Blockchain. Ist es da nicht konsequent, wenn Dinge geschäftsfähig werden? Es ist doch denkbar, dass ein Auto entweder ein Asset einer DAO sein könnte oder selber als eigenes Unternehmen fungiert mit eigenem Wallet (ein Bankkonto einer Kryptowährung, die auf Blockchain Technologie basiert) für das Ausführen von Finanztransaktionen.

Eine Welt ohne Mittelsmänner und ohne Korruption?

Verstehen Sie, warum mich das Video oben so elektrisiert hat? Dinge verselbständigen sich – und wenn wir bis dato schon keine Kontrolle mehr hatten, wird sich dies noch verstärken? Oder können wir sogar auf eine bestimmte Art und Weise die Kontrolle zurückerhalten? Auch hier kommt wieder Blockchain ins Spiel. Blockchain bedeutet, Informationen sicher und dezentral zu protokollieren – und zwar Informationen jedweder Art. Damit entfällt “the man in the middle” – also Mittelsleute jedweder Art. Keine Bank mehr für Transaktionen, kein Uber für Mobilitätsservice, kein AirBnB für Wohnungen, keine Manager, um ein Unternehmen zu führen (DAO!) und —– weder Behörden noch Notare, die bei Steuerzahlungen oder Eigentumsüberschreibungen benötigt werden. Zukunftsmusik? Schweden testet Grundbucheinträge über Blockchain, in Griechenland möchte man mit Blockchain die korrupte Bürokratie in den Griff bekommen. Und natürlich sind auch nachvollziehbare und sichere Wahlen damit möglich – jede Stimme wird nachvollziehbar und transparent gezählt.

Mein Fazit: Die Mechanismen, wie technische und menschliche Interaktionen funktionieren, gleichen sich an: Musste zu Zeiten der Industrialisierung ein Unternehmen wie eine Maschine funktionieren – prozessgesteuert und effizienz-getrieben, so haben sich Menschen mit der Vernetzung von Dingen auch virtuell vernetzt: Facebook, Twitter und Konsorten wurden globale Werkzeuge. Seit kurzem gesellen sich “Dinge” zu unserer Unterhaltung hinzu, rücken uns immer näher und fühlen uns schon den Puls. Und demnächst können wir uns der Mittelsmänner entledigen – geschäftlich und gesellschaftlich. Mal schauen, wann die Politik dies entdeckt und das Thema aufgreift – ich prognostiziere, dass sie es reflexartig bekämpfen wird. Aber wie gesagt: “it is happening to us” – es wird nicht kontrollierbar sein und ist  auch deshalb so spannend.

 

So geht Design Thinking – Amazon Tatkal

Ralph Siepmann hat seinem Beitrag schon darüber gesprochen, dass Digitalisierung vor allen Dingen heißt, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Und genau das ist ja der Ansatz des vielbesprochenen und gehypten “Design Thinking”. Wikipedia sagt dazu: Design Thinking ist ein Ansatz, der zum Lösen von Problemen und zur Entwicklung neuer Ideen führen soll. Ziel ist dabei, Lösungen zu finden, die aus Anwendersicht (Nutzersicht) überzeugend sind.”

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Geschichte, wie Amazon den indischen Markt erobert:

Amazon wollte in Indien Marktanteile gewinnen. Nun ist das nicht so trivial, denn nur 35% der Bevölkerung haben überhaupt einen Internetanschluß und zwei Drittel leben in ländlichen Gebieten ohne nennenswerte Infrastruktur. Zudem gibt es staatliche Auflagen, die einen direkten Online-Verkauf ausländischer Ware an den Endkunden verbietet. Mit anderen Worten: das klassische Amazon Geschäftsmodell ist auf Indien nicht übertragbar. Der Handel muss mit indischen Gütern funktionieren, die es in Hülle und Fülle gibt. Allerdings werden diese Güter vor allem von kleinen bis winzigen lokalen Händlern vertrieben.

Nun ist Amazons Geschäftsprinzip “Customer Obesession”. Das heißt in diesem Fall: Amazon Mitarbeiter sind mit einem “Chai Cart” – so eine Art Teewagen direkt in die Bazaare gegangen und haben sich direkt vor Ort mit den Händler bei einem Glas Tee über ihren Alltag, ihre Sorgen und Herausforderungen unterhalten. Den meisten fehlen die Voraussetzungen für eine Online-Präsenz, denn sie haben weder einen Internetanschluß noch eine Kamera.

Chai CartQuelle: https://services.amazon.in/resources/seller-blog/amazon-chai-cart-won-gold.html

Die vielen Gespräche führten zu einem neuen Service: Amazon Tatkal

Mit einem Bus fahren Amazon Mitarbeiter direkt zu ihren Kunden: In weniger als einer Stunde sind die Händler in der Lage, ihre Waren online zu verkaufen. Im Bus werden die Waren professionell fotografiert und kategorisiert. Seit seinem Start im Februar 2016 konnte Amazon etwa 18.000 neue Händler für sich gewinnen, die Waren im Wert von 25 Millionen Euro anbieten.

Digital Heroes 2016: Von Mittweida aus die Regeln der Weltwirtschaft ändern?

Teil 2 meines Berichtes über das nächste große Ding aus Mittweida (Teil 1 ist hier). Mich wundert ein wenig, dass diese spannende Geschichte mit revolutionärem Potential im letzten Sommer eher ein Nischendasein in der öffentlichen Wahrnehmung führte. Vielleicht, weil das Thema sehr technologielastig ist. Dennoch hier der Versuch, diesen Krimi aus dem wahren Leben gut konsumierbar zu vermitteln.

Mit Technologie die Regeln ändern und die Frage, wie weit man gehen kann

Wir haben hier schon über selbstorganisierende Organisationen gesprochen (z.B. Burtzoorg). Eine ganz neue Dimension hat das, was die Brüder Christoph und Stefan Jentzsch da ins Leben gerufen haben – nämlich eine sich selbst verwaltende Organisation ohne Firmensitz, ohne Registrierung  – komplett virtuell, bestehend nur aus Code – das Ganze nennt sich “Decentralized Autonomous Organization”, kurz DAO. Da sie keinen physikalischen Firmensitz hat, unterliegt sie auch keiner Rechtsprechung irgendeines Landes.

Aber von Anfang an: Für Ihr Startup Slock.it benötigten die Gründer Kapital. Der klassische Weg wäre nun gewesen, sich das Geld von den Risikokapitalgebern des Silikon Valley zu holen. Das widerspricht jedoch den Überzeugungen der Gründer: Wenige Menschen mit ausreichend Geld geben die Richtung der Digitalisierung vor. Könnte man auch auf andere Weise an Geld kommen – etwa nach dem Crowdfunding Prinzip? Jeder Interessierte, kann soviel investieren, wie er kann – entsprechend sind die Stimmrechte.

Da passte es natürlich wunderbar, dass beide Entwickler der Blockchain Ethereum waren – das heißt, sie haben tiefes Verständnis davon, wie Informationen sicher ausgetauscht und gespeichert werden. Die Blockchain kann also auch dazu genutzt werden, Verträge abzubilden. Denn ein Vertrag ist ja nichts anderes als eine Festschreibung, wer was tun darf bzw. wem was gehört, richtig?  Und in der Blockchain eben nicht auf Papier, sondern digital. Nun mag man mit Recht fragen – na und? Ob jetzt analog oder digital – das ändert ja nichts am Wesen des Vertrages an sich – und damit an der Grundlage einer Organisation. Und nun nähern wir uns dem springenden Punkt: Eine klassische Organisation gehört einer oder mehreren Person – sie ist (meistens) hierarchisch aufgebaut, ein paar bestimmen, wo es langgeht – siehe oben die Finanzgeber im Silicon Valley.

Demokratisierung von Organisationen – ein unglaubliche Resonanz

Die DAO funktioniert nun nach dem Prinzip – wer Geld gibt, bekommt eine anonyme ID und einen Token (eine Art Krypowährung a la Bitcoin) mit Verfügungsrechten anteilig zum eingezahlten Geldbetrag. Nach dem Mehrheitsprinzip wird dann bestimmt, in welche Projekte das Geld fließt. Bei größeren Unstimmigkeiten würden sich Unterorganisationen oder Abspaltungen bilden mit einem neuen Weg/Projekt. Also eine Demokratie mit Parteien – allerdings nicht ein Mensch eine Stimme, sondern je mehr Geld eingezahlt wird, umso mehr Stimmrechte.

Wer nun glaubt, das wäre alles zu abgehoben und theoretisch, wird eines besseren belehrt: Innerhalb von vier Wochen haben mehr als 22.000 Menschen insgesamt eine Summe von etwa 160 Mio Euro investiert – die größte Crowdfunding Aktion aller Zeiten.

Doch dann passierte der Krimi: Der Code wurde “gehackt” und Geld abgezogen. Anführungszeichen deshalb, weil der Hacker nur den vorhandenen Code für sich genutzt hat, um Geld abzuziehen. Da ja der Code die Vertragsgrundlage ist, hat er nicht gegen die Regeln verstoßen. Dennoch hat die DAO Community gemeinsam entschieden, ein Code-Update durchzuführen und den Investoren das ursprünglich eingezahlte Geld zurückzugeben. Auf diesen Widerspruch angesprochen, sagte Christoph Jentzsch: “Nicht der Code ist die oberste Instanz, sondern die Mehrheit der Community. Sie ist unser oberster Gerichtshof.” Also keine Rechtsprechung eines Staates. Eine DAO ist autonom, kein einzelner Mensch kann den Betrieb einer DAO einstellen, nicht einmal der Gründer der DAO. Dies kann nur ein einstimmiger Beschluß aller Stimmberechtigten.

Schlußendlich ist der erste Versuch, eine DAO ins Leben zu rufen, gescheitert. Aber die Geschichte wird weiter gehen. Was sich daraus in Zukunft ergeben kann? Und vor allem die Frage: Wann wird die Politik versuchen, Einfluß zu nehmen und versuchen, diese Technologie zu verbieten ( fragt sich allerdings “wie?” ) . Aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit.

Fortsetzung folgt auf dieser Seite…. stay tuned.

 

Wer sich die Geschichte von Christoph Jentzsch direkt anhören möchte und 16 Minuten Zeit hat:

 

Und eine der besten Erklärungen auf Deutsch zur Blockchain findet Ihr hier:

Gar kein Mysterium: Blockchain verständlich erklärt

The next big Thing aus Mittweida oder wie Uber, AirBnB und Co das Fürchten lernen

Zum Jahresanfang ein Rückblick auf das vergangene Jahr. Herausragend waren für mich die Brüder Christoph und Stefan Jentzsch – Pioniere der Digitalisierung.

Wer sich mit Blockchain Technologie beschäftigt, stößt früher oder später auf slock.it – ein wahrhaft “großes Ding”, was die Brüder Christoph und Stefan Jentzsch mit diesem Startup ins Leben rufen. Beide haben zunächst als Entwickler mitgeholfen, die Ethereum Blockchain ins Leben zu rufen aber sich dann dem eigenen Startup zugewandt.

Aber von Anfang an: Mit der Blockchain Technologie werden jegliche Informationen sicher gespeichert. Mit der Konsequenz, dass für Transaktionen aller Art keine Zwischenhändler mehr benötigt werden: Also keine Banken mehr für Überweisungen, kein Uber mehr für das Bestellen eines Autos, kein AirBnB für das Anmieten eines Apartments, kein Notar mehr für das Übertragen von Eigentumsrechten.

Slock.It bringt dies nun ins echte Leben: Wer zum Beispiel sein Auto, seine Wohnung, sein Auto, Fahrrad vermieten möchte, soll dies mit Slock.It nun direkt tun können: Über das Smarte Schloß (=SLock) werden sämtliche für die Vermiertung notwendigen Aktionen gesteuert und ausgeführt. Nehmen wir an, ich verreise für zwei Wochen und möchte für diesen Zeitraum meine Wohnung vermieten. Ich lege einen Mietpreis fest und verschließe meine Wohnung mit dem SmartLock. Der interessierte Mieter kann dann mit seinem Telefon das Schloß öffnen, sobald die Miete inkl. Kaution und Versicherung bezahlt wurden. Nach dem selben Prinzip kann jedwedes Objekt vermietet/verkauft werden, kurzum alles, was sich abschließen lässt.

Doch die Gründer denken noch weiter: Aktuell sind Kooperationen mit RWE angedacht: Der Konzern möchte mit Slock.it seine Ladestationen für Elektroautos so umbauen, dass direkt mit der Kryptowährung Ether bezahlt wird – damit hätte man die bislang umständliche Bezahlung deutlich vereinfacht. Die Vision geht dahin, dass Elektroautos an einer roten Ampel über Induktion aufgeladen werden. Was nebenbei auch zeigt, wie weit RWE tatsächlich voraus denkt.

Die Geschäftsidee von Slock.It ist ja schon innovativ – regelrecht Geschichte geschrieben in 2016 hat jedoch die Art und Weise, wie die Gründer an das Investitionskapital (160 Mio € )gekommen sind: nämlich über eine dezentrale autonome Organisation (DAO) – ein Unternehmen, das nur aus Code besteht. Das ganze liest sich wie ein Krimi, denn dieser Code wurde gehackt. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Fazit: Das Jahr 2017 wird spannend!

Interview mit Alexander Weihs

Unser heutiger Interviewgast ist Alexander Weihs – Manager bei Braincourt GmbH – Managementberatung & Informationssysteme und ausgerüstet mit langjähriger Erfahrung in der Beratung von Unternehmen zur Digitalisierung. In seiner Zeit als Berater hat er auch für Price Waterhouse Coopers und IBM gearbeitet.  Zu Zeiten des Buzzwords „Web 2.0“ – also auch schon vor mehr als 10 Jahren – lag der Fokus zunächst auf der Technologie und dem Verstehen der Funktionalitäten. Dass es mit dem Einsatz von Software nicht getan ist, sondern dies nur der erste Schritt ist, war ihm schnell klar. Schon vor dem großen Hype um „Social Collaboration“, „Work like a Network“ oder „Digital Transformation“ hat er in seinen Projekten stets die vorhandenen Werkzeuge eingesetzt und damit die Transformation im Arbeitsverhalten begleitet.

Auf die große Frage nach dem „Warum?“, gab es damals schon Antworten, die heute noch genauso gültig sind:

Am Beispiel der Automobil-wie auch der Computerhersteller gilt: max. 25 – 40% Fertigungstiefe am komplexen Endprodukt, der Rest ist reine Systemintegrationsleistung – also Koordination und Komplexitätsbeherrschung – durch Schaffung von Transparenz.

Neugierig geworden? Alles Weitere hier im Podcast.

Mehr zu Alexander Weihs: iweihs.net

Amazon Go – Analoges Shopping in der digitalen Welt

Das personifizierte Online-Shopping Unternehmen steigt nun also in die analoge Welt ein, natürlich mit dem Blick auf uns Endanwender: Das, was uns am meisten nervt beim Einkaufen, wird erstatzlos gestrichen: Anstehen an der Kasse.  Einfach Ware einstecken und gehen, der Preis für die gekaufte Ware wird automatisch abgebucht. Und natürlich kann man sicher sein, dass Amazon die hier gewonnenen Kunden-Informationen gewinnbringend auch im digitalen Handel nutzen wird. Sehr innovativ!

Na ja, soooo innovativ nun auch wieder nicht, denn die Technologie (Einkaufen ohne Kasse)  gibt es schon seit 10 Jahren, wie dieses alte IBM Video aus dem Jahre 2006 zeigt:

Technologisch möglich ist das, mit dem Amazon den Handel im Januar 2017 aufmischen wird, also schon länger. Warum lässt sich hier der Handel weltweit (mal wieder) den Schneid abkaufen? Walmart hat 2014 einen halbherzigen Versuch gestartet, dabei mussten aber die Waren vom Kunden selbst mit dem eigenen Telefon eingescannt werden – Zeitvorteil Null! Aber immerhin hat sich Walmart überhaupt mal mit einer Innovation an den Kunden getraut. Grundsätzlich gilt: Was im Einzelhandel hinter verschlossenen Türen mit viel Geld getestet wird, ist ein Geheimnis. Und da sind wir beim Kern der Problematik: “Cultural Change” – keine Angst vor Fehlschlägen! Wie sagte Jeff Bezos im April 2016 in seinem Brief an die Shareholder: One area where I think we are especially distinctive is failure. I believe we are the best place in the world to fail (we have plenty of practice!), and failure and invention are inseparable twins.”

Genau das ist der Unterschied zwischen etabliertem Handel und Amazon – die bringen die Kraft (Technologie) auf die Straße – auch mit dem bewussten Risiko zu scheitern. Im schlimmsten Fall hat man etwas gelernt. Da sind wir schon beim nächsten “Buzzword”, das keines ist, sondern knallharte Bedingung, um im digitalen Zeitalter zu überleben: “Fail fast, learn fast”. Heißt konkret: Schnell vom Laborversuch in das echte Business gehen – langwierige Entscheidungsprozesse über viele Hierarchiestufen machen Geschäftschancen kaputt. Mal schauen, wie schnell die Konkurrenz reagieren wird.

Übrigens: Disruptionen betreffen nicht nur den Handel, sondern alle Industrien. Natürlich auch die Informationstechnologie, wie ich aus eigener Anschauung sehr wohl weiß. Wer hat das Cloud Business “erfunden” und damit das Geschäftsmodell von IBM, Microsoft und vielen anderen durcheinandergewirbelt? Richtig –  Amazon. Das mit der Fehlerkultur scheint ja recht gut zu funktionieren.  🙂

Europapark Rust – Wenn echte Welt und virtuelle Realität verschmelzen

Anfang November war ich Besucher des #HighTechSummit Baden-Württemberg im Stuttgarter Wizemann Areal. Auch dort ging es um digitale Transformation und Vertreter ganz verschiedener Unternehmen berichteten von ihren Erfahrungen und Geschäftsmodellen. Am spannendsten – weil für mich überhaupt nicht auf dem Radar – war die Weiterentwicklung digitaler Geschäftsmodelle des Europaparks Rust, über die Stefan Kottkamp – Direktor für Media & Digital Development – berichtet hat.

Was ist der größte Feind von Freizeitparks? Richtig – die digitale Spielewelt. Eine Industrie, die eine immer realistischere Nachbildung virtueller Welten liefert. Warum noch in den Freizeitpark gehen, wenn ich die Achterbahnfahrt mit 3D Brille auch daheim auf dem Sofa erleben kann?

Die geniale Idee: Echte und virtuelle Welt miteinander verbinden! Mit anderen Worten – Man nimmt in der echten Achterbahn Platz, setzt sich die VR-Brille auf und sieht synchron zum Schwerkraftgefühl der Achterbahnfahrt eine virtuelle Welt, die man sich künftig sogar noch aussuchen kann: Vielleicht lieber Alpenpanorama statt Unterwasserwelt? Die Brillen haben einer Sensor, der die Kopfhaltung erkennt und wohl ein echtes Raumgefühl vermittelt: Schaut man nach unten, sieht man seine eigenen Füße in der virtuellen Welt. Coastiality heißt die von der Mack Media Gruppe entwickelte Technologie übrigens.

Nach dem Vortrag habe ich mir vorgenommen, im kommenden Frühjahr mal wieder nach Rust zu fahren, das will ich selber einmal ausprobieren. Ein weiterer Vorteil ist, dass man schon in die Jahre gekommenene Achterbahnen pimpen kann. Zudem liefert die Mack Gruppe schon seit vielen Jahren Achterbahnen in die ganze Welt und plant nun, die  VR-Brille plus passende Software als Add-On zu verkaufen. Also nicht nur Attraktion für den Europapark, sondern weit darüber hinaus.

Tolle Idee aus Baden-Württemberg,

 

 

Buurtzorg – oder was Pflegedienste mit Digitalisierung zu tun haben

Es wird häufig gesagt, Digitalisierung betrifft jede Branche.  Als Beleg für diese These werden wir hier immer wieder Beispiel aus Industrien beschreiben, die eher nicht im Fokus der Digitalisierung stehen – heute also Pflegedienste. Die Geschichte von Buurtzorg ist fast zu schön, um wahr zu sein und ich muss auf Vorträgen immer mit meinen Emotionen kämpfen, wenn ich darüber erzähle.

Die Vorgeschichte

Der Gründer von Buurtzorg  Jos de Blok kennt das Geschäft von der Pike auf: Er ist gelernte Pflegekraft und war lange Jahre einer von sechzehn Geschäftsführern eines traditionell geführten Pflegedienstes. Auch in den Niederlanden nahm die Anzahl der chronisch Kranken zu mit einem entsprechend erhöhten Bedarf an Pflegekräften. Der klassische Ansatz war: Wir bauen Prozesse um den Bedarf herum – die Pflegekräfte bekommen strikte Vorgaben und müssen ihre geleisteten Aufgaben reporten. Das brachte nur Nachteile: Die Prozesserstellung war aufwändig , für die Kontrolle musste Personal eingestellt werden und die Pflegekräfte verbrachten kostbare Zeit mit dem Reporting der Aufgaben. Langer Rede kurzer Sinn: Die Kosten gingen rauf, die Qualität der Dienstleisung sank.

Cultural Change

Jos de Blok entschied sich zu einem radikalen Neuanfang. Er gründete Buurtzorg – ohne Management, ohne Prozesse – nur mit einem Grundatz:  “Alles was ihr macht, muss das Beste für den Patienten sein!” Und die Aufforderung: Probiert eigenverantwortlich Neues aus, aber holt Euch vorher das Feedback der Kollegen ein und teilt eure Erfahrungen, im Guten wie im Schlechten. Kommt bekannt vor? Richtig: “Fail fast, learn fast” – das Prinzip der erfolgreichen Startups. Buurtzorg hat das visionär schon 2007 eingeführt. Und ja – Sie haben richtig gelesen: OHNE Manager , stattdessen gibt es für die 10.000 Mitarbeiter 45 Menschen im Backoffice und 15 Coaches, die bei Problemen helfen. Zitat Jos de Blok: “Manager sind immer da, auch wenn sie nicht gebraucht werden. Coaches sind nur da, wenn sie gebraucht werden.”

Das Schlüsselwort ist “Vereinfachung”. Gerade weil die Welt immer komplexer wird, müssen Aufgaben und Entscheidungen einfach umgesetzt werden können – in einem selbstorganisierten Unternehmen. Konkret heißt das: Es wird nicht mehr personell aufgeteilt in “Pflege” “Behandlung” “Prävention”, sondern alle Bedürfnisse eines Patienten werden von einer Pflegekraft vollverantwortlich gesteuert. Wenn Externe (z.B. Physiotherapeuten)  hinzugezogen werden müssen, bindet die Betreuerin diese ein. Es werden also “Lösungen” anstelle von “fragmentierten Services” geliefert.

Davon profitieren alle: die Patienten natürlich zuallererst. Gerade demente Menschen brauchen eine Bezugsperson anstelle von ständig wechselnden “Serviceanbietern”. Apropos Bezugsperson: Im Gegensatz zu allen anderen Pflegediensten kümmern sich die Mitarbeiter von Buurtzorg auch um das menschliche Miteinander: Ist die Familie zerstritten, wirken die Pflegekräfte als Mediatoren. Sie schauen zudem, ob ein Nachbar ab und zu mal beim Pflegebedüftigen vorbeischauen mag. Dieses eigenverantwortliche und wertbestimmte Arbeiten führt zu einer hohen Zufriedenheit der Buurtzorg-Teams. Mehr und mehr Pflegekräfte, die eigentlich in den Ruhestand gehen könnten, bitten um eine Verlängerung, weil die Arbeit am Menschen so erfüllend ist. Und das in einem so beanspruchenden Beruf – körperlich und mental.

Die Zahlen…

..sprechen für sich: Buurtzorg hat bis zu 50% weniger Zeitaufwand für die Pflege, 40 % geringere Kosten als der Wettbewerb. Und das bei der höchsten Pflegequalität – laut einer Umfrage von Kunden einiger hundert Pflegediensten in den Niederlanden. Buurtzorg ist mit Abstand Nummer 1. Wenig verwunderlich auch, dass das Unternehmen einer der attraktivsten Arbeitgeber der Niederländer ist: Zeitweise gehen mehr als 100 Bewerbungen täglich ein.

2007 gestartet mit einem Team aus 4 Pflegekräften hat Buurtzorg mittlerweile um die 10.000 Teams und expandiert in die Welt: USA, Schweden, China, Japan, Korea… Zitat Jos de Blok: “I don’t know how to stop it”

Die Basis: “Collaborate like a Network”

Für alle die, die sich gefragt haben, was das nun alles mit Digitalisierung zu tun hat: Jetzt schließt sich der Kreis. Um Prozesse durch Einfachheit und Eigenverantwortlichkeit zu ersetzen, braucht man die Möglichkeit, vernetzt zu arbeiten – und zwar überall und mit jedem: Kollegen und Partnern und Patienten. Als Buurtzorg 2007 an den Start ging, war Facebook erstmal gerade drei Jahre online und nahm gerade erst richtig Schwung auf. Zum damaligen Zeitpunkt war Social Collaboration a la Facebook so gut wie unbekannt (IBM brachte Mitte 2007 mit  Connections als erstes Unternehmen “Facebook for the Enterprise” auf den Markt).  Jos de Blok hat 2006 ein maßgeschneidertes Social Intranet entwickeln lassen – damit seine verteilten Teams sich jederzeit austauschen konnten: Ratschläge einholen, selber Tipps geben, voneinander lernen, sich insgesamt über alle möglichen Belange austauschen. Die Pflegekräfte haben auf Ihrem Tablet Zugriff auf alle Informationen, die sie brauchen.

Jos de Blok selber schreibt regelmäßig Blogeinträg mit seinen Gedanken und Ideen – daraus und aus den Kommentaren der MItarbeiter ergeben sich “evolutionär” neue Grundsätze.

Fazit:

Der Beitrag zeigt, was Menschen leisten, wenn sie einfach Dinge tun können und in einer Art und Weise, die ihnen und ihren persönlichen Werten entspricht. So gesehen eine schöne Geschichte für die Vorweihnachtszeit.

Quellen:

Frédéric Laloux: Reinventing Organizations, Gestaltung sinnstiftender Zusammenarbeit