Archiv des Autors: Dorothee Töreki

Digistoteles Folge 008 – Digital Farming: Parkhäuser zu Ackerflächen, Supercharged Food zur Verlangsamung des Klimawandels

Wo geht eigentlich die digitale Reise in der Landwirtschaft hin? Das Geschäftsmodell eines Landwirtes wird sich wohl nicht ändern, oder? Also haben wir hier vielleicht (endlich mal) eine Industrie, die nur von Innovation, aber nicht von Disruption betroffen ist? Keineswegs. Gerade hier gibt es geradzu phänomenale Entwicklungen, die in der Öffentlichkeit noch kaum bekannt sind.

Schon immer war die Landwirtschaft ein Schlüssel für die kulturelle Blüte einer Gesellschaft

Fangen wir an mit einem Blick zurück in die Geschichte. Die menschlichen Gemeinschaften, die Landwirtschaft entwickelt haben, haben alle Sprünge in ihrer kulturellen Entwicklung gemacht, denn im Gegensatz zu Jägern und Sammlern musste weniger Energie für die Beschaffung von Nahrung aufgebracht werden. Handwerk, Kunst und Kultur konnten sich entwickeln.

Springen wir in die Gegenwart: Robotik, Sensordaten, Big Data bringen heute schon riesige Sprünge in der Effizienz: Wir brauchen heute wesentlich weniger Arbeitskraft für mehr Erträge aufwenden. Roboter können Unkraut zupfen, Sensoren messen Bodenfeuchte und Nährstoffgehalt in Kombination mit der Auswertung historischer Wetterdaten und Wetterprognosen benötigen wir heute wesentlich weniger Wasser, Düngemittel und Pestizide um bessere Ergebnisse zu bekommen. Außerdem können Farmer heute schon auf Services zugreifen, die ihnen den besten Zeitpunkt für den Verkauf ihrer Produkte auf dem Welthandel ausrechnen – zumindest in der industriellen Landwirtschaft mit Breitbandanschluß. In vielen Regionen der Welt sieht die Arbeit der Bauern noch ganz anders aus – aber hier geht es ja um das technisch Mögliche.

Caleb Harper: Farming unabhängig von Klima und Transport

Und hier möchten wir Euch ein interessantes Projekt vorstellen: Das Open Agriculture Lab vom MIT und die dort entwickelten Food Computer:

Quelle: https://foodtank.com/news/2016/05/open-agriculture-initiative-digital-farming/

Hier kann jegliches nur denkbare Klima “designt” werden – das heißt konkret, hier können Pflanzen aller Art unabhängig vom tatsächlichen Klima in der Region angebaut werden. Da es sich hier um eine dezentrale Anbaumethode in vielen kleinen Flächen handelt, spielt die Transportfähigkeit ebenfalls keine Rolle mehr – also ein totaler Paradigmenwechsel in der Erzeugung von Lebensmitteln: So können auch alte fast ausgestorbene Kulutrpflanzen wiederbelebt werden – denn mit dieser Methode rücken auf einmal Nährstoffreichtum und Geschmack in den Vordergrund.

Sowohl die idealen Klimabedingungen als auch die Bauanleitung für den FoodComputer können auf der Seite des Open Agriculture Lab heruntergeladen werden und die Community lernt voneinander.

Vielleicht eine Lösung für den urbanen Raum – wenn wir durch neue Mobilitätskonzepte 70% weniger Autos benötigen (ShareConomy und effiziente Nutzung der einzelnen Fahrzeuge), hätten wir ja genug Platz in den Innenstädten, den wir anders nutzen können. Warum also nicht Parkhäuser zu Farmhäusern? Spinnerei? Vielleicht – wir werden sehen….. Mit Foodcomputern wird die althergebrachte Landwirtschaft wohl nicht ersetzt werden, aber vielleicht kommt eine neue Variante hinzu.

Joanne Chory: Klimawandel verlangsamen durch CO2 – hungrige Pflanzen

Kehren wir zurück zur traditionellen Landwirtschaft: Effiziente Nutzung der Agrarflächen im großen Stil. Hier möchten wir von einer Visionärin erzählen – Joanne Chory

Quelle: https://www.salk.edu/scientist/joanne-chory/

Sie forscht an einem Weg, durch Genmanipulation gängige Ackerpflanzen wie Sojy, Baumwolle und Getreide so zu verändern, dass sie durch Photosynthese viel mehr CO2 in Zucker und Sauerstoff umwandeln und sieht darin eine Chance, den Klimawandel zu verlangsamen.

Das hört sich klasse an – allerdings setzt dies voraus, dass Farmer in der ganzen Welt bereit wären, diese genmanipulierten Pflanzen anzubauen. Davon abgesehen, ist der Einfluß auf die Umwelt durch den Anbau dieser Pflanzen noch nicht bekannt.

Eine Gleichung mit vielen Unbekannten also. Trotzdem ein spannendes Projekt ,das zeigt, was möglich ist.

Mehr dazu in der nächsten Folge von Digistoteles – Episode 008 – Digital Farming

Die große Sinnfrage

WOZU gibt es mein Unternehmen?

Die naheliegende Antwort ist: “Weil xx produziert/verkauft/Dienstleistungen anbietet”

XX – also das Produkt/die Dienstleistung – wird dann oft mit schicken Attributen versehen: technisch ausgefeilt, herausragendes Design, beste Experten, usw.

Knapp daneben. Provokant gefragt: Was macht beispielsweise ein Automobilhersteller, wenn wir in ein paar Jahren Mobilität und Besitz ganz anders verstehen und viel weniger Auto kaufen, sondern nach Bedarf nutzen. Was bedeutet das für mein Markenimage und noch viel wichtiger – was wollen wir überhaupt anbieten, wenn viel weniger Autos verkauft werden?

Sehen Sie – deshalb greift die Antwort oben zu kurz. Ich brauche einen tieferen Sinn, der über das Produzieren von Gegenständen oder das Anbieten von Dienstleistungen hinaus geht. Ein Leitbild, das bei veränderten Geschäftsbedingungen immer noch gilt und die Richtung vorgeben kann.

Leitbilder als Leitplanken

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Beispiele:

Tesla – deren Mission ist: „to accelerate the world’s transition to sustainable energy“ also „den Wandel zur nachhaltigen Energie zu beschleunigen“ .

Wenn Sie hätten raten müssen – hätten Sie so etwas wie „die besten Elektroautos herstellen“ gesagt? Ich wahrscheinlich schon. Worin liegt der Unterschied?

Nachhaltige Energie ist ein Wert, der einem sofort klar ist und dessen Bedeutung jeden Tag zunimmt. Autos kommen darin erst einmal gar nicht vor. Der Bau von Autos ist Teil der Aufgabe, sozusagen Mittel zum Zweck – aber eben auch nur ein Teil. Nicht umsonst hat Tesla schon sehr früh ein ganzes Ökosystem aufgebaut: Von der Gigafactory bis zur Powerwall für die heimische Garage. Vom Aufbau der Infrastruktur für Elektroautos einmal ganz abgesehen – echte Pionierarbeit, getrieben vom eigenen Leitbild. Und wer weiß – vielleicht gehört der Bau von Autos in 10 Jahren schon nicht mehr zum Portfolio von Tesla, sondern etwas ganz anderes – das Leitbild “Nachhaltigkeit” gibt es vor.

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 Nachhaltige Mobilität – gleichzeitig Leitplanke und Raum für Visionen

Wäre der Bau von Autos das Leitbild, hätte es die Mission so sehr verkleinert, dass Tesla vielleicht schon in den Anfängen stecken geblieben wäre. Wie so viele etablierte Player: Erstmal abwarten, bis die Politik, die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen hat. Unsere Kernkompetenz ist der Autobau. Überspitzt? Technologische Verklärung von Tesla? Mag sein – aber ich erinnere mich noch gut an die Aussagen der CEOs der Autokonzerne von einigen Jahren: „100 Jahre Erfahrung im Automobilbau sind nicht aufzuholen!“ Die Realität hat die Konzerne mittlerweile eingeholt, aller aktuellen Probleme bei Tesla zum Trotz.

 Buurtzorg: „Menschlichkeit über Bürokratie“

Mein „Lieblingsunternehmen“ Buurtzorg. Das Leibild ist der Unterschied zu allen anderen Pflegediensten. Hier wird besonders deutlich, wie sehr es bis in die Unternehmensorganisation hineinwirkt. Konsequent wird alles unternommen, um die beste Pflege den Menschen zu kommen zu lassen. Das Ergebnis ist bekannt – wer mag, kann es hier noch einmal genauer nachlesen.

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Google:

to organize the world’s information and make it universally accessible and useful.”

„Die Informationen der Welt aufzubereiten und universell zugreifbar und nützlich zu machen.“

Diese Mission gibt Leitplanken vor, setzt aber gleichzeitig Phantasien frei, was möglich sein kann. Können Sie sich noch eine Welt ohne Google Maps vorstellen? Google hat damit eine suchbare Landkarte der Erde geschaffen – und mit den passenden Schnittstellen, Anwendungsfälle in Hülle und Fülle. Als 2010 der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, wurde auf Basis von Google Maps eine Anwendung erschaffen, die Mitfahrgelegenheiten für ganz Europa möglich machte. Und durch Street View können wir uns heute wie selbstverständlich ein genaues Bild der Umgebung unserer Reiseziele machen, Restaurants finden, bewerten….

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Wie wäre dies möglich gewesen, wenn man nur die beste Suchmaschine hätte sein wollen?

Eine gutes Unternehmensleitbild hat immer einen tieferen Sinn (Nützliches aus Informationen schaffen, nachhaltige Mobilität, menschliche Pflege) – bildet gleichzeitig einen Rahmen und gibt dennoch Phantasien und Visionen Raum. Im Falle von Google sogar bis zur Erforschung des Todes.

Werte bekommen ihre Strahlkraft, indem man sie lebt – und nicht, in dem man sie auf Wände malt.

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Dies alles nutzt jedoch nichts, wenn diese Werte nicht gelebt werden. Nehmen wir einen Klassiker: „Das Beste für unseren Kunden“: ich brauche mir dieses Leitbild nicht auf Wände schreiben oder im Intranet propagieren, wenn nicht jeden Tag alle Handlungen konsequent darauf ausgerichtet sind. Konkret: Wenn mein Kunde Sonderwünsche hat, und diese abgeschmettert werden, weil sie nicht in Prozesse passen. Oder wenn ein Kunde um eine Leistung bittet und ich als Lieferant kenne eine bessere Lösung, die mir (kurzfristig) weniger Geld einbringt. Wer das Kundenwohl dem kurzfristigen Umsatz opfert, wird auf Dauer nicht bestehen. Wie sagt schon Jos de Blok von Buurtzorg: “Vertrauen ist durch nichts zu ersetzen.” 

Das bringt uns zur Essenz des Ganzen: Wer seinen Daseineszweck jeden Tag unter Beweis stellt, betreibt echte Wertschöpfung (im wahrsten Sinne des Wortes) und wird damit auch immer Geld verdienen. Denn Geld ist das Schmiermittel für den Sinn – die Umsetzung des Leitbildes.

Nur wenige haben Visionen – aber die meisten wollen Visionären folgen

MIt einem überzeugenden Leitbild, das uns emotional berührt, ziehe ich die Menschen an, die die Unternehmenswerte teilen – das ist mehr wert als das Wedeln mit hohen Gehaltszahlungen (dies machen nämlich alle, die es sich leisten können und ist damit kein Alleinstellungsmerkmal). Zu Recht sagte ein HR-Verantwortlicher eines großen deutschen Unternehmens: „Alle Top-Arbeitgeber zahlen gute Gehälter und stecken viel Phantasie in sonstige Vergünstigungen von Massagen über exquisites Kantinenessen. Der Unterschied ist das Wozu?“ Damit ziehe ich die Top-Talente an.

Das Kostbarste, über das der Mensch verfügt, ist Lebenszeit. Und die wollen wir alle so sinnbringend wie möglich einsetzen.

Habe ich schon erwähnt, dass dies für alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens gilt? Zum Beispiel auch für Parteien. Die Parteien, denen man ihre Werte wirklich abnimmt, bekommen Zulauf – aktuell vor allem zwei (sie dürfen raten, welche das sind) – der Rest muss kämpfen.

Und für uns als Individuum: Hier schließt sich der Kreis zu den Leitbildern der Unternehmen. Wir alle suchen einen Sinn im Leben – der für viele in der Familie liegt, Erziehung der Kinder etc. Wer beruflich jedoch ausschließlich dem glanzvollen Euro hinterherjagt, wird auf Dauer nicht glücklich werden. Alle Statistiken belegen dies.

So hängt am Ende doch wieder alles zusammen.

10.000 Mitarbeiter, keine Manager, 40% weniger Kosten als der Wettbewerb: Über den Visionär Jos de Blok „Menschlichkeit über Bürokratie“

Jos de Blok ist der Gründer des niederländischen Pflegedienstes „Buurtzorg“ und würde sich selber wohl nicht als ein Leuchtturm der Digitalisierung sehen. Als Visionär aber vielleicht schon, denn er hat die Pflege revolutioniert bzw. auf das wirklich Wichtige reduziert – den Menschen. Und genau deshalb hat er mehr als 10 Jahre bevor Begriffe wie „NewWork“ „selbstorganisierende Teams“ „Customer Centricity“ zum Hype wurden, mit Leben erfüllt.

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie zeigt, was die heute so gehypten Methoden und Mechanismen der neuen Arbeitswelt wirklich bewegen können – und dass sie am Ende des Tages einfach nur die besten Prinzipien widerspiegeln, in denen Menschen ihr Bestes geben.

Genug der Vorrede, fangen wir an: Jos de Blok war Geschäftsführer eines klassischen Pflegedienstes, bei dem im Laufe der Jahre immer mehr Managementebenen und Prozesse eingeführt wurden. Mit der wohl bekannten Begründung, die nicht an das Gesundheitswesen gebunden ist: Komplexität muss mit mehr Management und engeren Vorgaben begegnet werden, damit noch kostendeckend gearbeitet werden kann. Das Ergebnis: die Kosten hatten sich innerhalb von 10 Jahren verdoppelt. (Kommt Ihnen bekannt vor? Ich sage ja, die Argumente werden in allen Branchen verwendet, sind deshalb aber nicht stichhaltiger – denn auch die Ergebnisse gleichen sich)

Die Sinnfrage: „Wozu gibt es uns?“

Jos de Blok wagte etwas Neues und gründete im Jahre 2006 „Buurtzorg“, um eine Vision umzusetzen. Diese Vision lautete „Menschlichkeit über Bürokratie“. Daraus leitet sich alles andere ab, denn eine Vision ist nur dann eine Vision, wenn sich daraus konkrete Handlungen ableiten.

Wenn Menschlichkeit mein Unternehmen ausmacht, gilt das natürlich nicht nur nach außen zu den Patienten hin, sondern beginnt innerhalb – beim Vertrauen zu den Mitarbeitern. Gelebtes Vertrauen ist durch nichts zu ersetzen, denn es reduziert die beiden Kostentreiber und Motivationskiller „Befehl und Gehorsam“ und „Management“ auf ein Minimum.

Vertrauen ist alternativlos

Und da sind wir schon bei den sich selbst organisierenden Teams – ein weiterer Hype von heute, anno 2006 jedoch keineswegs. Das heißt konkret: keine Einsatzpläne mehr mit Vorgaben, wann welcher Patient welche Dienstleistung erhält. Stattdessen begann Buurtzorg mit einem Team von vier Pflegekräften, sie ein Gebiet/Stadtviertel mit Patienten unter sich aufteilen mit Patienten, die dauerhaft von einem Mitarbeiter versorgt werden. So werden Beziehungen und ein tieferes Verständnis für die individuellen Belange des Pflegenden aufgebaut.

Customer Centricity oder „Was braucht mein Patient wirklich“ ?

Und mit dem Verständnis kommt eine ganz neue Qualität in die Dienstleistung von Buurtzorg. Die Pflegekräfte erkennen, wenn ein Mensch einsam ist oder kein gutes Verhältnis zur Familie hat. Die Mitarbeiter von Buurtzorg klingeln dann auch schon mal beim Nachbarn und fragen, ob Interesse besteht, einfach mal bei dem älteren Menschen von nebenan vorbeizuschauen. Oder sie suchen den Kontakt zu Angehörigen und versuchen die familiären Bande wieder zu stärken. Gelebte Vision „Menschlichkeit über Bürokratie“. Weniger Einsamkeit bedeutet mehr Gesundheit, bedeutet weniger Pflegebedarf. Sozusagen macht sich Buurtzorg in gewisser Weise zumindest teilweise überflüssig.

Die Zahlen widerlegen alle Zweifler

Jos de Blok hat in seinen Vorträgen oft davon berichtet, dass man im am Anfang wenig Chancen eingeräumt hat. Die Begründung: „das kann nur mit kleinen Teams funktionieren, sobald du wächst, wirst Du wieder Prozesse brauchen.“ Das Gegenteil ist der Fall.

  • Von 1 Team und 4 Mitarbeitern im Jahre 2006 auf mehr als 1.000 Teams und 14.000 Mitarbeiter im Jahr 2018.
  • 40% (!!) Kostenreduktion
  • 30% weniger Pflegeaufwand
  • Fünfmal nacheinander beliebtester Arbeitgeber in den Niederlanden

„Ich weiß nicht, wie ich es stoppen soll“

Zitat von Jos de Blok in einem Vortrag. Mittlerweile ist das Interesse weltweit geweckt: Für Buurtzorg arbeiten mittlerweile Menschen in den USA, Schweden, Großbritannien, Japan und China (insgesamt in 26 Ländern) – also in ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Gesundheitssystemen.

Und noch ein paar Zahlen: Auch mit 10.000 Mitarbeitern hat Buurtzoorg nach wie vor keine Manager, sondern Coaches. Nach meinen Informationen etwa 30 (die Zahl stammt aus dem Jahr 2017). Die Zweifler wurden also widerlegt: Auch große Organisationen können selbstorganisiert arbeiten.

Erfahrungsaustausch durch ein Social Intranet

Menschen sind (nicht nur bei Buurtzorg) das wichtigste „Kapital“ eines Unternehmens. Damit die Teams sich austauschen können, gibt es seit der Gründung 2006 ein Social Intranet. Nur noch einmal zur Erinnerung: Facebook wurde 2004 gegründet, das zeigt also, wie weit Jos de Blok seiner Zeit voraus war. Er hat lange bevor es die heutigen Collaboration Tools wie Slack, Confluence oder Office365 gab, schon die Wirkkraft des vernetzten Arbeitens erkannt.

  • Teams helfen sich gegenseitig und fragen sich um Rat
  • Aufgaben werden koordiniert
  • Räumlich verteilte Teams fühlen sich trotzdem verbunden.

Das Prinzip „Gemeinschaft macht stark“ wird also nicht nur für die Patienten genutzt, sondern auch nach innen gelebt. Und um noch einen drauf zu setzen: Jos de Blok erzählt, dass immer häufiger Mitarbeiter auf ihn zukommen, die eigentlich in Rente gehen könnten. Sie möchten noch länger aktiv arbeiten, da die Tätigkeit solch eine Freude bereite. Und das bei einem so fordernden Beruf wie der Pflege. N

Die Erfolgsgeschichte von Buurtzorg zeigt, wie Unternehmen langfristig Erfolg haben, wenn sie auf die Fähigkeiten der Mitarbeiter setzen, Vertrauen und Potentialentfaltung zulassen und über all dem ein höheres Ziel steht, dem alle in der Organisation folgen können. Was soll da noch schief gehen?

Quellen:

Digistoteles Episode 007 – Fokus Energie: Wenn Konsumenten Erzeuger werden, warum Stromnetze intelligent werden müssen und die Chancen für (fast) kostenlose Energie

Als Kind des Ruhrgebietes waren Unternehmen wie RWE und eon unveränderliche Konstanten, Diskussionen zum Thema Umweltschutz inklusive. Die liefern Strom und daran wird sich auch in 500 Jahren nichts ändern. Punkt.

Dass gerade diese Branche so schnell fundamentale Veränderungen erleben würde, hätte ich vor weniger als fünf Jahren nicht für möglich gehalten. Und auch hier wieder der immer gleiche Mechanismus der Digitalisierung: mehrere Faktoren spielen eine Rolle und die Auswirkungen von verschiedenen Technologien überlagern und verstärken sich.

Erst die Digitalisierung verändert das Spiel grundlegend. 

Doch von Anfang an: Über die Jahre sind viele Kunden zum Erzeuger von Energie geworden – dank der Solarpanele auf dem Dach. Und da stößt unser Energienetz, dessen Konzeption noch aus den Anfängen der Industriealisierung stammt, an seine Grenzen. Denn das ist darauf ausgelegt, dass wenige Kraftwerke viele Abnehmer mit Strom versorgen. Durch die Atomenergie wurde dieser zentralistische Ansatz in den 70ern noch manifestiert.

von zentralen Netzen zu einem verteilten System

Die Hinwendung zu Strom- und Windenergie bringt mehrere Herausforderungen mit sich:

  • Energie wird nicht mehr konstant und planbar erzeugt
  • Mehr und mehr private Haushalte sind nicht mehr nur Konsumenten, sondern erzeugen selber Strom

Damit passt die heutige Netzarchitektur nicht mehr, sondern muss umgebaut werden von einem zentralen zu einem verteilten oder dezentralen System mit vielen Energiespeichern. Damit bräuchte überschüssige Energie nicht mehr ins Ausland verkauft werden zu unattraktiven Preisen auf den Strombörsen. Energiespeicher müssen nicht zwingend klassische Batterien sein, sondern können auch Wasserstoffspeicher sein. Dieser Wasserstoff könnte dann auch wieder an Autos mit Brennstoffzellenantrieb verkauft werden.

Künstliche Intelligenz zur Vorhersage von Energiebedarf und Verteilung

Wenn Energiespeicher immer wichtiger werden, warum nicht auch die Batterien der immer zahlreicheren E-Autos nutzen? Bei Energiebedarf könnte die Batterie entladen werden, bei Überschuss beladen. Dazu braucht es jedoch intelligente Ladestationen, öffentliche und in privaten Haushalten. Hier kommt nun die Informationstechnologie ins Spiel, die durch Auswertung von Wetter- und Verbrauchsdaten immer genauere Prognosen erstellen kann und darauf basierend eine inteligente Preisgestaltung – ähnlich wie bei Flugpreisen: flexibel und an den Bedarf angepasst.UAls Autobesitzer könnte ich mir gut vorstellen, dass ich meine Batterie entladen lasse, wenn ich die Bedingungen dafür festlegen kann – zum Beispiel, dass immer noch genügend Strom vorhanden ist, um zur Arbeit fahren zu können. Die Blockchain mit Smart Contracts lässt grüßen. Und natürlich muss die Stromentnahme vergütet werden – damit würde Elektromobilität noch günstiger.

Die Aufgabe der Politik

Damit sind wir auch schon bei der Politik: Die muss die Rahmenbedingungen schaffen mit einem schnellen Ausbau der intelligenten Ladestationen zum Beispiel. Und dem Bürger vermitteln, welche Möglichkeiten ein intelligentes Stromnetz bringen würde: zu, Beispiel dramatisch fallende Strompreise – wie das Beispiel oben zeigt. Denn Energie ist ja genügend vorhanden, die Herausforderung ist die intelligente Speicherung und Nutzung. Erinnert sich noch jemand an die Nachtspeicheröfen? Dort wurde Energie nachts gespeichert zu niedrigeren Stromkosten, denn nachts war der Bedarf ja nicht so hoch. Dasselbe Prinzip kann man auch in Smart Grids anwenden: Bei Energieüberschuss im Netz und in dem Moment gerade günstigen Stromkosten stellt sich meine Waschmaschine automatisch an – wenn ich es möchte und damit Geld sparen kann.

Energie könnte aus Dauer sehr viel billiger werden, Energiekonzerne entwickeln neue Geschäftsmodelle

Nachhaltige Energie wird heute schon übrigen immer günstiger, die Preise sind seit 2012 deutlich gefallen, wie dieser Artikel vom Weltwirtschaftsforum zeigt. Manche Stimmen prognostizieren, dass Energie fast kostenlos werden könnte. Was das für unser Wirtschaftssystem bedeutet, ist nur zu erahnen. Auf jeden Fall ändern sich die Geschäftsmodelle der Energiekonzerne deutlich. Innogy beispielsweise hat mit seinen Startup-Ausgründungen Shine und neokii schon gezeigt, in welche Richtung es gehen wird:

  • Datenservices für Privatkunden: Wie liege ich im Verbrauch im Vergleich zu anderen vergleichbaren Haushalten, wo sind Einsparpotentiale
  • Beratung bei der Standortbestimmung für Windräder: Wetterdaten, Verbrauchswerte der lokalen Abnehmer

Ihr seht also, das Thema Energie ist sehr vielfältig. Wenn Ihr mehr hören wollt – hört Euch Episode 007 von Digistoteles an – ab Sonntag, 19. März, hier auf Kontrollverlust-fm.de oder Apple Podcasts und Spotify.

Digistoteles Episode 005 – Anwendungsfälle der Blockchain

In der aktuellen Episode von Digistoteles geht es um den konkreten Nutzen der Blockchain-Technologie. Wozu ist das Ganze eigentlich gut?

Wir reden natürlich über Kryptowährungen:

Was unterscheidet Kryptowährungen von “normalem” Geld – das führt uns dann zum Antrieb, der Kryptowährungen überhaupt hat aufleben lassen.

Könnten Bürger wirtschaftlich kriselnder Staaten in Kryptowährungen einen Ausweg sehen? Und was macht das alte Geld? Können die die Ausbreitung von Kryptowährungen überhaupt verhindern?

Identitätsmanagement

Was versteht man darunter? Warum sind mit Identitäten nicht zwangsläufig nur Menschen verbunden, sondern der Begriff wird erweitert um Gegenstände. Wenn Gegenstände eine Identität haben können, können sie dann auch geschäftsfähig werden? Ja – können sie – soviel schon vorweg. Und wir benennen ein paar konkrete Anwendungsfälle, die es heute schon gibt

Datenschutz

Wie lässt sich das globale Kontoführungsbuch, das nie vergisst, mit dem Datenschutz vereinbaren? Auch hier berichten wir von ersten Projekten – und warum Blockchain die Lösung für die digitale Krankenakte sein könnte.

Neugierig geworden?

Dann gebt euch die neueste Folge auf die Ohren – wie immer hier auf Kontrollverlust, aber auch auf Apple Podcasts und Spotify.

Viel Spass!

Digistoteles Episode 004 – Blockchain und der Vergleich mit Chicken McNuggets

Blockchain soll die Welt verändern oder wahlweise sogar retten – je nachdem, wen man fragt. In der heutigen Episode von Digistoteles fangen wir erstmal bei den Basiscs an und versuchen die Technik dahinter zu erklären. Zum Nachlesen und Nachdenken zu diesem komplexen Thema gibt es diesmal einen ausführlicheren Text. Beginnen wir mit einer Frage:

Was ist die Blockchain?

Kurz gesagt: ein Kontoführungsbuch, in dem alle nur denkbaren Einträge protokolliert werden können. Einträge in diesem System können alles mögliche sein: Eigentumsverhältnisse, wie lange ein LED-Licht gebrannt hat oder der Temperaturverlauf eines Containers auf der Überfahrt von Asien nach Europa.

Dieses Kontoführungsbuch wird nicht von einem einzigen Buchhalter geführt wird, sondern von mehreren an verteilten Standorten. Soll ein neuer Eintrag hinzugefügt werden, muss die Mehrheit der “Buchhalter” das Ergebnis als korrekt verifiziert haben – also mindestens 51% der Buchhalter müssen zum selben Ergebnis gekommen sein. Diese Übereinstimmung der Mehrheit nennt man “Consensus”. Erst dann wird der Eintrag in das Kontoführungsbuch geschrieben, das jedem Buchhalter in einer Ausfertigung vorliegt – die Datenbank”kopien” müssen immer gleich sein bei allen Buchhaltern.

Kein Einzelner hat die Macht, etwas zu verändern – die Gemeinschaft kontrolliert sich gegenseitig

Erste Erkenntnis: Die Blockchain ist die Abkehr von der zentralen Datenhaltung einer Instanz mit allen Implikationen hinsichtlich Datenhaltung und Datensicherheit: Sind die Daten sicher bei dieser einen Instanz, was macht diese Instanz mit den Daten? Marc Zuckerberg und Cambridge Analytica lassen grüßen. In Blockchain System hingegen kann keiner heimlich Transaktionen ausführen.

Zweite Erkenntnis: Das Sytem braucht keinen Mittelsmann, sondern es überprüft und schreibt sich selbst fort: Autofahrten bestellen ohne Uber, Übernachtungen mieten ohne AirBnB.

Das ist noch nicht alles: Hinzu kommt der Aufbau in Ketten. Nehmen wir einmal an, ich möchte in einer Blockchain den Besitz einer Immobilie dokumentieren. Gegen die digitale Besitzurkunde läuft ein Verschlüsselungsalgorithmus, der eine Buchstaben/Zahlen Kombination ausgibt – der Hash. Dieser ist immer gleich – wenn in dem Dokument auch nur ein Komma geändert würde, würde sich der Hash verändern. Zudem wird die Quersumme aus allen vorherigenTransaktionen gebildet als weiteres Sicherheitsinstrument. Würde also ein Baustein aus der Kette entfernt werden, würde die Quersumme nicht mehr stimmen.

Wie bei einer Gruppenreise: Jeder muss nach dem Nachbarn schauen

Im Grunde kann man es sich vorstellen, wie bei einer Gruppenreise. Damit nach einer Pause auch keiner verloren geht, muss jeder nachschauen, ob der Nebenmann/frau wieder da ist. Das Fehlen einer Person fällt nach der Methode sofort auf.

Manipiulation ist so gut wie unmöglich

Wollte jemand die Daten in der Blockchain manipulieren, ist der Aufwand enorm hoch – um nicht zu sagen, die Hürden sind unüberwindlich:

  • Hürde 1: Wenn ein Eintrag manipuliert werden soll, muss die ganze Kette geändert werden
  • Hürde 2: Alle Kopien der Datenbank müssen gleichzeitig verändert werden

Dies ist extrem rechenintensiv, denn die beschriebene Verschlüsselung müsste praktisch für das ganze System neu gerechnet werden – und das mit den modernsten Verschlüsselungsmechanismen. Aus diesem Grund ist die Blockchain auch noch nie gehackt worden.

“Die Blockchain zu hacken ist so einfach, wie ein Chicken McNugget zurück in ein Huhn zu verwandeln.” Don Tapscott

Wenn Ihr jetzt sagt – “stimmt nicht, ich habe da doch was gelesen. Es wurden doch schon Bitcoins gestohlen”. Ja stimmt! Das lag aber nicht am System der Blockchain. Da für viele Laien der Zugang zur Blockchain zu kompliziert erscheint, bieten viele Anbieter einen Service an, der auch ohne Vorkenntnisse den Erwerb z.B. von Bitcoins ermöglicht. Hierfür braucht man für die Verschlüsselungsmechanismen einen privaten Schlüssel. Dieser wurde nicht sicher genug verwahrt. Kommen Hacker an diese Verschlüsselungsschlüssel, können sie Konten von Dritten “übernehmen”.

Apropos Bitcoin – wie kommt der ins Spiel?

Als Reaktion auf die weltweite Finanzkrise hat unter dem Pseudonym “Sathosi Nakamoto” hat ein bis heute unbekannter Mensch die Blockchain Technologie 2009 “erfunden” (na ja, eigentlich gab es die einzelnen Technologien vorher schon – Verschlüsselung und dezentrale Datenbanken – er hat sie nur sinnvoll zusammengeführt).

Was unterscheidet Kryptowährungen von klassischen Währungen?

Es gibt keine Zentralbank, die Geld verwaltet und die Geldmengen bestimmt. Die Anzahl von Bitcoins ist berenzt auf 21 Millionen (deflationaär)- auch hier ein fundamentaler Unterschied zum Bankensystem, die beliebige Summen Geld drucken können (inflationär).

Neue Bitcoins werden von den Minern erzeugt – sie erhalten diese als Incentivierung oder Gegenleistung für die Verifizierung der Transaktionen. Diese Verifizierung ist durch die aufwändige Verschlüsselung sehr rechenintensiv = sehr energieintensiv. Wenn ich Bitcoins kaufe, erwerbe ich damit die Leistung, die andere für die Verifizierung erbracht haben.

Das klassische Finanzsystem basiert auf Vertrauen – dass die Bank mein Geld auf dem Konto sicher verwahrt im Zusammenspiel mit Zentralbank und Staat. Bitcoin basiert auf Misstrauen – nach dem oben genannten Prinzipien des Consensus und der Verschlüsselung zusammenhängender Blöcke.

Nicht nur Banken, sondern alle MIttelsmänner werden überflüssig durch die dezentrale Blockchain Technologie.

Und da sind wir schon bei den Anwendungsfällen – nicht nur Währung ohne Banken, sondern Transaktionen ohne MIttelsmänner: also Hotels ohne Booking.com, Fahrten buchen ohne Uber usw.

Vereinfacht gesagt: Überall da, wo mehrere Parteien miteinander interagieren ohne dass sie sich kennen und vertrauen, kann die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen.

Das alles könnt Ihr Euch in der nächsten Folge von Digistoteles noch einmal genauer anhören: am Sonntag, den 31.März geht diese online.

Digistoteles Episode 003 – Digitaldemokratie

Muss unsere Demokratie digital werden?

Digitalisierung verändert ja angeblich alles – also auch unser Demokratieverständnis? Darum geht es in der Episode 3 von Digistoteles.

Bevor Veränderungen diskutiert werden, sollte zunächst einmal klar sein, was denn die Grundlagen von Demokratie heute sind: in freien und geheimen Wahlen werden Volksverteter für einen bestimmten Zeitraum gewählt, die einem Parteiensystem angehören. Anders ausgedrückt: wir alle beauftragen für einen recht langen Zeitraum (4 bis 5 Jahre je nach Wahl) Parteiverteter, die die größte Schnittmenge mit unseren eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen haben – und hoffen, dass sie bei allen zum Zeitpunkt der Wahl noch unbekannten Ereignissen schon so ungefähr in unserem Sinne agieren werden.

Die Liste der Ereignisse, wo genau dies nicht passiert – also der Wähler sieht seinen Wahlauftrag als nicht erfüllt an – ist lang: von den großen Themen der Migration bis hin zu lokalen Projekten wie Stuttgart 21. Einige wenige entscheiden und viele fühlen sich nur als “Stimmvieh” missbraucht – es knallt! Was könnte man dagegen tun?

Digitale Abstimmungen über Themen statt Wahlen? Wozu dann noch Parteien?

Mit anderen Worten: mehr Volksabstimmungen! Die Schweiz wird von den Befürwortern als Beispiel hergenommen, “Brexit, Brexit!!” halten die Gegner dagegen. Ein Selbstläufer sind Volksabstimmungen also nicht, sondern es müssen Regeln definiert werden:

  • Bottom-up (Schweiz) oder auch Top-down (Brexit) Abstimmungen erlauben?
  • Über was genau darf abgestimmt werden? Wie können Suggestivfragen verhindert werden?
  • Wie kann verhindert werden, dass aktuelle Stimmungen (z.B. nach einem Terroranschlag) von Populisten ausgenutzt werden?

Und da unser Thema ja die Digitalisierung im Fokus hat, fragen wir uns, ob und wie Technologien hier sinnvoll eingesetzt werden können? Von grundsätzlichen Fragen wie:

Ist e-Voting sicherer oder unsicherer als analoge Wahlverfahren?

.. oder vielleicht ganz ungeeignet? Um es vorweg zu nehmen, wir sind uns selber nicht einig in diesem Punkt. Egal ob analog oder digital, “klassische Wahlen von Volksvertretern” oder “Volksabstimmung” es muss sichergestellt sein, dass Wahlen

  • frei

Wie kann eine Einflußnahme Dritter ausgeschlossen werden bei der Stimmabgabe? Entweder durch Stimmenkauf oder durch Ausübung von Druck? Und müssten dann nicht Briefwahlen verboten werden?

  • geheim

(bei e-Voting: wie kann sichergestellt werden, dass der Wählende wirklich der ist, der er vorgibt zu sein und wie kann dann nachher die Stimmabgabe von der Identität getrennt werden? Auch hier stellt sich wieder die Frage nach den Briefwahlen

  • gleich

sind.

Wenn Euch diese Themen interessiert, hört rein uns lasst uns wissen, was Ihr denkt? Haben wir wichtige Aspekte vergessen?

Hier noch ein paar Links, die wir im Podcast versprochen haben:

Hinweis von Arnd: Tom Scott fasst für Computerphile sehr übersichtlich die Probleme mit eVoting – oder Cybervoting – zusammen: https://youtu.be/w3_0x6oaDmI

Digistoteles Episode 002: Die digitale Transformation als Rettung der SPD?

Die konsequent digitale Gesellschaft – Aufforderung zur Neuerfindung der SPD

Die zweite Episode befasst sich direkt mit den ganz großen gesellschaftlichen Themen: Warum stellt eine digitale Gesellschaft alle bisher bekannten Strukturen in Frage und warum sollte die SPD die Chance nutzen und eine Vision für die Welt von morgen erstellen?

Klimawandel und endliche Ressourcen der Erde zwingen die Menschheit, anders zu wirtschaften als bisher – und die konsequente Nutzung der digitalen Technologien sind unsere einzige Chance, diese Aufgabe zu meistern. Dennoch stehen die großen Umwälzungen wir ein rosa Elefant im Raum: alle sehen es, aber keiner geht das Thema an. Denn dann würden alle bekannten Strukturen in Frage gestellt. Für Politiker auf Wählerfang wird das als sicherer Weg in den Untergang gesehen – denn wir Bürger wollen ja (scheinbar) im sicheren Kokon der Wohlstandsgesellschaft verweilen.

Dabei ist die Sehnsucht nach echten Visionären groß und hier könnte eine Chance für die SPD liegen. Übrigens nicht nur für die SPD, aber hier ist der Leidensdruck gerade am größen. Die klassische Arbeiterpartei ist aus der Zeit gefallen und die alte Klientel wandert wahlweise zur AfD oder zu den Linken ab. Vielleicht könnte diese Krise eine Chance zur Neuerfindung sein.

Freiheit, Gleichheit, Solidärität – die alten Werte mit neuem Leben füllen

Warum die alten Werte der Partei “Freiheit, Gleichheit, Solidarität” nichts von Ihrer Strahlkraft verloren haben, darum geht es in unserer heutigen Episode. Sie könnten das Leitbild für die Vision unserer Gesellschaft von morgen sein. Wenn Maschinen unsere langweiligen Routineaufgaben erledigen, könnte sich ein alter Menschheitstraum erfüllen: Wir können unsere Lebenszeit mit Sinn füllen anstatt mit Broterwerb. Dafür muss allerdings unser Bildungs- und Steuersystem und der Begriff von Arbeit ganz neu gedacht werden.

Dies ist ein schwerer Weg, denn er ist mit viel Unsicherheit und Umwälzungen verbunden. Etwas, das die meisten Menschen nicht mögen. Aber seien wir ehrlich zu uns selber: eine andere Alternative haben wir nicht – denn die Welt wird sich weiterdrehen auch wenn wir stehenbleiben.

Diskutiert mit, sagt uns unsere Meinung und über einen Bewertung auf Apple Podcasts freuen wir uns natürlich auch.

Digistoteles Episode 001 – Wir stellen uns vor

Digistoteles – der Podcast zur Digitalisierung

Wir machen weiter – und zwar richtig. Auch uns hat das Podcast Fieber erwischt. Es wird nun regelmäßig alle zwei Wochen immer sonntags eine neue Folge zu allen Facetten der Digitalisierung geben. Wir wollen nichts auslassen: Von Technologie (klar, macht ja jeder) zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Philosophie und Zukunftstheorien und natürlich die unendlichen Verknüpfungen dazwischen.

An Themen wird es uns also nicht fehlen – wir haben schon eine gute Liste zusammen. Lasst Euch überraschen.

Was uns wichtig ist:

Wir werden alle Themen konkret, prägnant und – wenn es sich ergibt – auch kontrovers besprechen. Angereichert mit Storytelling, wir wollen Euch ja nicht langweilen.

Schaltet also Apple Podcast, SoundCloud oder Spotify ein und gebt uns auf die Ohren – auf dem Weg zur Arbeit, beim Einschlafen oder wo auch immer ihr uns hören mögt. In der ersten Episode könnt Ihr uns erstmal kennenlernen: wer sind wir und warum glauben wir überhaupt, zur Digitalisierung etwas Interessantes beitragen zu können.

Und wir freuen uns über Kommentare und Vorschläge zu neuen Episoden.

Eine persönliche Geschichte über die Macht der Verletzlichkeit

Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Google Studie gestoßen, die der Frage nachgegangen ist, was erfolgreiche Teams ausmacht. Im Grunde war nichts ganz Neues dabei, dennoch hat ein Punkt einen Nerv bei mir getroffen: Es ging um den (schon lange bekannten) Fakt, dass Menschen am produktivsten sind, wenn sie ein Gefühl der Sicherheit haben. Und das haben sie, wenn es akzeptiert wird, Fehler machen zu dürfen. Fehler machen heißt, nicht perfekt zu sein – heißt, Schwächen einzugestehen oder Risiken einzugehen. Das hat mich an eine konkrete Geschichte aus meiner Zeit bei IBM erinnert:

Damals hatte ich mich thematisch einem neuen Thema zugewandt. Der Erfolg hing davon ab, dass nicht nur ich das Thema spannend fand, sondern ich musste auch bei Kollegen und Kunden Begeisterung wecken. Ein erster Prüfstein war eine große europaweite Schulung in Athen. Ich hatte mein Thema als Vorschlag eingereicht und es wurde von den Kollegen unter die Top 3 gewählt – damit war klar: ich muss „On Stage“. In englischer Sprache ein neues Thema vor diskussionsfreudigen kritischen Kollegen vortragen. Also nicht zwingend ein Heimspiel, sondern etwas, was einen sehr weit aus der Komfortzone holt.

„Das schaffst Du schon“ hilft nicht weiter, wenn einem die Knie zittern

Jetzt ist es nicht so, dass ich aus meinem Herzen eine Mördergrube mache. Ich hatte Kollegen schon meine Aufregung mitgeteilt und viele liebe verbale „Schulterklopfer“ bekommen. „Das schaffst Du schon.“ Aber einen echten Wendepunkt für alle künftigen kritischen Termine und Situationen hat ein Gespräch mit meinem lieben Kollegen und guten Freund Ralph Siepmann gebracht.

Ich: „Das wird morgen eine Katastrophe, vor mir spricht Kollege XXX. Der ist einer unserer Besten, English native Speaker und der ist auch noch witzig. Wenn ich einen Witz mache, reagieren alle nur mit einem verlegenen höflichen Lächeln.“

Ralph: „Entspann Dich doch mal und akzeptiere Dich, wie Du bist. Stell Dich vorne hin und sage: Ich bin nicht witzig. Aber wenn ihr was über die Zusammenhänge der Digitalisierung hören wollt, dann bleibt sitzen und hört mir zu. Keiner (!) wird Dir das übel nehmen, im Gegenteil – Du wirst die Herzen gewinnen, denn Du bist authentisch und steht zu Deinen Schwächen.“

Wer Schwächen zeigt, ist wahrhaftig und berührt Menschen

Ich habe noch oft an dieses Gespräch gedacht, erst nach Jahren habe ich verstanden, dass dies ein Schlüsselmoment für mich war. In Rhetorikschulungen wird oft gesagt: „Entscheidungen werden nicht über den Verstand, sondern über Emotionen getroffen. Also berührt Eure Zuhörer.“ Das sagt sich nur immer so leicht. Die wenigsten Vorträge oder Meetings lösen wirklich langfristig etwas aus in einem – schon beim Verlassen des Raumes haben wir das Meiste wieder vergessen. Als ich so darüber nachsann, welcher Vortrag mir wirklich lange im Gedächtnis geblieben ist, fiel mir die Microsoft TechEd2013 in Madrid ein – eine Nerd-Veranstaltung zu rein technologischen Themen. Einer davon wurde von einer herausragenden Expertin von Cloud-Architekturen gehalten – die Sprecherin war sichtlich aufgeregt und nicht gewohnt, vor mehreren tausend Leuten über ihr Thema zu referieren. Sie begann mit dem Satz: „Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen – ich bin aufgeregt. Aber ich habe heute etwas zu erzählen, dass mir das alles wert ist.“ Damit hat sie von Beginn an eine Verbindung zwischen sich und dem Publikum hergestellt, die dann nicht mehr abgerissen ist. Ich kann heute noch wesentliche Inhalte dieser Session wiedergeben.

Unser aller Urangst, es nicht wert zu sein, gemocht zu werden.

Und dann wurde ich auf die Soziologin Brené Brown aufmerksam, die mir ihrem berühmten TED-Talk, „The Power of Vulnerability“ genau das auf den Punkt bringt. Menschen, die tiefe Beziehungen zu anderen aufbauen können, haben alle zwei Eigenschaften gemein:

  • Die Großzügigkeit sich selber gegenüber, nicht perfekt zu sein
  • Verletzlichkeit zuzulassen (was unmöglich ist ohne Großzügigkeit zu sich selbst)

Heisst angewandt auf meine Geschichte in Athen: Kein perfektes Auftreten zu haben und trotzdem auf die Bühne steigen. Aufgeregt sein und es zuzulassen. Nicht allwissend zu sein, aber genug für ein Thema zu brennen, um trotzdem mit anderen seine Gedanken zu teilen.

Der Einsatz: das Risiko einzugehen, Scham zu empfinden – eines der schlimmsten Gefühle, die wir Menschen kennen. Sich komplett zu blamieren – für alle Zeiten in die Geschichte einzugehen, als diejenige, die damals auf der Schulung komplett versagt hat oder vielleicht noch schlimmer, über die sich alle lustig gemacht haben.

Der Gewinn: das pure Glück, andere begeistern zu können. Anerkennung zu bekommen. Und abseits dieses Beispiels natürlich auch, echte – wahrhaftige – Verbindungen mit anderen aufzubauen.

Nur eine Seite der Medaille haben zu wollen, funktioniert leider nicht

Die Erkenntnis aus dieser Geschichte: Nur eine Seite der Medaille haben zu wollen, funktioniert nicht. Entweder ich lasse Gefühle zu – oder ich lasse gar keine zu. Mit allen Konsequenzen. Und ja – das Leben ist nicht immer schwarz oder weiß. Man hat nicht immer Gespräche, Begegnungen, Vorträge, in denen man mit seinem Charisma alle umwirft oder sich komplett blamiert. Darum geht es mir auch nicht.

Meine Lektion für mein Leben ist – wer anderen etwas vorspielt, das er nicht ist, wird keine echten Verbindungen aufbauen. Wir haben nämlich alle ein Gespür für Wahrhaftigkeit.

Hat das etwas mit Digitalisierung zu tun? Mir kommen da natürlich direkt die „FuckUp Nights“ in den Sinn mit dem Motto „Live Life without Filter“. Immer wieder wird darüber berichtet, wie inspirierend die Menschen und ihre Geschichten empfunden wurden: der Grund – siehe oben. Es ist also folgerichtig, dass diese Veranstaltungen mittlerweile auch Einzug in Unternehmen halten. Am Ende des Tages doch eine Frage von echter Führung und was Bedingungen sind, unter denen wir alle unser Bestes geben können und bereit sind, das unbekannte Terrain der digitalen Welt zu betreten. Damit hat sich der Kreis geschlossen.