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Digitalisierung ist Teil der Evolution – mit allen Konsequenzen

Diese Woche habe ich einige neue Denkanstöße zur Digitalisierung bekommen – auf der re:publica (neben eigenem Vortrag durfte ich unglaublich inspierierenden Menschen zuhören) und durch dieses Video:

Wir stehen ganz am Anfang

Es stammt vom Next Nature Network, das vom niederländischen Philosophen, Künstler und Informatiker Koert Van Mensvoort begründet wurde. Dort wird die These aufgestellt, dass mit dem Erscheinen des Menschen auf der Erde die Entwicklung der “Technosphäre” als weitere Schicht zu Atmosphäre und Biosphäre begonnen hat, die unsere Erde mitgestaltet. Besonders elektrisiert hat mich dabei der Ansatz, dass die Entstehung der Technosphäre nicht willentlich von der Menschheit entwickelt wurde, sondern sozusagen “passierte” – “it just happend to us”. Und sie verhält sich wie alles in der Natur – sie verbindet und wächst wie ein Organismus und entwickelt sich weiter – als Teil der Evolution. Mit anderen Worten: die Technologie, die der Mensch entwickelt, ist integraler Bestandteil des Ökosystems der Erde.

Zurück zur re:publica – Die Vorträge von Thomas Wagenknecht und Shermin Voshmgir zu Blockchain waren für mich Puzzlestücke, die den Ansatz Ansatz von Koert Van Mensvoort vervollständigen. Denn in beiden Vorträgen ging es nicht (nur) um Technologie, sondern was Blockchain möglich machen kann – nämlich nichts weniger als Werkzeuge zur Umgestaltung der Gesellschaft – mit SmartContracts und selbstorganisierenden Organisationen wurden ja schon erste Versuche gestartet. Blockchain steht noch ganz am Anfang, aber man ahnt, was sich daraus entwickeln kann. Und damit sind wir beim Punkt, auf den ich hinauswill: Wir müssen uns von der Illusion befreien, dass die Menschheit die technologische Entwicklung wirklich beherrschen kann.

Haben wir das jemals? Nein – natürlich nicht. Mit den Konsequenzen der technologischen Entwicklung werden wir in steigendem Ausmaß konfrontiert: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Artensterben – die Liste ist lang. Und zeigt, wie die “Technosphäre” Auswirkungen hat auf den Planeten insgesamt – also auf Bio- und Atmosphäre. Beherrscht haben wir unser Tun also noch nie. Das hätte uns eigentlich Angst machen können, aber die Versuchung war größer: Technologischer Fortschritt bedeutet zunächst und mittelbar höhere Lebensqualität und Bequemlichkeit: Behandlung von Infektionskrankheiten durch Antibiotika, höhere Hygienestandards durch zentrale Wasser- und Energieversorgung,  immer angenehm temperierte Wohnungen, die mühelose Erreichbarkeit entfernter Länder durch Auto und Flugzeug – auch hier ließe sich die Liste lang fortsetzen.

Was ändert sich dann mit der Digitalisierung? Wir erreichen eine neue Stufe der Komplexität und damit Unbeherrschbarkeit und Unvorhersehbarkeit. Ich möchte das am Beispiel des Autos verdeutlichen:

Das Auto in der analogen Welt

Vor der Digitalisierung bedeutete Autofahren für den Einzelnen mehr Mobilität und damit mehr persönliche Freiheit. Wir mussten nun nicht mehr zwingend zum Tante Emma Laden im Dorf, sondern hatten die Auswahl zwischen vielen Geschäften, die mit dem Auto in vertretbarem Aufwand zu erreichen waren. Die Supermärkte und Einkaufszentren vor der Stadt mit riesigen Parkflächen boten das moderne Einkaufserlebnis als Konsequenz daraus und veränderten das städtische Gefüge. Mit den Jahren und dem steigenden Wohlstand stieg die Zahl der Autos an, mit Folgen weit über den individuellen Autofahrer hinaus: Staus sind mittlerweile Alltag in allen dicht besiedelten Gegenden der Welt, die Innenstädte queren große Straßentrassen, Parkflächen machen ein Großteil des wertvollen urbanen Raums ein, vom CO2 Ausstoß durch Autos ganz zu schweigen.

Das vernetzte denkende Auto in der digitalen Welt

Betrachten wir nun den Quantensprung, der mit dem autonomen Fahren einhergehen wird.  Ich überspringe hier bewusst die Phase des digitalen Autos von heute – denn es beherrscht zwar schon tolle Dinge wie Fahrspurassistenz, Distanzregler und Regensensoren, die Aktionen triggern. Dies alles passiert aber INNERHALB des Fahrzeuges, die Kommunikation nach außen ist sehr limitiert. Und genau das ist der springende Punkt beim autonomen Fahren: Das Auto vernetzt sich mit der Welt außerhalb und interagiert aktiv damit – wird also selbstständig und ja auch selbstDENKEND.  (Wenn sie die nächsten Zeilen lesen, denken Sie daran, dass die Technologie im Prinzip schon da ist und nur noch nicht die komplette Marktreife erreicht hat.)

Nehmen wir an, Sie möchten in ein paar Jahren mit Ihrer Familie über das Wochenende ans Meer fahren. Per Fingertip auf dem Smartphone steht das autonome Fahrzeug vor Ihrer Haustür. Sobald Sie sitzen, weiß das Auto, dass zwei Erwachsene und zwei Kinder eingestiegen sind – die Sensoren in den Sitzen haben das Gewicht gemessen. Da ja keiner mehr am Steuer sitzt, ist Zeit für Ablenkung: Anhand ihres Bewegungsprofiles vom Smartphone kennt das Auto ihre bevorzugten Restaurants: Italiener der gehobenen Mittelklasse. Genauso eines bietet ihnen über den Screen im Fahrzeug einen Rabatt von 10% auf das Abendessen, wenn Sie sofort buchen. Das Restaurant liegt auf ihrer Route Richtung Meer, sie werden um die Abendessenszeit vor Ort sein und der Tisch wird gedeckt sein. Schließlich kommunizieren Gaststätte und Fahrzeug miteinander. Sie sehen also – Digitalisierung ist Vernetzung von allem mit jedem – weit über das Ökosystem Automobil hinaus. Und daraus entwickeln sich komplett neue Geschäftsmodelle. Autos werden nicht mehr gekauft, sondern als Service gebucht bei Bedarf. Und zusätzliche maßgeschneiderte Erlebnisse werden angeboten – das ist Teil des Geschäftsmodells und auch hier wieder – Rundumsicht auf die Welt: Präferenzen der Passagiere, Wetterdaten (bei Sonnenschein vielleicht ein Biergarten) und natürlich sonstiges Konsumverhalten: Sie sammeln alte Uhren – auf dem Weg liegt ein altes Traditionsgeschäft, das immer wieder Besonderheiten im Sortiment führt. Vielleicht ist der Regulator aus dem 19 Jahrhundert ja dabei, den sie schon so lange suchen. Sie erkennen, welche Marketing- und Erlebnismöglichkeiten das Autonome Fahren für Unternehmen und Nutzer bietet. Das mag nicht alles genau so kommen – aber deutlich wird, dass wir Absatzmöglichkeiten komplett neu denken müssen.

In den bisher beschriebenen Szenarien haben “Dinge” dem Menschen nur Angebote gemacht, entschieden hat der Mensch, ob er sie nutzt oder nicht. Denkbar sind allerdings auch Szenarien, in denen das autonome Fahrzeug selber entscheidet, ohne aktives Zutun des Passagiers: Ein älterer Herr mit einem intelligenten Wearable am Handgelenk steigt ein und möchte zum Kaffetrinken in die Stadtmitte gefahren werden. Unterwegs misst der Sensor am Handgelenk dramatischen Blutdruckabfall – ein Notfall. Das Fahrzeug entscheidet nun selbständig in welche Klink es den Passagier bringt: abhängig von Straßenlage, Austattung des Krankenhauses (gibt es eine Kardiologie?), Informationen über den Belegungsgrad der Notaufnahme und und und.

Wir sehen also: “Dinge” können in nicht allzu ferner Zukunft Entscheidungen treffen. Gleichzeitig gibt es (heute schon!) komplett aus Code bestehende Unternehmen (DAO)- möglich gemacht durch Blockchain. Ist es da nicht konsequent, wenn Dinge geschäftsfähig werden? Es ist doch denkbar, dass ein Auto entweder ein Asset einer DAO sein könnte oder selber als eigenes Unternehmen fungiert mit eigenem Wallet (ein Bankkonto einer Kryptowährung, die auf Blockchain Technologie basiert) für das Ausführen von Finanztransaktionen.

Eine Welt ohne Mittelsmänner und ohne Korruption?

Verstehen Sie, warum mich das Video oben so elektrisiert hat? Dinge verselbständigen sich – und wenn wir bis dato schon keine Kontrolle mehr hatten, wird sich dies noch verstärken? Oder können wir sogar auf eine bestimmte Art und Weise die Kontrolle zurückerhalten? Auch hier kommt wieder Blockchain ins Spiel. Blockchain bedeutet, Informationen sicher und dezentral zu protokollieren – und zwar Informationen jedweder Art. Damit entfällt “the man in the middle” – also Mittelsleute jedweder Art. Keine Bank mehr für Transaktionen, kein Uber für Mobilitätsservice, kein AirBnB für Wohnungen, keine Manager, um ein Unternehmen zu führen (DAO!) und —– weder Behörden noch Notare, die bei Steuerzahlungen oder Eigentumsüberschreibungen benötigt werden. Zukunftsmusik? Schweden testet Grundbucheinträge über Blockchain, in Griechenland möchte man mit Blockchain die korrupte Bürokratie in den Griff bekommen. Und natürlich sind auch nachvollziehbare und sichere Wahlen damit möglich – jede Stimme wird nachvollziehbar und transparent gezählt.

Mein Fazit: Die Mechanismen, wie technische und menschliche Interaktionen funktionieren, gleichen sich an: Musste zu Zeiten der Industrialisierung ein Unternehmen wie eine Maschine funktionieren – prozessgesteuert und effizienz-getrieben, so haben sich Menschen mit der Vernetzung von Dingen auch virtuell vernetzt: Facebook, Twitter und Konsorten wurden globale Werkzeuge. Seit kurzem gesellen sich “Dinge” zu unserer Unterhaltung hinzu, rücken uns immer näher und fühlen uns schon den Puls. Und demnächst können wir uns der Mittelsmänner entledigen – geschäftlich und gesellschaftlich. Mal schauen, wann die Politik dies entdeckt und das Thema aufgreift – ich prognostiziere, dass sie es reflexartig bekämpfen wird. Aber wie gesagt: “it is happening to us” – es wird nicht kontrollierbar sein und ist  auch deshalb so spannend.

 

Digital Heroes 2016: Von Mittweida aus die Regeln der Weltwirtschaft ändern?

Teil 2 meines Berichtes über das nächste große Ding aus Mittweida (Teil 1 ist hier). Mich wundert ein wenig, dass diese spannende Geschichte mit revolutionärem Potential im letzten Sommer eher ein Nischendasein in der öffentlichen Wahrnehmung führte. Vielleicht, weil das Thema sehr technologielastig ist. Dennoch hier der Versuch, diesen Krimi aus dem wahren Leben gut konsumierbar zu vermitteln.

Mit Technologie die Regeln ändern und die Frage, wie weit man gehen kann

Wir haben hier schon über selbstorganisierende Organisationen gesprochen (z.B. Burtzoorg). Eine ganz neue Dimension hat das, was die Brüder Christoph und Stefan Jentzsch da ins Leben gerufen haben – nämlich eine sich selbst verwaltende Organisation ohne Firmensitz, ohne Registrierung  – komplett virtuell, bestehend nur aus Code – das Ganze nennt sich “Decentralized Autonomous Organization”, kurz DAO. Da sie keinen physikalischen Firmensitz hat, unterliegt sie auch keiner Rechtsprechung irgendeines Landes.

Aber von Anfang an: Für Ihr Startup Slock.it benötigten die Gründer Kapital. Der klassische Weg wäre nun gewesen, sich das Geld von den Risikokapitalgebern des Silikon Valley zu holen. Das widerspricht jedoch den Überzeugungen der Gründer: Wenige Menschen mit ausreichend Geld geben die Richtung der Digitalisierung vor. Könnte man auch auf andere Weise an Geld kommen – etwa nach dem Crowdfunding Prinzip? Jeder Interessierte, kann soviel investieren, wie er kann – entsprechend sind die Stimmrechte.

Da passte es natürlich wunderbar, dass beide Entwickler der Blockchain Ethereum waren – das heißt, sie haben tiefes Verständnis davon, wie Informationen sicher ausgetauscht und gespeichert werden. Die Blockchain kann also auch dazu genutzt werden, Verträge abzubilden. Denn ein Vertrag ist ja nichts anderes als eine Festschreibung, wer was tun darf bzw. wem was gehört, richtig?  Und in der Blockchain eben nicht auf Papier, sondern digital. Nun mag man mit Recht fragen – na und? Ob jetzt analog oder digital – das ändert ja nichts am Wesen des Vertrages an sich – und damit an der Grundlage einer Organisation. Und nun nähern wir uns dem springenden Punkt: Eine klassische Organisation gehört einer oder mehreren Person – sie ist (meistens) hierarchisch aufgebaut, ein paar bestimmen, wo es langgeht – siehe oben die Finanzgeber im Silicon Valley.

Demokratisierung von Organisationen – ein unglaubliche Resonanz

Die DAO funktioniert nun nach dem Prinzip – wer Geld gibt, bekommt eine anonyme ID und einen Token (eine Art Krypowährung a la Bitcoin) mit Verfügungsrechten anteilig zum eingezahlten Geldbetrag. Nach dem Mehrheitsprinzip wird dann bestimmt, in welche Projekte das Geld fließt. Bei größeren Unstimmigkeiten würden sich Unterorganisationen oder Abspaltungen bilden mit einem neuen Weg/Projekt. Also eine Demokratie mit Parteien – allerdings nicht ein Mensch eine Stimme, sondern je mehr Geld eingezahlt wird, umso mehr Stimmrechte.

Wer nun glaubt, das wäre alles zu abgehoben und theoretisch, wird eines besseren belehrt: Innerhalb von vier Wochen haben mehr als 22.000 Menschen insgesamt eine Summe von etwa 160 Mio Euro investiert – die größte Crowdfunding Aktion aller Zeiten.

Doch dann passierte der Krimi: Der Code wurde “gehackt” und Geld abgezogen. Anführungszeichen deshalb, weil der Hacker nur den vorhandenen Code für sich genutzt hat, um Geld abzuziehen. Da ja der Code die Vertragsgrundlage ist, hat er nicht gegen die Regeln verstoßen. Dennoch hat die DAO Community gemeinsam entschieden, ein Code-Update durchzuführen und den Investoren das ursprünglich eingezahlte Geld zurückzugeben. Auf diesen Widerspruch angesprochen, sagte Christoph Jentzsch: “Nicht der Code ist die oberste Instanz, sondern die Mehrheit der Community. Sie ist unser oberster Gerichtshof.” Also keine Rechtsprechung eines Staates. Eine DAO ist autonom, kein einzelner Mensch kann den Betrieb einer DAO einstellen, nicht einmal der Gründer der DAO. Dies kann nur ein einstimmiger Beschluß aller Stimmberechtigten.

Schlußendlich ist der erste Versuch, eine DAO ins Leben zu rufen, gescheitert. Aber die Geschichte wird weiter gehen. Was sich daraus in Zukunft ergeben kann? Und vor allem die Frage: Wann wird die Politik versuchen, Einfluß zu nehmen und versuchen, diese Technologie zu verbieten ( fragt sich allerdings “wie?” ) . Aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit.

Fortsetzung folgt auf dieser Seite…. stay tuned.

 

Wer sich die Geschichte von Christoph Jentzsch direkt anhören möchte und 16 Minuten Zeit hat:

 

Und eine der besten Erklärungen auf Deutsch zur Blockchain findet Ihr hier:

Gar kein Mysterium: Blockchain verständlich erklärt