Schlagwort-Archive: retail

So geht Design Thinking – Amazon Tatkal

Ralph Siepmann hat seinem Beitrag schon darüber gesprochen, dass Digitalisierung vor allen Dingen heißt, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Und genau das ist ja der Ansatz des vielbesprochenen und gehypten “Design Thinking”. Wikipedia sagt dazu: Design Thinking ist ein Ansatz, der zum Lösen von Problemen und zur Entwicklung neuer Ideen führen soll. Ziel ist dabei, Lösungen zu finden, die aus Anwendersicht (Nutzersicht) überzeugend sind.”

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Geschichte, wie Amazon den indischen Markt erobert:

Amazon wollte in Indien Marktanteile gewinnen. Nun ist das nicht so trivial, denn nur 35% der Bevölkerung haben überhaupt einen Internetanschluß und zwei Drittel leben in ländlichen Gebieten ohne nennenswerte Infrastruktur. Zudem gibt es staatliche Auflagen, die einen direkten Online-Verkauf ausländischer Ware an den Endkunden verbietet. Mit anderen Worten: das klassische Amazon Geschäftsmodell ist auf Indien nicht übertragbar. Der Handel muss mit indischen Gütern funktionieren, die es in Hülle und Fülle gibt. Allerdings werden diese Güter vor allem von kleinen bis winzigen lokalen Händlern vertrieben.

Nun ist Amazons Geschäftsprinzip “Customer Obesession”. Das heißt in diesem Fall: Amazon Mitarbeiter sind mit einem “Chai Cart” – so eine Art Teewagen direkt in die Bazaare gegangen und haben sich direkt vor Ort mit den Händler bei einem Glas Tee über ihren Alltag, ihre Sorgen und Herausforderungen unterhalten. Den meisten fehlen die Voraussetzungen für eine Online-Präsenz, denn sie haben weder einen Internetanschluß noch eine Kamera.

Chai CartQuelle: https://services.amazon.in/resources/seller-blog/amazon-chai-cart-won-gold.html

Die vielen Gespräche führten zu einem neuen Service: Amazon Tatkal

Mit einem Bus fahren Amazon Mitarbeiter direkt zu ihren Kunden: In weniger als einer Stunde sind die Händler in der Lage, ihre Waren online zu verkaufen. Im Bus werden die Waren professionell fotografiert und kategorisiert. Seit seinem Start im Februar 2016 konnte Amazon etwa 18.000 neue Händler für sich gewinnen, die Waren im Wert von 25 Millionen Euro anbieten.

Amazon Go – Analoges Shopping in der digitalen Welt

Das personifizierte Online-Shopping Unternehmen steigt nun also in die analoge Welt ein, natürlich mit dem Blick auf uns Endanwender: Das, was uns am meisten nervt beim Einkaufen, wird erstatzlos gestrichen: Anstehen an der Kasse.  Einfach Ware einstecken und gehen, der Preis für die gekaufte Ware wird automatisch abgebucht. Und natürlich kann man sicher sein, dass Amazon die hier gewonnenen Kunden-Informationen gewinnbringend auch im digitalen Handel nutzen wird. Sehr innovativ!

Na ja, soooo innovativ nun auch wieder nicht, denn die Technologie (Einkaufen ohne Kasse)  gibt es schon seit 10 Jahren, wie dieses alte IBM Video aus dem Jahre 2006 zeigt:

Technologisch möglich ist das, mit dem Amazon den Handel im Januar 2017 aufmischen wird, also schon länger. Warum lässt sich hier der Handel weltweit (mal wieder) den Schneid abkaufen? Walmart hat 2014 einen halbherzigen Versuch gestartet, dabei mussten aber die Waren vom Kunden selbst mit dem eigenen Telefon eingescannt werden – Zeitvorteil Null! Aber immerhin hat sich Walmart überhaupt mal mit einer Innovation an den Kunden getraut. Grundsätzlich gilt: Was im Einzelhandel hinter verschlossenen Türen mit viel Geld getestet wird, ist ein Geheimnis. Und da sind wir beim Kern der Problematik: “Cultural Change” – keine Angst vor Fehlschlägen! Wie sagte Jeff Bezos im April 2016 in seinem Brief an die Shareholder: One area where I think we are especially distinctive is failure. I believe we are the best place in the world to fail (we have plenty of practice!), and failure and invention are inseparable twins.”

Genau das ist der Unterschied zwischen etabliertem Handel und Amazon – die bringen die Kraft (Technologie) auf die Straße – auch mit dem bewussten Risiko zu scheitern. Im schlimmsten Fall hat man etwas gelernt. Da sind wir schon beim nächsten “Buzzword”, das keines ist, sondern knallharte Bedingung, um im digitalen Zeitalter zu überleben: “Fail fast, learn fast”. Heißt konkret: Schnell vom Laborversuch in das echte Business gehen – langwierige Entscheidungsprozesse über viele Hierarchiestufen machen Geschäftschancen kaputt. Mal schauen, wie schnell die Konkurrenz reagieren wird.

Übrigens: Disruptionen betreffen nicht nur den Handel, sondern alle Industrien. Natürlich auch die Informationstechnologie, wie ich aus eigener Anschauung sehr wohl weiß. Wer hat das Cloud Business “erfunden” und damit das Geschäftsmodell von IBM, Microsoft und vielen anderen durcheinandergewirbelt? Richtig –  Amazon. Das mit der Fehlerkultur scheint ja recht gut zu funktionieren.  🙂